Der Geruch von Schweiß, Bier und Essen in der Wiener U6

    Video19. Juli 2018, 17:39
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    In der U6 soll das Essen von Speisen mit starkem Geruch verboten werden. Fahrgäste bemängeln jedoch einen anderen Duft

    Wien – Essen oder nicht? Das ist die Frage, die momentan in Bezug auf die Wiener U6 gestellt wird: Ab Herbst soll es in der U-Bahn-Linie nicht mehr erlaubt sein, streng riechende Speisen zu verzehren. Steigt man mittags in die braune Linie ein, findet man jedoch nur wenige Fahrgäste, die tatsächlich essen. Ein junges Mädchen – rosa T-Shirt, brauner Zopf, Volksschulalter – futtert leise aus einer Packung Chips. In dem Waggon mit blauen Haltestangen gibt es keine Klimaanlage. Kaum eine Spur von Essensgeruch, der Duft von Schweiß dominiert im Sommer.

    der standard

    "Ich bin froh, dass das Essen verboten wird, der Gestank stört mich. Der Schweiß und die Hitze reichen im Sommer schon", sagt Fahrgast Teddy. Was ab September nicht mehr verzehrt werden darf, ist noch offen. Öffi-Stadträtin Ulli Sima (SPÖ) will eine Liste ausarbeiten, möglicherweise soll darüber abgestimmt werden. Kebab, Pizza, Leberkäse und Nudeln gelten bereits als Fixstarter. Strafen auf Essen in den Waggons soll es jedoch nicht geben. "Alles, was einen eklatanten Geruch hinterlässt, sollte man draußen essen und danach einsteigen", sagt Teddy.

    Je später es wird, desto mehr Essen sieht man tatsächlich in der U6. Trotzdem sind jene, die in den Waggons einen Kebab oder eine Pizza verspeisen, die große Ausnahme. "Mich stört's nicht. Es ist mir nie passiert, dass jemand neben mir ein Kebab gegessen hat", sagt die junge Mama Maria. Ab und zu esse sie selbst in der Bahn – als Vegetarierin eher ein Brot mit Käse. Ihr Grund, in der U-Bahn zu essen, sei die Zeit. "Ich verstehe, dass Leute, die Stress, Hunger und keine Zeit haben, schnell was essen, aber auch, dass manche den Geruch bestimmter Speisen nicht aushalten", sagt sie.

    Geruch mit Warnfunktion

    "Die Geruchswahrnehmung ist ein sehr komplexer Vorgang", betont Hans-Peter Hutter von der Medizin-Uni Wien. Sehr verkürzt gesagt: Ein Geruch kommt durch den Riechkolben, über die Riechrezeptoren in unser Hirn in den Paleocortex. Im limbischen System wird der Eindruck verarbeitet. Die Wahrnehmung von Gerüchen ist mit einer recht banalen Funktion verknüpft – sie sendet Warn- beziehungsweise Alarmsignale: "Unser Körper wird auf Kampf oder Flucht vorbereitet." Wenn Nahrung als übelriechend wahrgenommen wird, will man sie nicht essen.

    foto: apa/herbert neubauer
    Semmeln mit Leberkäse drinnen müssen ab Herbst wohl draußen bleiben.

    Laut Hutter spielen vier Hauptpunkte eine Rolle dabei, ob wir etwas wahrnehmen und wie etwas für uns riecht: Wahrnehmbarkeit, Intensität, Qualität und die hedonische Geruchswirkung. Letztere meint, ob wir einen Geruch als angenehm oder unangenehm empfinden. "Bei der Geruchswahrnehmung gibt es zwischen den Menschen zwar große Unterschiede. Im Durchschnitt sind allerdings ältere Personen auf Gerüche weniger empfindlich, Frauen sind allgemein empfindlicher", sagt Hutter. Hinzu kommen etliche persönliche Einflussfaktoren, zum Beispiel ob eine Person gesund ist oder angeschlagen. "Ist ein Mensch krank, empfindet er jede zusätzliche Belastung, jeden zusätzlichen Stress, also auch durch Gerüche, schlimmer", sagt Hutter.

    Abhängigkeit macht Gerüche besser

    Auch ökonomische Abhängigkeit spielt laut dem stellvertretenden Leiter der Abteilung für Umwelthygiene und Umweltmedizin eine Rolle. Zum Beispiel würden Menschen, die in der Nähe einer geruchsintensiven Fabrik wohnen und dem Geruch täglich ausgesetzt sind, diesen als eine stärkere Belästigung empfinden als die Arbeiter, die in der Fabrik beschäftigt sind. "Ob es zu einer Geruchsbelästigung kommt, ist vom Wechselspiel von Quelle/Reiz und Empfänger abhängig", sagt Hutter.

    Die Situation, in der uns ein Geruch in die Nase steigt, spielt ebenfalls eine Rolle bei der Wahrnehmung: Zeit, Ort, Vermeidbarkeit. Wenn zum Beispiel ein Mann mit einer Pizzaschnitte in die U6 steigt, vorher einer Person mit Kinderwagen in den Waggon hilft oder einer älteren Person seinen Platz anbietet und dann in einer Ecke still isst, störe es weniger, als wenn der Mann vorher ein rücksichtsloses Verhalten an den Tag legt und mitten in der U-Bahn schmatzt, sagt Hutter: "Es sind viele Faktoren, die hier zusammenkommen und bestimmen, ob man belästigt ist oder nicht."

    Bedeutung unterschätzt

    Allgemein werde "die Bedeutung von Geruch in unserer Gesellschaft und in den zwischenmenschlichen Beziehungen stark unterschätzt", sagt Hutter. Jemanden, der unangenehm riecht, würden die wenigsten darauf ansprechen. Stattdessen meide man diese Person. Dass aktuell über das Essensverbot diskutiert wird, empfindet der Arzt daher als positiv. Immerhin gehe es dabei ja auch um die Frage eines respektvolleren Miteinanders.

    "Wenn der Geruch zu schlimm ist, kann ich die Person bitten, dass sie das Essen einpackt", sagt Vinzent in der U6. "Ich lebe in einer Millionenstadt, da kann ich damit rechnen, dass es um mich herum Menschen gibt, die mir nicht immer gefallen." Ein Verbot von speziellen Speisen in der U6? "Wenn, dann sollte es in allen U-Bahnen und jedes Essen verboten sein. Das U6-Bashing ist entbehrlich." Fragt man Fahrgäste der Linie, die Floridsdorf mit Siebenhirten verbindet, wonach die U6 riecht, ist die häufigste Antwort: Schweiß und Bier. Dabei ist es laut Hausordnung der Wiener Linien schon längst verboten, Alkohol zu konsumieren. (Oona Kroisleitner, 19.7.2018)

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