Özils Rücktritt löst Debatte über Integration aus

Analyse mit Video23. Juli 2018, 17:55
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Die Causa Özil hat nicht nur eine sportliche Dimension – sie legt auch offen, wie Deutschland mit seinen türkischen Zuwanderern und deren Nachkommen umgeht: mit Härte

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Urlaub – vielleicht ist das ihr Glück. Für die kommenden zwei Wochen kann ihr niemand eine Reaktion auf den ersten wirklichen Aufreger des deutschen Sommers abverlangen: Mesut Özil erklärt seinen Rücktritt aus der Fußballnationalmannschaft – und begründet ihn mit "Rassismus und fehlendem Respekt".

Merkel und Özil wird eine spezielle Verbundenheit nachgesagt; beide haben sie nie dementiert. Ausgangspunkt ist ein Foto, das längst zum kollektiven Gedächtnis Deutschlands gehört: Die Kanzlerin schüttelt einem barbrüstigen Özil die Hand. Soweit zu sehen, lächeln die beiden sich an. Es gab damals, im Oktober 2010, einige Aufregung wegen des Schnappschusses. Die Regierungschefin und der halbnackte Fußballer! Huch!

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Georg Spitaler vom Fußballmagazin "Ballesterer", ist der Ansicht das die ganze Debatte um Mesut Özil gar nicht aufgekommen wäre, wenn er mit Deutschland bei der Weltmeisterschaft besser abgeschnitten hätte.

Nichts aber war das im Vergleich zum Getöse um die Fotos aus dem vergangenen Mai, die Özil mit dem wahlkämpfenden türkischen Präsidenten Tayyip Erdoğan zeigen.

Foto-Kontroverse

Fürs Brustbild gab es einen sportlichen Anlass: Deutschland hatte die Türkei soeben im Berliner Olympiastadion 3:0 geschlagen. Die Erdoğan-Fotos aus London indes wurden in Deutschland so verstanden, wie der türkische Präsident sie gemeint hatte: politisch. Und obwohl es Erdoğan ausschließlich um den Wahlkampf ging, bugsierten er und Özil – mehr als dessen ebenfalls am Shooting beteiligter Nationalmannschaftskollege İlkay Gündoğan– Deutschland in eine Debatte über die Integration der sogenannten Deutschtürken.

foto: apa/afp/bundesregierung/guido bergmann
Auch dieses Foto polarisierte einst. Kanzlerin Angela Merkel gratuliert Teamspieler Mesut Özil nach dem 3:0-Sieg Deutschlands gegen die Türkei.

Das allerdings konnte nur aus zwei Gründen funktionieren: Zum einen wurde in Deutschland seit 20 Jahren nicht mehr so heftig um Offenheit und Abschottung gestritten wie seit dem Herbst 2015, als Merkel beschloss, mehr Flüchtlinge aufzunehmen als irgendein anderer EU-Staat. Zum anderen ist die Frage, welche Rolle Deutschland seinen türkischen Zuwanderern und ihren Nachkommen anbietet – und welche diese wiederum einnehmen wollen –, nie beantwortet worden.

In all diese Ungeklärtheiten hinein platzten erst die Fotos aus London, dann das Schweigen Özils, dann die WM-Blamage von Russland. Und grundiert wurde alles vom Versagen der DFB-Führung. Verbissen versuchten Verbandspräsident Reinhard Grindel und sein Team, die Affäre totzuschweigen. Und als das nicht funktionierte, inszenierten sie die Sündenbock-Hatz.

Integrationsfrage

Eventuell wäre der ganz große Eklat durch Lesen zu verhindern gewesen. In seiner Autobiografie erzählt Özil von seiner Suche nach einer Identität, die deutsches Leben und türkische Tradition verbindet. Und vom ständigen Klemmen zwischen Kulturen und widersprüchlichen Erwartungen vonseiten der Politiker, Sportfunktionäre, Medien. Aber Funktionäre lesen wohl nicht, sie urteilen lieber. Etwa Bayern-Präsident Ulrich Hoeneß, der via "Bild"-Zeitung so nachtritt, dass es für mindestens drei rote Karten reicht. "Der hat seit Jahren einen Dreck gespielt", behauptet Hoeneß. Und dass er froh sei, "dass der Spuk vorbei ist".

Hoeneß irrt. Weder ist der Fall Özil ein Trugbild, noch ist er Geschichte. Wenn es dumm kommt für Grindel und seinen Sportdirektor Oliver Bierhoff – und gut für den deutschen Fußball und für die Gesellschaft insgesamt –, so geht es jetzt erst richtig los. Es könnte die Frage gestellt werden, ob CDUler Grindel, der im Deutschen Bundestag Multikulti "eine Lebenslüge" nannte, wirklich den größten Sportverband der Welt führen kann – jenen DFB, dem die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer am Montag bescheinigte, er engagiere sich "in zahlreichen Initiativen, Kampagnen und Projekten" gegen Rassismus und für Integration.

"Ein weltoffenes Land"

Sie nennt Deutschland auch "ein weltoffenes Land" und Integration "eine Schlüsselaufgabe der Bundesregierung". Die üblichen Formeln. Das ganze Regierungsviertel reagiert erwartbar: Die AfD giftet gegen Özil, die Linke ein wenig; die FDP giftet gegen den DFB; die SPD giftet nicht, sondern sieht "ein Alarmzeichen".

Und dann ist da noch der Berliner Soziologe Kazim Erdoğan, einer der führenden Integrationsexperten: "Es ist wahr, dass es in unserem Land Rassismus und Ausländerfeindlichkeit gibt." Und dann warnt er: vor der unüberhörbaren Instrumentalisierung des Falls Özils. (Cornelie Barthelme aus Berlin, 23.7.2018)

ANKARA REAGIERT
Mit Genugtuung haben türkische Regierungsvertreter und ihre Medien erwartungsgemäß auf die Rücktrittserklärung von Mesut Özil reagiert. "Mesut, wir sind stolz auf dich", schrieb die national-islamische Tageszeitung "Türkiye" am Montag auf Deutsch auf ihre Titelseite und zeigte das umstrittene Foto des deutschen Fußballspielers mit dem türkischen Staatschef Tayyip Erdoğan bei dem Treffen im Mai.

Der Zeitungstitel war intelligenter, als er wohl gedacht war: Özils Unterstützer in der Türkei antworteten diesem auf Deutsch – es war eine ironische Retourkutsche für die Deutschen, aber eben auch eine nicht beabsichtigte Anerkennung von Özils Dilemma. Der Kicker aus Gelsenkirchen wanderte sein Leben lang zwischen zwei Nationalitäten, stellte Mithat Fabian Sözmen, der Sportkommentator der linken kritischen Tageszeitung "Evrensel", fest. Sözmen stammt selbst aus einer türkisch-deutschen Familie. Er erinnerte an das Länderspiel zwischen Deutschland und der Türkei in Berlin 2010. Damals skandierten die türkischen Fans: "Özil raus!" Für die Türken war Özil der "Verräter" – bis er sich mitten im jüngsten Wahlkampf neben Erdoğan stellte.

"Wir unterstützen die ehrenhafte Haltung unseres Bruders Mesut Özil von Herzen", twitterte Erdoğans neuer Sportminister Mehmet Kasapoğlu noch am Sonntag. Das "schönste Tor gegen das Virus des Faschismus", formulierte Justizminister Abdülhamit Gül. (Markus Bernath, 23.7.2018)

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Die Özil-Erklärung im Wortlaut

  • Özil verlässt die deutsche Nationalmannschaft. Er begründet diesen Schritt mit "Rassismus und fehlendem Respekt".
    foto: apa/afp/luis acosta

    Özil verlässt die deutsche Nationalmannschaft. Er begründet diesen Schritt mit "Rassismus und fehlendem Respekt".

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