Warum Lesen kurzsichtig machen kann

    19. Juli 2018, 07:14
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    Dunkle Buchstaben auf hellem Hintergrund könnten der Hauptgrund für zunehmende Kurzsichtigkeit sein, sagen Forscher

    Immer mehr Menschen sind kurzsichtig, vor allem Kinder und Jugendliche haben einen getrübten Fernblick. In Europa ist mittlerweile fast jedes zweite Schulkind betroffen, in Asien sind es bereits rund 90 Prozent der jungen Menschen. Ein möglicher Grund für die epidemische Ausbreitung der sogenannten Myopie: das Lesen – in Büchern, via PC, Smartphones und Tablets.

    Bei Kurzsichtigkeit wächst das Auge zu stark in die Länge, das Bild in der Ferne wird unscharf. Forscher vermuten, dass der Trend zu einer höheren formalen Bildung – vor allem in den asiatischen Ländern – ein Hauptfaktor für die zunehmende Myopie ist. Sie haben berechnet, dass Schüler pro Jahr Ausbildung im Mittel um etwa eine Vierteldioptrie kurzsichtiger werden. Was Forscher noch beobachten konnten: Kinder, die viel Zeit im Freien bei Tageslicht verbringen, werden später oder gar nicht kurzsichtig.

    Warum Lesen die Kurzsichtigkeit fördern könnte, ist noch nicht klar erforscht. Lange wurde angenommen, dass ein Mangel an Akkommodation beim Lesen das scharfe Bild etwas hinter die Netzhaut verlegt. Das veranlasst die Netzhaut, das Auge schneller wachsen zu lassen. Diese Theorie konnte allerdings nie zweifelsfrei bestätigt werden. Wissenschafter vom Institut für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Tübingen haben nun einen plausibleren Grund gefunden, warum Lesen kurzsichtig machen könnte.

    Lesen lässt Augen in die Länge wachsen

    Anders als eine Digitalkamera, die jeden Pixel ausliest, misst die Netzhaut hauptsächlich Unterschiede zwischen benachbarten "Pixeln", den Fotorezeptoren. Das wird erreicht, indem Zellen die Helligkeit in der Mitte und der Peripherie ihres lichtempfindlichen Bereichs vergleichen und nur den Unterschied an das Gehirn weiterleiten. Die Sehinformation wird also massiv reduziert – das ist auch deshalb notwendig, da die Netzhaut zwar über rund 125 Millionen "Pixel" verfügt, der Sehnerv aber nur über etwa eine Million "Kabel". Der Sehnerv ist also der Flaschenhals der Informationsübertragung.

    In der Netzhaut gibt es On-Zellen, die bewerten, ob in ihrem lichtempfindlichen Bereich – dem rezeptiven Feld – die Mitte heller und die Umgebung dunkler ist. Off-Zellen wiederum bewerten, ob die Mitte dunkler und die Umgebung heller ist. Bei Tageslicht und abwechselndem Nah- und Fernsehen werden die Zellen ähnlich stark gereizt.

    Beim Lesen ist das anders, wie die Tübinger Forscher herausgefunden haben. Sie haben eine Software entwickelt, welche die Reizstärke für On- und Off-Zellen quantifiziert. Dabei hat sich gezeigt, dass dunkler Text auf hellem Hintergrund hauptsächlich die Off-Zellen reizt, während heller Text auf dunklem Hintergrund hauptsächlich die On-Zellen reizt.

    Besser helle Buchstaben auf dunklem Hintergrund

    Aus früheren Experimenten mit Hühnern und Mäusen war bereits bekannt, dass die Stimulation der On-Zellen das Augenwachstum eher hemmen, die Stimulation der Off-Zellen einen Wachstumsschub verursachen können. Mithilfe der optischen Kohärenztomografie (OCT) kann im lebenden Auge die Dicke der Gewebsschichten genau vermessen werden. Bei Hühnern, verschiedenen Affenarten und bei Kindern wurde bereits erforscht, dass die Veränderung der Dicke der Adernhaut, das ist die Schicht hinter der Netzhaut, vorhersagt, wie das Auge in nächster Zeit wachsen wird.

    Wird die Aderhaut dünner, weist das auf die Entwicklung einer Myopie hin, wird sie dicker, bleibt das Augenwachstum gehemmt und es entwickelt sich keine Myopie. In ihrer kleinen, hypothesengenerierenden Studíe haben die Tübinger Forscher insgesamt sieben Probanden im Alter zwischen 23 und 29 Jahren dunklen Text auf hellem Hintergrund lesen lassen sowie hellen Text auf dunklem Hintergrund. Bereits nach 30 Minuten konnten sie messen, dass die Aderhaut dünner wurde, wenn schwarzer Text gelesen wurde, und dicker, wenn Text mit umgekehrtem Kontrast gelesen wurde. Die Forscher vermuten, dass schwarzer Text auf hellem Hintergrund die Kurzsichtigkeit fördert und heller Text auf dunklem Hintergrund die Myopie hemmt.

    Den Textkontrast umzukehren, wäre eine einfach Maßnahme, die Myopieentwicklung aufzuhalten. Schließlich werden zum Arbeiten und Lesen mittlerweile vor allem Computerbildschirme, Smartphones und Tablets verwendet, betonen die Studienautoren. Ihre Hypothese wollen sie nun an Schulkindern überprüfen. Der Grund dafür: Kurzsichtigkeit entsteht meist bereits im Kindes- und Jugendalter, vor allem zwischen dem achten und 15. Lebensjahr. (red, 19.7.2018)

    • Das Auge braucht vor allem Tageslicht und abwechselnde Reize aus Nah- und Fernsehen.
      foto: getty images/istockphoto

      Das Auge braucht vor allem Tageslicht und abwechselnde Reize aus Nah- und Fernsehen.

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