Rundschau: Weltraumtouristen in Gefahr

    Ansichtssache1. September 2018, 10:00
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    Von Martha Wells über Adrian Tchaikovsky bis zu A. E. van Vogt: Bücher für den ausklingenden Science-Fiction-Sommer

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    foto: tor books

    Martha Wells: "The Murderbot Diaries 3: Rogue Protocol"

    Broschiert, 160 Seiten, Tor Books 2018, Sprache: Englisch

    Was wünscht sich ein für den Kampf gezüchteter Cyborg, wenn er mal wieder im kindischen Hickhack von Menschen um Beistand gebeten wird? Natürlich eine "Ignorieren"-Funktion wie bei uns im Forum: There needs to be an error code that means "I received your request but decided to ignore you". Aber leider, die Programmierung (oder das gute Kunstherz) verhindert, dass sich Murderbot raushalten kann.

    Martha Wells' höchst populäre Schöpfung Murderbot können sich diejenigen, die damit noch nicht in Berührung gekommen sind, wie ein seltsames Kind der Liebe von Sheldon Cooper und Jason Statham vorstellen: Hier der Serien-Fan, der menschliche Interaktionen zwar aufmerksam und höchst analytisch am Bildschirm mitverfolgt, aber bloß nicht selbst damit behelligt werden will. Und dort der Action-Star mit stoischer Miene, der jedes Mal wieder von den Drehbuchautoren in die Rolle des widerwilligen Beschützers gedrängt wird.

    Dritter Durchlauf

    Zwei Abenteuer hat Murderbot bereits absolviert ("All Systems Red" und "Artificial Condition"), und nach kurzer Pause ist die selige human-free vacation auch schon wieder vorbei. Diesmal zieht es Murderbot auf den abgelegenen Planeten Milu. Dort soll das Unternehmen GrayCris, mit dem Murderbot seit Band 1 eine Rechnung offen hat, ein angebliches Terraforming-Projekt als Deckmantel für den Abbau von Alien-Relikten genutzt haben. Was streng verboten wäre – ein öffentlich gemachter Nachweis könnte den skrupellosen Konzern also endlich aus dem Verkehr ziehen.

    Wenn Murderbot als waffenstarrender Begleitschutz einer Gruppe von Menschen die eingemottete Terraforming-Station betritt, finden wir uns in einem recht klassischen Plotmuster wieder: Kaum ahnt man, dass in den leeren Räumlichkeiten etwas nicht mit rechten Dingen zugeht, liegt auch schon wieder jede Menge Metall in der Luft. Und Murderbot steckt wie immer dort, wo das Gewühl am dicksten ist: I know in the telling it sounds like I was on top of this situation but really, I was still just thinking "Oh shit oh shit oh shit".

    Die Sarkasmusmaschine gerät an ihre Grenzen

    Im Alleingang hätte Action – und davon gibt es jede Menge – die "Murderbot Diaries" nicht so populär gemacht, wie sie sind. Es ist der fortlaufende Kommentar, den unser Ich-Erzähler – gewissermaßen der personifizierte Sarkasmus – zu seinen Handlungen und erst recht zu denen der beklagenswert unvernünftigen Menschen abgibt.

    Der Sarkasmus als Schutz vor der Welt bröckelt allerdings, als Murderbot auf sein schieres Gegenteil trifft: Miki ist der Name eines Roboters, der den menschlichen Erkundungstrupp begleitet. Und der ist ein derartiges Unschuldslamm, dass Murderbot daraus nur einen Schluss ziehen kann: Miki ist noch niemals in seiner Existenz von Menschen angelogen oder missbraucht werden – was ein so gewaltiger Kontrast zu Murderbots eigener Geschichte wäre, dass sich unsere normalerweise nicht um Kommentare verlegene Hauptfigur in einigen wirklich rührenden Momenten in sich zurückziehen muss, weil ihr die Worte stocken.

    Überhaupt mehren sich in "Rogue Protocol" die Anzeichen, dass Murderbot nicht mehr ganz der/die/das Alte ist. Bedeutete es früher das höchste Glück, fernab von Menschen in einem Frachtcontainer verstaut zu sein und in aller Ruhe Serien streamen zu können, so fühlt sich das mittlerweile nicht mehr ganz so prickelnd an. Wird hier etwa jemand ganz gegen seinen Willen menschlich? Der nächste und voraussichtlich letzte Teil der "Murderbot Diaries" wird es zeigen: "Exit Strategy" erscheint im Oktober.

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