Addis Abeba darf nicht Dubai werden

Die äthiopische Regierung verordnet dem Land Modernisierung im Schnelldurchgang. Ein Musiker und sein Club drohen dabei unter die Räder zu kommen

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Reportage1. August 2018, 06:00

Ein Montag im Juni, kurz nach 21 Uhr, stockfinster ist es in Addis Abeba und kalt, Regen fällt auf die Wellblechhütte in der Joseph-Tito-Straße, vor der Melaku Belay steht und seine Hände tief in die Hosentaschen gesteckt hat. "Es liegt nicht in meiner Natur zu kämpfen", sagt er. "Aber wenn ich es nicht tue, verliert Äthiopien ein Stück Geschichte."

Auch für ihn selbst steht viel auf dem Spiel. Von außen erinnert das Fendika, ein ebenerdiger, aus Wellblech zusammengezimmerter Jazzclub im Schatten der mit Bambusstäben eingerüsteten Hochbaustellen in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba, an eine Garage. Der Fußboden im verwinkelten Inneren ist mit Stroh bedeckt. Im ersten Raum wird über Kohlen Kaffee aufgebrüht. Draußen, im Hinterhof, spendet ein angeheizter Grill Wärme, die Wände zieren Teppiche. Für Melaku ist es Heimat. Und das nicht bloß im übertragenen Sinne. Sieben Jahre lang hat der 38-Jährige, Wuschelkopf, kurzgeschorener Bart, nach seinen Auftritten hinter der Bar geschlafen.

foto: auer
Melaku: "Sie wollen Addis zu einem zweiten Dubai oder New York machen."

Damals, als er noch nicht der Besitzer von Addis Abebas bedeutendstem Nachtclub war und mit seiner Combo Ethiocolor rund um die Welt Station machte, sondern ein Straßenkind, das sich erst als Schuhputzer verdingt hat und dann als Tänzer. Heute gewährt er zwölf jungen Azmaris, wie sich die äthiopischen Musiker nennen, in seinem Club freie Logis, überweist ihnen regelmäßige Gagen, schickt sie tagsüber zur Schule. Und wäre da nicht die Obrigkeit, die Geschichte des Melaku Balay könnte ein Happy End nehmen. Doch die Obrigkeit, sie hat einen Plan.

Koste es, was es wolle

Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran – koste es, was es wolle. Während in den Dörfern rundum magere Ochsen mit langen Hörnern Pflüge über ausgedorrte Felder ziehen, wagt Äthiopiens Hauptstadt den großen Sprung. Addis Abeba, vier Millionen Einwohner, Sitz von Afrikanischer Union und Uno, soll das moderne Antlitz einer Regionalmacht werden. Schaufenster eines Landes, das sein von Hunger, Bob Geldof und Live Aid gezeichnetes Image abschüttelt – und das im Namen des Fortschritts Opfer in Kauf nimmt.

grafik: apa/standard
Äthiopien liegt im Osten Afrikas.

Jährlich wächst Äthiopiens Wirtschaft um zehn Prozent. Rekord in Afrika. UN-Zahlen, etwa zu Armut, Bildung und Gesundheit, belegen, dass sich etwas dreht in dem 100-Millionen-Einwohner-Land im fragilen Osten Afrikas zwischen Eritrea, Somalia und dem Sudan. Und doch: So sehr die wirtschaftlichen Indikatoren nach oben zeigen, die Bevölkerungsentwicklung tut es ihnen gleich. Die Einwohnerzahl von Addis Abeba, heißt es, wird sich binnen einer Dekade verdoppeln: auf acht Millionen.

Dabei platzt die auf 2.300 Metern Seehöhe gelegene Hauptstadt schon jetzt aus allen Nähten. Die beiden Projekte Integrated Housing and Development Plan (IHDP) und Masterplan Addis Abeba, die das autoritäre Regime 2006 und 2014 dem bis heute bitterarmen Land verordnet hat, sollen Schluss machen mit dem Wildwuchs. Dort, wo die Stadt ausfranst, bäuerlich wird und arm, pflanzt die in Fünfjahresplänen sowjetischen Musters denkende Regierung seither riesenhafte, international aber auch für ihre Qualität gelobte Wohnblocks.

Krieg den Hütten, Friede den Palästen

Weiter drinnen, in Kazanchis etwa, einem der ältesten Stadtteile Addis Abebas, wo auch das Fendika liegt, verordnet der Masterplan Verdichtung. Um Schritt zu halten, muss laut Plan jedes Haus acht Stockwerke haben. Für Wellblechhütten wie das Fendika ist kein Platz mehr. "Natürlich ist es schlecht, wenn sich zehn Familien eine Toilette teilen. Aber es ist auch nicht gut, wenn das alte Addis verschwindet", sagt Melaku. Vor wenigen Jahren noch konkurrierte sein Lokal in Kazanchis mit siebzehn anderen Azmari-Clubs. Heute steht es allein da. "Sie wollen Addis zu einem zweiten Dubai oder New York machen", vermutet Melaku.

foto: auer
Melaku (rechts) betätigt sich vor seinen Liveauftritten im Fendika auch als Discjockey.

Es ist nicht so, dass Äthiopiens Machthaber viel geben auf die Meinung von einem wie ihm, dem Kulturmenschen, der österreichische Jazzmusiker einfliegen lässt und die US-Rockband Red Hot Chili Peppers zu Gast hatte. Die – bis vor kurzem brutal unterdrückte – Opposition wirft dem Regime, das seine Wachstumsstrategie ganz auf Industrieparks auslegt, vor, die Bevölkerung nicht in die Entwicklungspolitik einzubinden. "Das Wachstum ist zu einem Großteil Resultat der Planwirtschaft", sagt Kwesi Sansculotte-Greenidge, Entwicklungsberater der Uno in Addis Abeba. "Die Regierung hat aber nicht auf die Leute gehört, etwa wenn es um neue Infrastruktur geht." Und auch Melaku lassen die Behörden stets abblitzen: "Es geht ihnen nur um die ausländischen Investoren, die sie mit den Hochhäusern anlocken wollen."

Melange à la éthiopique

Das war freilich nicht immer so. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren eher New Orleans und Paris Blaupause für Swinging Addis, die Residenzstadt von Ras Tafari Mekonnen, bekannt als Haile Selassie, Kaiser von Äthiopien. Dessen Hof wurde zu einem Magnet für Musiker aus aller Welt, südlich der Hauptstadt vermachte der Herrscher gar seinen jamaikanischen Apologeten, den Rastafaris, ein Stück des gelobten afrikanischen Landes. Europas Staatskanzleien, die im einzigen nichtkolonisierten Land Afrikas mit ihren Botschaften Quartier bezogen, schickten Musiker nach Äthiopien, rasch entstand ein eigenes Genre: Ethio-Jazz, eine Mischkulanz aus westlichem Jazz, etwas Funk und äthiopischen Instrumenten. Das kommunistische Regime, das Haile Selassie 1974 von seinem Thron putschte, machte der Musikszene den Garaus: eine Ausgangssperre versetzte sie in einen Dornröschenschlaf, der bis 1991 währen sollte.

melakufendika

Eine Generation später wird die Luft für das Fendika abermals dünner. Wenn auch diesmal im Zeichen des Wachstums. Melaku, der das Lokal 2014 nach Jahren des Sparens und Sammelns gekauft hat und kurz darauf den Bescheid in Händen hielt, entweder aufzustocken oder abzureißen, ist frustriert: "Baue ich kein Hochhaus, können sie mir das Fendika wegnehmen", sagt er. Er ist damit nicht allein.

Für seine Befürworter steht das größte Bauprojekt der regionalen Geschichte für das neue Afrika, wo Regierungen soziale Probleme selbst in die Hand nehmen und auf Fortschritt setzen. Mehr als 200.000 Jobs sind entstanden, 250.000 Wohnungen wurden übergeben. Und das Antlitz der Hauptstadt, etwa in Form der neuen, von chinesischen Unternehmen in Windeseile in den Boden gesetzten Stadtbahn, wandelt sich so rasch, dass sich regelmäßige Besucher darüber nur wundern können. "Die Stadt verändert sich ständig", sagt die Wienerin Astrid Wein, 54, seit drei Jahren für die österreichische Entwicklungshilfeagentur ADA vor Ort. "Auch wenn es noch nicht ganz glatt läuft, etwa bei Wasser und Elektrizität, geht es jedenfalls beim Wohnbau in die richtige Richtung."

foto: niederndorfer
Schwarze Wolken über dem modernen Stadtzentrum von Addis Abeba.

Die Gegner des Masterplans sehen in ihm rücksichtslose Verdrängungspolitik, eine brutale Modernisierung, die die Armen und die Kulturszene hart trifft. "Man orientiert sich am südostasiatischen Modell. Dass dies von oben herab geschieht, ist nicht überraschend", sagt der Niederländer Erik Habers, der die EU-Delegation in Addis Abeba leitet. "Jetzt muss die neue Regierung die Unzufriedenen in ihren Fortschrittsplan einbinden", ergänzt Uno-Berater Sansculotte-Greenidge.

Aufstand der Unzufriedenen

Und derer gibt es viele. Weil die Kapitale wuchert, hat die Regierung, der laut Verfassung jeder Quadratmeter des riesigen Landes gehört, vor zwei Jahren damit begonnen, Landwirte, die das Land nur gepachtet haben, zu enteignen. Vor allem die Volksgruppe der Oromo, die den betroffenen Boden rund um Addis Abeba besiedelt und seit Jahrzehnten unterdrückt wird, begehrte gegen die geplante Landnahme auf, Hunderte wurden von der Polizei erschossen, eingesperrt und gefoltert.

Für viele ist die Umsiedelung in die neuerrichteten Wohnblocks eine Frage von Sein oder Nichtsein. Acht von zehn Äthiopier leben bis heute von der Landwirtschaft, nicht wenige von der Hand in den Mund. Doch wird angesichts des Bevölkerungswachstums langsam, aber sicher der Boden knapp. Und die Wirtschaft schafft, Boom hin oder her, nicht genügend Jobs für die immer mehr Uniabsolventen des Landes, in dem 70 Prozent zwischen 18 und 34 Jahre alt sind.

foto: auer
30 Langspielplatten umfasst die – sehr zu empfehlende – Serie "Éthiopiques" des Pariser Labels Buda Musique.

Und doch: Seit der neue Premier Abiy Ahmed, selbst ein Oromo, Anfang Juni den Ausnahmezustand aufheben ließ, spürt auch Melaku den Wind des Wandels, mit dem der junge Regierungschef das verkrustete System zu durchlüften verspricht. "Wir glauben, dass er sich um die Belange der Bevölkerung kümmern wird", sagt er. Tatsächlich wurde der umstrittene Masterplan vorerst ruhend gestellt. Wenn auch nur auf dem Papier. "Sie wollen mein Land ja trotzdem", sagt Melaku.

Und so sammelt das ehemalige Straßenkind nun Geld, um aus dem Fendika ein modernes Kulturzentrum zu machen, acht Stock hoch, mit Restaurant, Galerien, Wohnplatz für die Tänzer, einer Bühne. Es muss ja schließlich vorangehen. Auswandern will der Tänzer nicht. Zu viele seien schon im Meer ertrunken oder in der Sklaverei gelandet, erzählt er. "Ich versuche den Leuten hier Chancen zu geben. Wer keine Möglichkeiten hat, hier zu leben, geht nach Europa oder in die USA." (Florian Niederndorfer aus Addis Abeba, 1.8.2018)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Ein Teil der Reisekosten wurde von der Austrian Development Agency finanziert.