Bald eine Million Ausländer am heimischen Arbeitsmarkt

25. Juli 2018, 06:00
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Die Migration nach Österreich ist enorm. Neue Jobs gehen fast ausschließlich an Zuwanderer

In Deutschland hat der Asylstreit fast die Koalition gesprengt, in Österreich ist das Thema Migration ohnehin ein Dauerbrenner. Ökonomen machen in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass Europa Zuwanderung brauche, weil die Alterung der Gesellschaft die Arbeitsmärkte leerfege und die Finanzierbarkeit des Wohlfahrtsstaats gefährde. Doch die Ausgangspunkte sind unterschiedlich, und der Bedarf an Migration ist nicht zuletzt eine qualitative Frage. Zuwanderer mit welcher Ausbildung werden benötigt?

Doch zuerst zu Deutschland. Viele Volkswirte haben Innenminister Horst Seehofer widersprochen, der in der Flüchtlingsfrage einen besonders scharfen Kurs verfolgt. Das Researchhaus Oxford Economics beispielsweise sieht wegen der demografischen Entwicklung einen großen Handlungsbedarf.

Entlastung für Pensionssystem

Das Problem, das in vielen Industriestaaten akut wird: Eine steigende Zahl an Pensionisten soll von einer schrumpfenden Zahl an Aktiven versorgt werden. Das führt zu Leistungskürzungen oder Beitragserhöhungen. Die Zwickmühle wird durch die Flüchtlinge zumindest teilweise gelindert, auch wenn viele erst nach mehreren Jahren Arbeit finden, meint Daniel Harenberg von Oxford Economics.

Er kommt auf eine Entlastung des Pensionssystems im Ausmaß von 5,4 Milliarden Euro bis 2060 jährlich, um die das Pensionssystem durch die Asylberechtigten entlastet werde. Dieser Betrag übersteige die Kosten der Sozialhilfe deutlich, die beispielsweise in Form von Arbeitslosenunterstützung anfalle.

Umstrittener Effekt

Klarerweise sind derartige Untersuchungen mit großer Unsicherheit behaftet. In Österreich beispielsweise kam der Fiskalrat Ende 2016 zu dem Ergebnis, dass die Ausgaben für Flüchtlinge die zusätzlichen Staatseinnahmen deutlich übersteigen. Allerdings zeigte auch diese Untersuchung, dass die Ergebnisse stark variieren, je nachdem, wie gut oder schlecht die Asylberechtigten am Arbeitsmarkt unterkommen. Das hängt von den Annahmen ab.

In Österreich ist die Lage auch etwas anders als in Deutschland. Die Bevölkerung wächst nämlich stark. Ausschlaggebend dafür ist die Zuwanderung, ohne die die Einwohnerzahl schrumpfen würde. Die Migranten kommen insbesondere aus Osteuropa, aber auch aus anderen Staaten wie beispielsweise Deutschland. Das hinterlässt deutliche Spuren auf dem Arbeitsmarkt. Schon in den letzten fünf Jahren stieg das Arbeitskräfteangebot in Österreich um 270.000 Jobs, wovon 80 Prozent auf Ausländer entfielen.

IHS-Ökonom: "Brauchen Zuwanderung"

In dieser Tonart wird es laut IHS-Experte Helmut Hofer weitergehen. Waren 2015 noch 19 Prozent der Erwerbspersonen Ausländer, wird dieser Anteil seinen Berechnungen zufolge bis 2022 auf 26 Prozent steigen. Im Jahr darauf dürfte das nichtösterreichische Arbeitskräfteangebot dann erstmals die Marke von einer Million übersteigen. Hofer sieht diese Entwicklung positiv, zumal viele der gesuchten Leute in Österreich nicht zu finden seien. "Wir brauchen die Zuwanderung", verweist er auf den Fachkräftemangel. Die Verdrängung einheimischer Arbeitskräfte halte sich in Grenzen. Der IHS-Experte nennt ein Beispiel: "Wenn ein Techniker nicht aus dem Ausland gekommen wäre, heißt das nicht, dass eine derzeit arbeitslose Teilzeitverkäuferin einen Job gefunden hätte."

Fraglich ist, ob der Zustrom aus den osteuropäischen Ländern überhaupt auf dem hohen Niveau bleibt, wachsen doch die Löhne angesichts der Verknappung auf dem Arbeitsmarkt stark. "Irgendwann ist das Potenzial ausgeschöpft", sagt Hofer. Zudem gibt es politischen Widerstand gegen die Migration, beispielsweise vonseiten der FPÖ. Ihr Chef Heinz-Christian Strache sah Ende Mai Diskussionsbedarf betreffend die Personenfreizügigkeit und argumentierte unter anderem mit dem Verdrängungsprozess in Österreich. Auch Arbeiterkammer und Gewerkschaft haben aus diesen Gründen immer wieder Kritik an der starken Zuwanderung geäußert. (Andreas Schnauder, 25.7.2018)

  • Facharbeiter aus dem Osten sind besonders gefragt.
    foto: apa/herbert neubauer

    Facharbeiter aus dem Osten sind besonders gefragt.

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