"Ich spüre immer Konkurrenz"

    Interview24. Juli 2018, 07:00
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    Der Trainer von Meister Red Bull Salzburg spricht über Dominanz, Langeweile, Hunger, Champions League und die Luft nach oben

    STANDARD: Es ist für viele Experten überraschend, dass Sie nach den großen Erfolgen der vergangenen Saison nicht irgendwo in Deutschland oder England arbeiten, sondern immer noch Trainer von Red Bull Salzburg sind. Warum? Vertragstreue? Gab es keine Angebote?

    Rose: Für mich ist es nicht so überraschend. Natürlich hat man sich mit anderen Dingen beschäftigt. Es ist aber sehr rasch vom Verein das Signal gekommen, dass sie unbedingt mit Trainer Rose weitermachen wollen und sie mich nicht freigeben. Nach guten Gesprächen war das Thema zügig vom Tisch, ich habe sogar bis 2020 verlängert. Ich bin sehr gern in Salzburg, mache es mit hundert Prozent.

    STANDARD: Generell ist der Ausverkauf, der befürchtet wurde, ausgeblieben. Berisha und Caleta-Car wurden verkauft, Junuzovic ist gekommen. Spricht das für den Charakter der Mannschaft, ist Salzburg eine Wohlfühloase?

    Rose: Ich würde da nicht zu viel reininterpretieren. Wir hatten ein sehr erfolgreiches Jahr, die Jungs sind begehrt. Trotzdem haben wir versucht, die meisten zu halten. Das ist gelungen. Allerdings ist das Transferfenster noch offen.

    STANDARD: Welchen Eindruck hinterlässt Zlatko Junuzovic?

    Rose: Einen sehr guten. Er hat sich schnell integriert, menschlich wie sportlich. Er wirkt so, als ob er große Lust auf die ganze Nummer hat.

    STANDARD: Gibt es Steigerungspotenzial? Das Halbfinale der Europa League ist ja praktisch schon der Zenit. Erfolg bestätigen ist komplizierter als Erfolg haben.

    Rose: Es geht darum, hungrig zu bleiben und wieder das Maximale anzustreben. Da wir auch neue Spieler haben, können wir uns in gewissen Dingen immer weiterentwickeln. Im Spiel mit dem Ball ist zum Beispiel noch Luft nach oben. Wie bespiele ich einen tief stehenden Gegner? Wie bespiele ich eine Fünferkette? Das sind Fragen, da können wir noch bessere Antworten finden. Das größte Entwicklungspotenzial liegt darin, permanent auf Topniveau Leistungen abzurufen.

    STANDARD: Red Bull Salzburg und Champions League ist bisher eine richtig traurige Beziehung. Zehnmal hat es nicht geklappt. Sehen Sie das weiterhin unverkrampft?

    Rose: Wir wollen es sehr gern, wir wollen es unbedingt. Aber man kann im Fußball manche Dinge nicht erzwingen. Wir müssen in guter Form sein, die Thematik Champions League mit einer gewissen Lockerheit angehen.

    STANDARD: Der Gegner in der dritten Quali-Runde ist KF Shkëndija aus Mazedonien oder Sheriff Tiraspol aus Moldau. Klingt machbar.

    Rose: Ja, wir werden beide Duelle genau analysieren. Es sind zwei Landesmeister, sie haben auch eine entsprechende Qualität.

    STANDARD: Alexander Walke ist nicht mehr Kapitän, er wurde durch Außenverteidiger Andreas Ulmer ersetzt. Bedeutet das einen Tormannwechsel? Ist der um zehn Jahre jüngere Cican Stankovic die neue Nummer eins?

    Rose: Wir haben das klar kommuniziert. Wir wollen beiden Torhütern, die letzte Saison großartig waren, gerecht werden. Alex soll international und im Cup spielen, Cican soll in der Bundesliga seinen nächsten Schritt machen.

    STANDARD: Welche Erkenntnisse haben Sie aus der Fußball-WM gewonnen? Gab es etwas Neues, vielleicht sogar Revolutionäres? Oder ist alles schon einmal da gewesen?

    Rose: Wirklich Überraschendes gab es nicht, wir sind aber in vielen Belangen bestätigt worden. Die WM hat gezeigt, wie wichtig Standards sind. Da kann man den Hebel ansetzen. In der Aktie Kroatien hat man gesehen, dass mit einem positiven "Wir-Gefühl" extrem viel möglich ist. Mit aktivem Fußball ist jede Mannschaft vor Probleme zu stellen. Kroatien war absolut verdient im Finale. Frankreich ist selbstverständlich ein würdiger Weltmeister, aber das Endspiel ist für Kroatien eher unglücklich verlaufen.

    STANDARD: Zurück in die kleinere, österreichische Welt. Die Zwölferliga hat Premiere. Was halten Sie vom neuen Format?

    Rose: Learning by Doing. Ich sehe das positiv. Wir werden alles auf uns zukommen lassen und sehen, wie sich das Playoff nach dem Grunddurchgang anfühlt.

    STANDARD: Es wird erwartet, dass sich an Red Bull Salzburgs Überlegenheit nichts geändert hat. Möglicherweise ist sie größer geworden. Können Sie nachvollziehen, dass mitunter von Langeweile gesprochen wird? Es gibt den Scherz, dass man Ihre Punkte nicht halbieren, sondern dritteln sollte. Oder jene der anderen multiplizieren.

    Rose: Diese Dominanz ist ja niemals in Stein gemeißelt und wird, das zeigen viele Beispiele im internationalen Fußball, auch regelmäßig durchbrochen. In England war das mit Leicester City vor einiger Zeit der Fall. Wir empfinden das aber keinesfalls als langweilig. Wir müssen klar im Kopf sein und uns alles immer wieder von vorne erarbeiten. Das ist die Kunst, darauf ist der Fokus gerichtet. Abgesehen davon glaube ich, dass sich Teams wie Austria oder Rapid heuer gut verstärkt haben.

    STANDARD: Hypothetische Frage: Wäre Ihnen mehr Konkurrenz lieber?

    Rose: Ich spüre immer Konkurrenz. Ich hatte in der abgelaufenen Saison nie das Gefühl, dass auch nur ein Match ein Selbstläufer, ein Alleingang war.

    STANDARD: Was muss passieren, dass Sie nach der Saison wieder sagen, es war außergewöhnlich?

    Rose: National werden wir immer an Titeln gemessen. Und international wollen wir versuchen, so lange wie möglich dabei zu sein. Und dann kann sich etwas entwickeln, das man dann als außergewöhnlich bezeichnen kann. Das letzte Jahr wird nur schwer zu toppen sein. Diese Herausforderung nehmen wir aber an. (Christian Hackl, 24.7.2018)

    Marco Rose (41) aus Leipzig arbeitete ab 2013 im Nachwuchsbereich, seit Juni 2017 ist er Cheftrainer von Red Bull Salzburg. In seiner ersten Saison wurde er mit Punkterekord Meister, erreichte das Halbfinale der Europa League.

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    • "Ich hatte in der abgelaufenen Saison nie das Gefühl, dass auch nur ein Match ein Selbstläufer,  ein Alleingang war."
      foto: apa/krugfoto apa/krugfoto

      "Ich hatte in der abgelaufenen Saison nie das Gefühl, dass auch nur ein Match ein Selbstläufer, ein Alleingang war."

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