Pro & Kontra: Essverbot in der U6

Kommentar20. Juli 2018, 07:00
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Ab September sind stark riechende Speisen in der Wiener U6 verboten. Ist das nun gut oder schlecht?

foto: apa/herbert neubauer

PRO: Stinker raus aus den Zügen

von Conrad Seidl

Ist zu befürchten, dass in Zukunft Hungertote die Wiener U-Bahn-Linie 6 füllen werden? Natürlich nicht. Das geplante Verbot, "geruchsintensive Speisen wie Leberkässemmel, Pizza, Kebab und Co" in den Zügen zu konsumieren, wird niemandem schaden.

Und vielleicht manchen Fahrgästen nützen, die bisher ihr Junkfood hastig im Zug hinuntergeschlungen haben. Die werden womöglich die Leberkässemmel am Würstelstand, die Pizza in der Pizzeria und den Kebab beim Türken in aller Ruhe und mit Genuss konsumieren.

Die anderen Fahrgäste – also jene Mehrheit, die gerade nicht am Futtern ist – werden sowieso entlastet, wenn der Zug nicht von Speisengerüchen und -abfällen gefüllt wird.

Wobei es ja eigentlich schon jetzt verboten wäre, andere Fahrgäste mit als unangenehm empfundenen Gerüchen zu belästigen. In der Hausordnung der Wiener Linien, die in allen U-Bahn-Stationen aushängt, heißt es in nicht ganz einwandfreiem Deutsch, aber dennoch ziemlich klar: "Verboten ist (...) g) jede Handlung und/oder Tätigkeit, die eine Gefahr für andere Fahrgäste darstellt oder diese belästigen." Nur hat man das Verbot bisher nicht durchgesetzt – die bestehende Strafandrohung von 50 Euro scheint auch jetzt noch nicht ernst gemeint zu sein, denn der "Pilotversuch" des Essverbots will ja ohne Strafen auskommen.

Aber den Versuch ist es wert – vielleicht stellt sich ja durch die Diskussion über das Verbot ein Lerneffekt ein. (Conrad Seidl, 19.7.2018)

KONTRA: Toleranz statt Verbote

von Michael Möseneder

Wenn es schon zu biblischen Zeiten moderne Massenverkehrsmittel gegeben hätte, wäre Jesus von Nazareth vielleicht ein anderes Zitat im Zusammenhang mit Steinewerfen zugeschrieben worden. "Wer von euch ohne Geruch ist", zum Beispiel. Aber da Jesus keine U6 kannte und in Wien wiederum Ulli Sima von der ehemaligen Arbeiterpartei SPÖ für den öffentlichen Verkehr zuständig ist, gibt es keine Aufforderung zu selbstkritischer Nachsicht, sondern ein Verbot noch zu bestimmender geruchsintensiver Speisen.

Wem was stinkt, ist subjektiv. Das moschuslastige Eau de Toilette kann einem genauso auf die Nerven gehen wie der Geruch des saftigen Leberkässemmerls, das die Büroangestellte hinunterschlingt, während sie von einem Termin zum nächsten hetzt. Der schweißtriefende Bauarbeiter kann sich über den Bierdunst verbreitenden Fortgeher im Wagon beschweren und vice versa.

Ja, natürlich, im Idealfall sollte man seiner Umwelt nur frisch geduscht, dezent parfümiert und ohne Döner begegnen. Der Idealfall wird aber von vielen Faktoren verhindert. Ist es den Öffibenutzern in Wien mittlerweile nicht mehr zumutbar, zehn oder 15 Minuten in einem olfaktorisch herausfordernden, obgleich nicht gesundheitsgefährdenden Raum zu verbringen? Entspannte Toleranz macht das Leben in einer Millionenstadt angenehmer als Verbote. Nicht nur in der U-Bahn. (Michael Möseneder, 19.7.2018)

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