Postkartenaktion erinnert an jüdische Oberösterreicher

    23. Juli 2018, 09:35
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    Der Weg der Familie Sommer führte über das KZ Theresienstadt in die Vernichtungslager von Auschwitz und Maly Trostinec

    Steyr/Reichraming – Eine wohl überraschende Post in Form einer blau-goldenen Ansichtskarte haben dieser Tage alle mehr als 650 Haushalte der kleinen oberösterreichischen Gemeinde Reichraming erhalten. Die Karte – vom Mauthausen Komitee Steyr versendet – soll die Einwohner an die exakt vor 80 Jahren erfolgte Vertreibung der zuvor in ihrem Ort angesehenen jüdischen Industriellenfamilie Sommer erinnern.

    "Liebe Adele! Oft denke ich an Reichraming und das, was einst war: Liebe Menschen, Wald, Wiesen, Wasser und Sonne. Das hat's einmal gegeben. Oder haben wir es uns nur eingebildet? Ich wünsche Dir alles Gute. Herzliche Grüße. Hans", lautet der Text auf der in Himmelblau leuchtenden Postkarte mit goldener Schrift.

    Geschichte einer Vertreibung

    Entnommen wurden Sätze einem Brief vom 9. August 1942. Geschrieben wurde die Karte von damals in Prag lebenden Verwandten an Adele Sommer. Adele Sommer war – mit Jula und Olga – eine der drei Töchter der Industriellenfamilie Sommer, die 1896 die "k.k. priv. Messingfabrik" in Reichraming gekauft und betrieben hatte. Das Unternehmen ging 1928 in Konkurs. Zurück blieb nur das Nutzungsrecht für das damalige Haus in Reichraming Nr. 1. Von den drei Töchtern der jüdischen Familie überlebten nur Adele Sommer und ihr Sohn Hans die Shoah und den Zweiten Weltkrieg in Österreich. Die meisten Familienangehörigen wurden ins KZ Theresienstadt deportiert und später in den Vernichtungslagern Auschwitz und Maly Trostinec ermordet.

    Begonnen hatte die Verfolgung bald nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Österreich im März 1938. Am 23. Juli 1938 warfen unbekannte und bis heute nie ausgeforschte Täter mit Steinen die Fenster des Hauses der Familie Sommer ein. Elf Scheiben und ein Spiegel im Wert von 60 Reichsmark gingen zu Bruch. Die Familie war zu diesem Zeitpunkt – nach dem Konkurs der Messingfabrik im Verlauf der Weltwirtschaftskrise – längst nicht mehr begütert gewesen.

    "Fremde Juden künftighin nicht mehr geduldet"

    In einem Lagebericht des Gendarmeriepostens Reichraming an die Bezirkshauptmannschaft Steyr vom 29. August 1938 ist laut dem Mauthausen Komitee Steyr zu lesen: "Die Jüdin Jenny Sommer (Tante der drei Töchter der ursprünglichen Fabrikseigentümer; Anm.) erhielt auf Lebenszeit ein Nutzungsrecht im Hause in Reichraming Nr. 1, in dem sie jetzt mit ihrem Sohn lebt. (...) In diesem Haus unterhält sie eine Art Pension. Im Sommer kommen Verwandte und Bekannte aus Wien und anderen Orten, selbstverständlich alle Juden (...) so geht das den ganzen Sommer bis in den Winter hinein." Dem Polizeibericht zufolge waren auch sonst viele Menschen jüdischer Abstammung immer wieder in dem Ort: "Das weiß die ganze Bevölkerung von Reichraming. In letzter Zeit wurden Stimmen laut, dass der Judenzuzug nach Reichraming endlich einmal aufhören müsse und fremde Juden künftighin nicht mehr geduldet werden."

    Gewalt und Terror

    Ausgrenzung und Vertreibung basierten auf Gewalt und Terror. In dem Polizeibericht des Reichraminger Gendarmeriepostens zu dem Vandalenakt vom 23. Juli 1938 ist zu lesen: "Das Fenstereinschlagen bei Jenny Sommer war sicher nicht nur eine Warnung, vielmehr eine Aufforderung an die fremden Juden, Reichraming zu verlassen. Sie (die damaligen Gäste von Jenny Sommer; Anm.) reisten auch am nächsten Tage ab", schrieben Reichraminger Gendarmeriebeamte an ihre Vorgesetzen in Steyr.

    Das war das Ende der Familie in der Ennstaler Gemeinde, von deren Existenz heute nur noch Gräber am katholischen Friedhof in Reichraming und am jüdischen Friedhof in Steyr zeugen. Jenny und Josef Sommer wurde von der NSDAP Ortsgruppe Reichraming nahegelegt, die Gemeinde möglichst bald zu verlassen. Dieser Aufforderung sind beide nachgekommen. Sie sind am 24. Juli 1938 nach Wien geflüchtet und überlebten den Nationalsozialismus nicht. (APA, 23.7.2018)

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