Rundschau: Weltraumtouristen in Gefahr

    Ansichtssache1. September 2018, 10:00
    73 Postings

    Von Martha Wells über Adrian Tchaikovsky bis zu A. E. van Vogt: Bücher für den ausklingenden Science-Fiction-Sommer

    Bild 2 von 12
    foto: heyne

    Dennis E. Taylor: "Ich bin viele"

    Broschiert, 461 Seiten, € 15,50, Heyne 2018 (Original: "We Are Legion", 2016)

    Was man halt so tut auf einer SF-Convention zwischen zwei Panels: Ein Sandwich essen, die E-Mails checken ... oder wie Bob Johansson mal eben zum benachbarten Kryonik-Center rüberspazieren und einen Vertrag unterzeichnen, dass man ihm nach seinem Tod den Kopf abschneidet und einfriert. Schließlich ist der Software-Ingenieur und begeisterte "Star Trek"-Fan gerade zu einem Batzen Geld gekommen, das will ja auch irgendwie ausgegeben werden.

    Der Vertrag tritt dann allerdings schneller in Kraft, als Ich-Erzähler Bob sich's erhofft hätte. Ein aus der Spur gekommenes Auto rast auf ihn zu und mit den famous last words "Das kann doch nicht dein beschissener Ernst sein!" beendet unser Held seine natürliche Existenz. Wir sind erst auf Seite 25.

    Bob 2.0

    Als Bob im Jahr 2133 wiedererweckt wird, ist selbst der Kopf weg – Bob 2.0 ist lediglich eine digitalisierte Kopie seines ursprünglichen Bewusstseinsinhalts, aber im Grunde doch ganz der Alte geblieben. Ganz im Gegensatz zu seiner Heimat: Die USA haben sich inzwischen in eine Theokratie verwandelt, und transhumane Wesen gelten als Abscheulichkeit vor dem Herrn. Was freilich nicht bedeutet, dass man keine Verwendung für sie hätte: Sie lassen sich nämlich prima zur Steuerung diverser Gerätschaften einsetzen. Autor Dennis E. Taylor verwendet für seine Software-Existenzen übrigens das eigentlich schon besetzte Wort Replikanten.

    So erhält Bob, der keinerlei Eingewöhnungsprobleme hat, gewissermaßen die Körperlichkeit zurück. Als besonderes Zuckerl lässt man ihn nicht irgendeinen x-beliebigen Alltagsapparat steuern, sondern die erste Von-Neumann-Sonde der Welt. Bob soll als Bord-KI zu anderen Sternen fliegen, sich dort vervielfältigen und eine spätere Kolonisierung durch Menschen vorbereiten. Klingt nach dem einsamsten Schicksal aller Zeiten und Welten, doch unser Bob tickt da eben anders: "Mannomann, das hier ist wirklich der Traumjob eines jeden Nerds." Begeistert startet Bob in die Weiten der Galaxis, und erst jetzt beginnt das Abenteuer wirklich. Wäre man ein alteingesessenes Alien, müsste man übrigens mit Grusel betrachten, wie sich hier ein interstellares Netzwerk aus Bobs auszubreiten beginnt.

    One for the nerds

    Der kanadische Autor Dennis E. Taylor ist noch nicht allzu lange im Geschäft und hat mit diesem Roman, dem Auftakt der "Bobiverse"-Reihe, schon früh Popularität erlangt. Der Schlüssel zum Erfolg dürfte im Ton der Erzählung liegen: Bob ist vom Typ optimistischer Einzelgänger und stellt sich jeder Herausforderung mit Zielstrebigkeit, aber auch einer hilfreichen Portion Lockerheit. Vom Grundszenario her müsste man eigentlich an John Scalzis "Old Man's War"-Reihe, Anne McCaffreys "Gehirnschiff"-Zyklus und andere Werke über wiederverwertete Existenzen denken. Bobs Sicht auf die Welt lässt "Ich bin viele" aber eher Fans von Ernest Cline ("Ready Player One") anvisieren.

    Die Unzahl an Verweisen auf erstens "Star Trek" und zweitens alle möglichen anderen SF-Klassiker unterstreicht diesen Eindruck noch einmal stark. Während bei Cline der Nerdismus allerdings auf oft recht unplausible Weise in die Bücher gequetscht wird, ist Taylor klug genug, ihn auf seine Hauptfigur zu beschränken – und das ist nun mal ein Nerd. Bob verleiht einem seiner Hilfsprogramme einen Admiral-Ackbar-Avatar und steuert den Stern an, um den im "Star Trek"-Universum Vulkan kreist: Zu seinem Charakter passt's, die Leser (so sie denn vergleichbar ticken) freut's, der Rest des Universums kümmert sich nicht drum und reagiert auf Bobs Zitate aus der SF-Geschichte mit leeren Gesichtern.

    Keine Identitätsstudie

    Eigentlich wären Identitätsfragen ein aufg'legtes Thema für diesen Roman: erst der Wechsel in eine digitale Existenz, dann die Vervielfältigung des Ichs. Philosophische Abgründe darf man sich von "Ich bin viele" aber keine erwarten, die blockt alleine schon Bobs gesunder Pragmatismus ab (und sie wären von Taylor auch eindeutig nicht beabsichtigt). Einmal gibt es für einen kurzen Moment einen fliegenden Ich-Wechsel im Stil von Ann Leckie – für den Rest des Romans werden all die Bobs aber ganz konventionell auf ihre jeweiligen Kapitel verteilt.

    Sich dem Wesen einer Software-Existenz anzunähern, gelingt Taylor nur bedingt. Gut die Idee, dass Bob nun über ein variables Zeitempfinden verfügt. Nicht schlüssig hingegen, wenn Taylor von "Hormonsteuerung" schreibt und mit seiner Wortwahl eine Körperlichkeit suggeriert, die nicht mehr gegeben ist. Aber das sind Kleinigkeiten. Die größte Implausibilität ist wohl, wie sich die neuen Bobs in die Hierarchie fügen, die das Original etabliert hat. Tragen seine ersten Kopien noch Allerweltsnamen wie Bill oder Milo, so sind es bei den nächsten Generationen fast nur noch Bezeichnungen von Serien- und Cartoonfiguren, ob Homer, Garfield oder Linus. Nachdem sich jeder einzelne von ihnen eigentlich als Bob fühlen muss, wirkt derartige Selbstverleugnung doch etwas unwahrscheinlich. (Obwohl mir gerade einfällt, dass ich hier ja selbst unter Pseudonym auftrete ...)

    Etwas für jeden

    "Ich bin viele" könnte das Buch auch über sich selbst sagen. Nachdem sich Bob zum ersten Mal vermehrt hat und die Kopien ihrerseits neue "Bobs" hervorgebracht haben, teilt sich der Plot in entsprechend viele Seitenäste auf. Weltraumgefechte, die Evakuierung der verwüsteten Erde, Civilization Building bei einer bedrohten Spezies und wüste Kloppereien mit Gorilloiden seien als wichtigste Themen genannt. Es ist mehr eine Art ausufernde SF-Soap, die für jeden was bietet, denn ein Roman.

    Dementsprechend hat das Buch auch – trotz eines gelungenen Schlusssatzes – keinen eigentlichen Abschluss. Man steigt aus "Ich bin viele" wie aus der Staffel einer TV-Serie aus, vielleicht sogar nur wie aus DVD 1 des 3-DVD-Pakets einer Staffel. Aber macht ja nix, Nachschub kommt bereits im Dezember unter dem Titel "Wir sind Götter", dem zweiten Teil der "Bobiverse"-Trilogie. Und weil Teil 1 zwar nicht gerade tiefschürfend, aber doch sehr unterhaltsam war, wird der Bestell-Button voraussichtlich wieder fleißig gedrückt werden.

    weiter ›
    Share if you care.