Konzeptkünstler Thomas Feuerstein lädt zum "Club Cannibal"

    17. Juli 2018, 16:57
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    In einer historischen Fabrikhalle, die heute den Kunstraum Dornbirn beherbergt, stehen wieder Maschinen: entworfen und installiert hat sie Thomas Feuerstein

    Ein krakenartiges, raumhohes Gestell dominiert die frühere Montagehalle der Rüschwerke. Unter dem rostigen Metallgerüst hat der 1968 in Innsbruck geborene Künstler Thomas Feuerstein eine Laborsituation arrangiert. Man wähnt sich bei Doktor Frankenstein. Flüssigkeiten in Rottönen in den Reaktoren wecken die Assoziation Blut, schwarze Schläuche als Zulieferer erinnern an den Blutkreislauf.

    Prometheus im Reagenzglas

    Leicht erhöht steht inmitten dieses seltsamen Labors eine Marmorskulptur, genauer: die Nachbildung eines gefesselten Prometheus aus dem Jahr 1762. Rostige Flüssigkeit rinnt über das makellose Weiß des Steins und zerstört es. Über Schläuche wird die Lösung in die Laborinstallation transportiert. Es folgt ein Stoffwechsel der ganz besonderen Art. Thomas Feuersteins Idee: Aus Stein werde Fleisch.

    Von Prometheus, dem Feuerbringer, ist der Weg nicht weit zu Schöpfungsmythen. Er soll Menschen aus Ton geformt und ihnen Leben eingehaucht haben – Göttervater Zeus zum Trotz, der dem Angeketteten zur Strafe täglich einen Adler schickt, der ihm ein Stück der wieder nachwachsenden Leber herausreißt. Die Leber, zentrales Stoffwechselorgan, gilt in der Tat als sehr regenerierfähig. Wer aufhört, zu viel zu saufen, und vernünftig isst, kann seine Leberschäden, wenn sie nicht zu groß sind, auf diese Weise reparieren.

    Mit dieser Fähigkeit zur Selbsterneuerung des Entgiftungsorgans spielt der Tiroler Konzept- und Medienkünstler. Er löst seinen Prometheus im Reagenzglas mit der Hilfe von Mikroorganismen auf, die dann Leberzellen zum Wachsen bringen.

    Die Idee, menschliche Organe künstlich herzustellen, ist seit Jahren Thema unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen. Im Begleittext zur Ausstellung wird auf ein niederländisches Forschungsprojekt verwiesen, bei dem aus Muskelstammzellen von Kühen Fleisch gezüchtet wurde. Das Urteil über derlei bleibt dem Publikum überlassen.

    Leber trinkt sich selbst

    Auf die Spitze treibt es Thomas Feuerstein in seiner Leberküche freilich, indem er auch noch ein Destillat aus Leberzellen herstellt. Die Leber trinke sich selbst, merkt er dazu an. Und der Mensch verdaut sich selbst ... Willkommen also im Club Cannibal! Ein gleichnamiges Restaurant in Los Angeles, das Menschenfleisch anbietet, soll ein Internet-Fake sein.

    Abfallprodukt des Feuerstein'schen Labors, in dem Marmor zu Gips wird, sind Kreiden. Diese wiederum verwendet Feuerstein für seine großformatigen Plakate, die an alte Buchillustrationen erinnern. Ihr Thema ist ebenfalls Prometheus. Dem Mythos um den Titanen ist schließlich auch der hörbare Teil der Ausstellung gewidmet. Zu hören sind von Feuerstein gelesene "Prometheus-Protokolle". (Jutta Berger, 17.7.2018)

    • Laborsituation im Kunstraum Dornbirn. Der Tiroler Konzeptkünstler Thomas Feuerstein macht die historische Montagehalle zum Bioreaktor und schuf die begehbare Skulptur "Club Cannibal".
      foto: matador records

      Laborsituation im Kunstraum Dornbirn. Der Tiroler Konzeptkünstler Thomas Feuerstein macht die historische Montagehalle zum Bioreaktor und schuf die begehbare Skulptur "Club Cannibal".

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