Gleichberechtigung und Kunst: Feminismus wird groß gestickt

    18. Juli 2018, 18:30
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    Katharina Cibulka setzt sich mit ihren Statements für Geschlechtergerechtigkeit ein – aktuell am Baunetz der Wiener Akademie der bildenden Künste

    Wien – Besser als null Prozent hört sich schnell einmal etwas an. Etwa dass in der jüngsten Auflage von Janson’s History of Western Art, einem US-Klassiker unter den Nachschlagewerken zur Kunst, inzwischen neun Prozent Künstlerinnen vorkommen – also neun Prozent mehr als noch 1986.

    Wunder darf man sich in kunsthistorischen Bänden keine erwarten, schließlich war Frauen jahrhundertelang der Zugang zu Ateliers und zur akademischen Ausbildung verwehrt. Allerdings ist auch im Blick auf die Gegenwartskunst, wie viele Studien der letzten Jahre zeigen, eher bescheidener Optimismus angesagt: Schaut man in die Museen, etwa in die Londoner Tate Modern oder den Hamburger Bahnhof in Berlin, so bestreiten die Einzelausstellungen dort nur zu einem Viertel Frauen.

    foto: apa/herbert neubauer
    Platzherr Friedrich Schiller und das feministische Statement von Katharina Cibulka am Staubnetz der Akademie-Baustelle

    Die Kunst – und mehr noch ihr Markt – ist von Männern dominiert. As Long As The Art Market Is A Boy’s Club, I Will Be A Feminist! steht daher nun in einen Meter hohen Lettern auf der Fassade der Wiener Akademie der bildenden Künste – genauer gesagt hoch oben am Baugerüst vor der Hochschule, gut einsehbar von der Ringstraße.

    Das Statement, mit rosa Tüll auf das Baunetz gestickt, stammt von der Künstlerin Katharina Cibulka. Mehr als 50 Prozent der Absolventen an der Akademie sind Frauen, sagt sie. Eine Geschlechterrealität, die sich in den Galerien nicht widerspiegelt. Argumentiert wird wie generell in der Arbeitswelt: Frauen mit Kindern sind weniger produktiv, unflexibler, können nicht mehr durch die Welt jetten.

    Der schnelle Blick auf Aufsteigerlisten wie den Kunstkompass, der unter den Sammlern empfohlenen "20 Stars von morgen" acht Frauen sieht, führt in die Irre. Er misst nur die Resonanz in Medien und im Ausstellungsgeschehen, nicht die harten Zahlen des Markts. Auf diesen Listen allerdings, etwa dem Kunstindex, taucht bei den "gefragtesten Künstlern" erst auf Platz 51 die abstrakte Expressionistin Joan Mitchell auf – sie starb 1992. Bei den nach 1950 Geborenen sieht es mit Marlene Dumas, Cecily Brown und Njideka Akunyily Crosby unter den Top 20 schon besser aus, aber es bleiben Ausnahmen.

    Meterweise Männerkunst

    Die Düsseldorfer Galeristin Daniela Steinfeld erzählte in einem Gespräch mit der Deutschen Welle, ein Sammler sei sogar von einer Kaufabsicht zurückgetreten, als er erfahren habe, dass das favorisierte Kunstwerk von einer Frau sei. Kunst von Frauen verkauft sich in der Regel schlechter und zu niedrigeren Preisen. Das werde auch so bleiben, wenn man an ihrer Sichtbarkeit nichts ändert, so Cibulka. Sie versteht nicht, wieso in jener Etage des New Yorker MoMA, die moderner Kunst vorbehalten ist, zwischen den ganzen Matisses und Picassos nicht Arbeiten von Louise Bourgeois, Joan Mitchell oder Yoko Ono auftauchen. "Man geht viele Meter Kunst von Männern ab – das macht ja etwas mit uns."

    foto: apa/herbert neubauerfoto: claudia rohrauer © akademie der bildenden künste wien
    Gewollte Gegensätze: Stickereien in rosa Tüll auf der Männerdomäne Baustelle.

    "Ich hatte das Gefühl, dass alles möglich ist", erinnert sich die 1975 geborene Künstlerin an ihre frühere Naivität. "Ich war die erste Kameraassistentin im ORF, spielte in einer All-Girls-Band." Erst als Mutter erkannte sie, wie wichtig Feminismus ist. Ihren Schmerz über das System begann sie in feministischen Werken abzuarbeiten.

    In der Serie Überlebende (2008-2011) hat sie etwa historischen Frauenfiguren, die sich für Mann und Familie aufgeopfert haben und letztlich auch gestorben sind, ein Weiterleben in der Gegenwart beschert. Eine dieser Figuren ist Elisabeth Biener, Ehefrau des wegen vermeintlichen Landesverrats geköpften Tiroler Hofkanzlers Wilhelm von Biener. Sie soll sich aus Verzweiflung in einen Wasserfall gestürzt haben. Cibulka schreibt deren Biografie um und inszeniert eine stolze, moderne Elisabeth, die an einem Abgrund stehend, dem Sprung in den Tod widersteht.

    Eigentlich glaubte die Künstlerin, sie sei mit den feministischen Arbeiten durch, dann fuhr ihr 2015 ein Zitat der britischen Künstlerin Tracey Emin ein: "Solange irgendwo auf der Welt, eine Frau verbrannt wird, weil sie einen Mann angelächelt hat, solange einer Lehrerin die Hand abgehackt wird, weil sie jungen Mädchen das Schreiben und Lesen beigebracht hat, bin ich Feministin."

    So entstand Cibulkas Serie Solange, die den Fokus auf die Situation von Frauen in Österreich legt und zu der auch die am Mittwoch installierte Arbeit an der Fassade der Wiener Akademie der bildenden Künste gehört. Die Kunsthochschule hat bei ihren Lehrenden inzwischen nahezu für Geschlechterparität gesorgt und ist damit bezogen auf Europa und die USA ziemlich einzigartig. Aber "der Weg an die Spitze ist noch lange", so Rektorin Eva Blimlinger über die Wichtigkeit solcher Kunstprojekte.

    katharina cibulka

    Drei Baunetze in Tirol hat Cibulka heuer schon mit Statements zur Gleichberechtigung und Vereinbarkeit von Beruf und Familie bespielt (der STANDARD berichtete): "Solange ich von Karriere rede und du Familienmanagement meinst, bin ich Feministin!" war etwa auf Baustellen in Innsbruck und Landeck weithin sichtbar zu lesen.

    "#MeToo hat das Energiefeld geöffnet", freut sich Cibulka über die große Resonanz ihres Projekts. Insbesonder auf Instagram – #Solange2018 – wurden Bilder der Arbeiten geteilt und so fand sie auch überregionales Interesse und Mitstreiterinnen. Jetzt reisen die feministischen Netze bald nach Bern; auch in Wien hat Kunst im öffentlichen Raum (KöR) drei weitere Netze bewilligt.

    In der kommenden Woche folgt aber erst einmal der Dom in Innsbruck, dessen Portal Katharina Cibulka mit einem Statement bespielt. Nach der Aufregung, für die im katholischen Tirol Ursula Beilers 2009 an der Inntalautobahn bei Kufstein aufgestelltes Schild Grüss Göttin sorgte (Die Tiroler Schützen sahen darin eine "blasphemische Provokation", Unbekannte zerstörten oder beschädigten das Schild über die Jahre mehrfach.), darf man auf produktive Unruhe hoffen. (Anne Katrin Feßler, 18. 7. 2018)

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