Klimaexperte begründet Hitzewelle mit "spezieller Wettersituation"

25. Juli 2018, 11:12
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Die momentane Hitzewelle in der Nordhemisphäre sei nicht nur auf den Klimawandel zurückzuführen

Wien – Temperaturrekorde, Trockenheit, Waldbrände – die Nordhemisphäre wird derzeit von einer Hitzewelle heimgesucht. Der Klimawandel mag eine Rolle spielen, die Situation ist aber nicht allein darauf zurückzuführen, sagen Experten. "Sie hängt in erster Linie mit einer speziellen Wettersituation zusammen", betonte Klimaforscher Klaus Haslinger von der Zentralanstalt für Meteorologie (ZAMG) in Wien.

"Auf der Nordhemisphäre bestehen derzeit sehr stabile Hoch- und Tiefdruckgebiete, die sich nicht oder nur wenig verlagern. Diese blockieren den Westwind-Drift", erläuterte Haslinger. "Üblicherweise wandern diese Systeme, dann zieht einmal ein Tief durch, dann kommt wieder ein Hoch, dann hat man ein Wetter, das sich über mehrere Tage ändert. Wenn sich eine Situation einstellt, in der diese Verlagerung gebremst ist oder streckenweise gar nicht mehr stattfindet, dann stellen sich so extreme Zustände ein."

Stabiles Hoch über Russland

In Schweden, eigentlich bekannt für Kälte und Schnee, sind im ganzen Land Waldbrände ausgebrochen, dutzende innerhalb des nördlichen Polarkreises. Die anhaltende Trockenheit in dem Land erklärte Haslinger so: "Über Westrussland liegt ein stabiles Hoch, das immer wieder sehr warme und trockene Luftmassen nach Skandinavien bringt. Folge sind der ausbleibende Niederschlag und Hitze."

Beobachtet wurde diese Wettersituation seit dem Frühjahr "immer wieder", sagte Haslinger. "In den letzten Wochen hat es sich festgesetzt. Es gibt natürlich gewisse Variationen, manchmal war das Muster nicht so stark, aber in den vergangenen Wochen war diese Wetterlage sehr stabil."

Rekordtemperaturen auch in Afrika

Auch in anderen Teilen der Welt wurden Rekordtemperaturen gemessen. An einer Wetterstation in der Sahara in Algerien zeigte das Thermometer 51,3 Grad – die höchste je aufgezeichnete Temperatur in Afrika. Es sei allerdings nicht leicht, diesen Rekord einzuschätzen, meinte Haslinger. "Man müsste wissen, wie lange die Messreihe ist und unter welchen Bedingungen dort gemessen wird. Im Juni wurde auch aus Katar ein Rekord vermeldet. Wir haben nachgeschaut und festgestellt, dass ähnlich hohe Werte bereits 2017 und 2011 verzeichnet wurden, aber die lagen gerade noch ein bisschen unter dem neuen Rekord. Ich will das nicht relativieren, diese Temperaturen sind ein sehr starkes Signal, aber wir von der Klimaforschung schauen sehr genau auf die Datenbasis."

Vergleiche mit 1976

Britische Medien vergleichen die derzeitige Situation mit ähnlichen Zuständen von 1976, als Westeuropa von einer der größten Dürre- und Trockenkatastrophen betroffen war. Ungewöhnlich extreme Hitze etwa über Großbritannien gab es also schon früher, wie Haslinger bestätigte. "Wenn man sich weiter zurückreichende Daten anschaut, sieht man, dass es immer wieder sehr trockene Jahre oder Sommer gab. Das ist ein Zeichen, dass im Klimasystem viel Variation möglich ist und man mit dem direkten Schluss, das seien Auswirkungen des Klimawandels, vorsichtig umgehen muss. 1976 war es eben auch sehr trocken, die Temperaturerhöhung allerdings nicht so stark wie heuer."

Kein baldiges Ende in Sicht

Inwiefern die Temperaturen im Nordatlantik und die Verteilung dieser Wassertemperaturen einen Einfluss auf die Etablierung solcher Wettersituationen hat, sei Gegenstand intensiver Untersuchungen, berichtete der Klimaforscher. "Natürlich: Im Zuge des Klimawandels erwärmt sich die Meeresoberflächentemperatur", führte Haslinger aus. "Aber eigentlich wäre das rein vom physikalischen Prinzip her ein Gegenwirken. Weil wenn das Meer wärmer ist, würde mehr verdunsten und mehr Feuchtigkeit wieder in die Atmosphäre gelangen. Da braucht es aber wieder die geeigneten Wettersituationen, die diese Feuchtigkeit in die trockenen Gebiet bringt. Derzeit ist dieser feuchte Nachschub blockiert."

Wie lange die Situation noch anhält, könne man nicht seriös sagen. "Aber in der nächsten Woche wird sich daran nichts ändern", sagte Haslinger. (APA, 25.7.2018)

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