Mehr als 70 Menschen bei Waldbränden nahe Athen getötet, viele in Lebensgefahr

Video24. Juli 2018, 16:50
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Teil der Hafenstadt Rafina im Osten Athens ist zerstört, viele Personen werden noch vermisst – Zivilschutzchef: "Schlimmstes Szenario eingetreten" – Minister vermutet Brandstiftung – Drei Tage Staatstrauer angeordnet

Der Petalische Golf ist eine weite Bucht östlich der griechischen Hauptstadt Athen, rund um Marathon und vor den Ausläufern der Insel Evia. Am Dienstagmorgen, nach einer Nacht rasender Feuer, bietet sich ein Bild der Verwüstung: schwarz verkohlte Wälder über Kilometer, niedergebrannte Siedlungen, Hubschrauber fliegen Kessel mit Löschwasser, die an Drahtseilen hängen, durch die Luft. Schon die vorläufige Bilanz ist tragisch.

Bei den schwersten Waldbränden in den vergangenen zehn Jahren kamen mehr als 70 Menschen ums Leben (die Zahl wurde mittlerweile nach oben korrigiert, Anm.) Mehr als 150 werden derzeit mit zum Teil schweren Verletzungen in Krankenhäusern in Athen behandelt. Premier Alexis Tsipras rief eine dreitägige Staatstrauer aus.

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Im Westen und Osten von Athen kämpfen hunderte Feuerwehrleute gegen starke Waldbrände.

Die Zahl der Opfer kann noch steigen. 24 Tote meldete das griechische Staatsfernsehen in der Nacht aus dem Gebiet um die Städte Nea Makri, Rafina und Pikermi am Petalischen Golf.

foto: reuters / alkis konstantinidis
Die Waldbrände nahe Athen breiteten sich am Montagabend auf die dicht besiedelten Hügel nahe Athen aus.

Am Dienstagmorgen berichtete der Bürgermeister von Rafina-Pikermi, Evangelos Bournos, von 26 weiteren Leichen, die in Tavernen am Strand gefunden wurden, nur 15 Meter vom Wasser entfernt. Das Feuer muss so schnell über den Tavernenort Argyra Akti hereingebrochen sein, dass die Menschen keine Chance zur Flucht mehr hatten.

Rund 700 Bewohner und Urlauber aber waren in der Nacht mit Booten von den Stränden am Golf zum Hafen von Rafina gerettet worden. Der Ferienort Mati zwischen Nea Makri und Rafina war weitflächig zerstört. Flammen schlugen am Morgen noch aus Fenstern von Ferienhäusern und Wohnanlagen. Abgebrannte, von der Hitze verbeulte Autos standen auf den Straßen.

foto: afp photo / valerie gache

Ein Brand unter Kontrolle

Drei große Brände waren am Montag westlich und östlich von Athen nacheinander ausgebrochen. Ein Dutzend kleinere im Großraum Attika und auf dem Peleponnes kamen noch dazu. Eine Hitzewelle mit Temperaturen um 38 Grad seit dem Wochenende und starke Winde ließen die Flammen rasch anwachsen.

foto: ap / thanassis stavrakis
Bewohner und Touristen brachten ihre Habseligkeiten in Sicherheit.

"Es ist das sogenannte schlimmste Szenario eingetreten", sagte der Chef des griechischen Zivilschutzes, Giannis Kapakis, im Fernsehen. Die Flammen bei Athen wüteten in einem dicht mit Pinien bewaldeten Gebiet, wo es überall Ferienhäuser gibt.

foto: ap photo/thanassis stavrakis
In der Stadt Mati waren zahlreiche Häuser und Autos völlig ausgebrannt.

Die Gouverneurin der Provinz Attika, Rena Dourou, rief am Montagabend den Notstand aus. Für die mit Waldbränden so erfahrenen griechischen Feuerwehren war das Ausmaß dieser gleichzeitigen Brände viel zu groß.

Die Behörden baten angesichts der Lage andere EU-Länder um Hilfe. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel zeigte sich in einer Nachricht an den griechischen Regierungschef Alexis Tsipras bestürzt. Griechenland könne sich der deutschen Unterstützung sicher sein. Auch Zypern und Spanien boten ihre Unterstützung an. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron kündigte in Tweets auf Französisch und Griechisch ebenfalls Hilfe an.

foto: apa / afp / angelos tzortzinis
Weil die Brände mitten in dicht besiedelten Hügeln wüten, spricht der griechische Zivilschutz vom "schlimmsten Szenario".

Zumindest der Großbrand westlich von Athen um den Ferienort Kineta am Saronischen Golf schien am Dienstag unter Kontrolle. Die Autobahn zwischen Athen und Korinth war wieder offen. Einsatzkräfte und Bewohner hofften immer noch auf Regen, den der Wetterdienst für Dienstag vorausgesagt hatte.

foto: apa / afp / valeria gache
Die Fluchtrouten aus dem Brandgebieten waren teils gesperrt, die Flammen kamen der Autobahn nahe.

Der Minister für Bürgerschutz, Nikos Toskas, äußerte am Montag bereits den Verdacht, bei den Bränden könnte es sich um Brandstiftung handeln. Regierungschef Tsipras war am Montagabend von einer Reise aus Bosnien zurückgekehrt und verbrachte einen Teil der Nacht im Krisenzentrum der Feuerwehr.

Österreichs Außenministerium warnt Reisende in der Umgebung von Athen auf seiner Homepage, sich "aktiv über die Lage informiert zu halten" und besondere Vorsicht walten zu lassen. Weiteres wird dringend geraten, den Anweisungen der Sicherheitskräfte unbedingt Folge zu leisten. (Markus Bernath aus Athen, 24.7.2018)

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