Wohnen zieht sich durch mein Leben

    16. Juli 2018, 06:00
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    Impulstanz-Dramaturgin Christine Standfest wohnt in einer Mietwohnung im zweiten Wiener Gemeindebezirk

    Christine Standfest, Dramaturgin beim Impulstanz-Festival, wohnt in einer Wohnung im zweiten Bezirk in Wien, in die sie einst für nur drei Monate einzog. Ihr Blick aus dem Fenster hat sich zuletzt stark verändert.

    "2007 steckte ich in einem Riesenprojekt und hatte keine Zeit, eine Wohnung zu suchen. Dann habe ich von einer Bekannten erfahren, dass sie für einige Monate eine Zwischenmieterin für ihr WG-Zimmer im zweiten Bezirk sucht. Also bin ich vorübergehend hier eingezogen. Aus drei Monaten wurden mehr als zehn Jahre. Heute wohne ich allerdings allein hier.

    foto: lisi specht
    "Meine Wohnbiografie ist immer stark verbunden mit politischen Umbrüchen." Christine Standfest im Wohnzimmer ihrer Mietwohnung im zweiten Wiener Gemeindebezirk.

    In dieser Gegend bekomme ich Veränderungen direkt mit. Jetzt gerade ist es leise. Aber wir wohnen auf einer Art Dauerbaustelle. Rundherum wird ein Dachgeschoß nach dem anderen ausgebaut. Der Aufzug, den ich nun durch mein Küchenfenster sehe, ist neu. Das Haus wurde zwei Jahre lang umgebaut. Ganz ehrlich, das war für uns alle, die mit Blick auf diesen Hof wohnen, ein Hammer. Früher habe ich vom Küchenfenster aus durch drei Hinterhöfe geschaut. Der Frühling war da, wenn der Magnolienbaum im dritten Hof geblüht hat. Ich fürchte mich etwas davor, wenn die Wohnungen bezogen und die Balkone genutzt werden. Wenn da jemand spricht, höre ich das bis ins Bad.

    Das klingt wie ein Bobo-Problem. Ist es aber nicht. Fakt ist, dass durch Nachverdichtung in diesen engen Höfen die Lebensqualität abnimmt. Das wirft Fragen zur Stadtentwicklung auf – und dazu, wie wir uns alle gegenseitig aushalten können. Eine politische Frage.

    Eine Freundin ist Szenenbildnerin. Als sie das erste Mal hier war, sagte sie: 'Am liebsten würde ich das meinen Studierenden als Beispiel für eine nicht intentional gestaltete Wohnung zeigen.' Das ist tatsächlich so. Wahrscheinlich wohne ich gar nicht, andererseits doch, extrem. Das ist die Wohnung der Eltern des Hausbesitzers. Die Küche war schon hier, als ich einzog. Ich hänge an ihr und möchte nicht einmal das grüne Resopal missen.

    fotos: lisi specht

    Die meisten Möbel waren schon hier. Sie wechseln quasi ihre Besitzer, so wie ich meine Möbel in Berlin zurückgelassen habe. Mein Fernseher ist aus meinem Elternhaus. Er ist mir, wie Sie sehen, einmal runtergefallen, geht aber noch immer. Er wurde zur WM 1994 gekauft. Das Einzige, was ich mir angeschafft habe, sind Bett und Matratze. Das ist mir wichtig. In der ganzen Wohnung liegen und stehen Bücherhaufen. Das sind teils biografische Schichten, andere sind einfach entstanden.

    Wohnen zieht sich durch mein Leben. Ich habe immer in WGs oder allein gelebt. Es gab mal einen kurzen Paarversuch, das war desaströs. In Berlin habe ich in einer Frauen-WG in einer Fabriksetage an der Spree gelebt, die wir ständig umgebaut haben. Dort sind wir mit einem neuen Konzept angetreten, am Anfang wollten wir nicht einmal eigene Zimmer.

    Mit dem Fall der Mauer wurde die Gegend von heute auf morgen anders, die Mieten stiegen. Dann war da plötzlich Ostberlin, wo tausende Wohnungen verlassen waren. Das waren Wohnungen, wo nur schnell eine Tasche gepackt und sonst alles zurückgelassen worden war. Ich zog etwas später, 1991, in den Prenzlauer Berg.

    fotos: lisi specht

    Meine Wohnbiografie ist immer stark verbunden mit politischen Umbrüchen. Aber wo ist man die Vorhut der Gentrifizierung, die man sich am Ende selbst nicht mehr leisten kann? Als ich hier schließlich allein wohnte, dachte ich erst: Endlich allein! Für eine neue WG fühlte ich mich zu alt. Aber wenn Freunde oder Kolleginnen und Kollegen bei Proben bei mir wohnen, ist das schön. Diese temporären WGs genieße ich.

    Wenn ich in mich hineinhorche, merke ich, dass ich einen Garten möchte. Gleichzeitig zieht es mich hin und her zwischen Wien und Berlin. Ich weiß nicht, wo ich alt werde, wenn ich alt werde. Es wird wohl wieder eine Mischung aus einer Entscheidung für einen Ort – verbunden mit dem, was dort gerade passiert und wie ich mich einbringen kann – und einer Form von Zufall sein. Ich habe den Eindruck, so ticke ich." (16.7.2018)

    Christine Standfest, geb. 1963 in Niederbayern, hat Literatur, Gender-Studies, Kulturwissenschaften und Pädagogik in Regensburg, Berlin und Lancashire studiert und war dort in kollektiven und politischen Zusammenhängen aktiv. Seit 1997 arbeitet sie mit dem Theatercombinat und Regisseurin Claudia Bosse u. a. in Wien, Berlin, Genf, Podgorica. Jetzt ist sie Dramaturgin beim Impulstanz-Festival, das bis 12. August in Wien stattfindet.

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