Öffi-Mahlzeit: "Sollen sie doch in der U-Bahn fressen"

Kolumne20. Juli 2018, 11:53
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Bauernschmaus im Proletenschlauch. Zu Essensfragen im öffentlichen Verkehr

Ein bisschen spät, aber umso engagierter muss sich jetzt auch der Krisenkolumnist auf die ambulante Verköstigung im Proletenschlauch draufsetzen, weil das Thema immer noch die halbe Stadt über die Maßen aufganselt.

Delikate Fragen dräuen. Wie ist das mit den Lebensmitteln, vor allem mit den starkriechenden? Soll man den Verzehr asiatischer Klassiker wie Stinky Tofu oder Durian-Frucht ("riecht nach etwas altem Käse und Schweißfüßen") in der U2 verbieten? Ist es eine Zumutung, wenn Fahrgäste der U4 auf einem Käseteller eine Portion Vieux-boulogne mit einer kleinen Traubengarnitur anrichten (bei einer Untersuchung der Cranfield-Uni, Bedfordshire 2004 auf Platz eins im Bewerb "Stinkendster Käse der Welt")? Soll man Schweizer Touristen zur Ordnung rufen, wenn sie sich in der U1 aus Heimweh ein Raclette oder Fondue zubereiten?

Zeit sparen für Zwölfstundenschicht

Das Thema lässt sich von verschiedenen Richtungen her andenken. Der Wirtschaftsflügel der ÖVP ist gegen ein Essverbot in den Öffis, weil er den Werk tätigen generös zubilligt, sich zu ernähren und die Mahlzeit in der U-Bahn Zeit spart, die man nachher für die Zwölfstundenschicht gut brauchen kann (in Abwandlung des alten Marie-Antoinette-Spruchs: "Sollen sie doch in der U-Bahn fressen"). Der FPÖ und ihren Burschenschaftern ist alles wurscht, solange nur einheimisches Essen (Verhackerts, Bauernschmaus, Grenadiermarsch, Klachlsuppe) und nichts Geschächtetes in den Wagon kommt.

Eine andere Option zur aktiven Lenkung des Essverhaltens in den Öffis wäre diese: Die Wiener Linien bringen am Boden und an den Seitenwänden der U- und Straßenbahnen Tröge mit relativ geruchlosen Speisen an (Haferbrei, Gras etc.), aus denen die Fahrgäste gratis äsen können. Das würde den Verzehr starkriechender Speisen eindämmen.

Klassenhass anstacheln

Ich habe zwei vermögende Bekannte aus Döbling, die sich einen Spaß daraus machen, gelegentlich den Ferrari zu Hause zu lassen und stattdessen mit der U6 zu fahren. Sie stellen dann ein portables Tischchen aus Teak auf, decken es mit einem Batisttuch und laben sich an Austern und Dom Pérignon aus einem durchbrochenen Silberkübel. Sie tun das, um die Proleten zu ärgern und um den Klassenhass anzustacheln. Wäre schade, wenn ihnen ein allgemeines Essverbot in der U-Bahn diesen unschuldigen Spaß verdürbe. (Christoph Winder, Album, 20.7.2018)

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