Outback-Western "Sweet Country": Faustrecht der roten Prärie

    Video13. Juli 2018, 06:00
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    Dem Australier Warwick Thornton ist ein formidabler Outback-Western geglückt: eine Geschichte über Rache und Gerechtigkeit in bedrückend schöner Landschaft

    Es gibt nicht viel her, das dürre, von rotem Staub bedeckte Land rund um Alice Springs, im Herzen Australiens. Ein Farmer besitzt ein kleines Feld mit Wassermelonen. Ein anderer ist neu hergezogen, seine Fähigkeiten, irgendetwas zu erwirtschaften, erscheinen eher begrenzt. Abends tritt er betrunken mit dem Gewehr aus dem Haus und exerziert auf seiner Veranda – der Erste Weltkrieg hat ihn nachhaltig traumatisiert. Bis so ein Mann in einem Western für Unheil sorgt, dauert es meistens keine Ewigkeit.

    foto: mark rogers
    Ihren weißen Verfolgern nur einen Schritt voraus: Natassia Gorey Furber und Hamilton Morris sind auf der Flucht durch das "Sweet Country" Australiens.

    Tatsächlich verblutet dieser Harry March (Ewen Leslie) in Sweet Country nicht viel später an einer Schusswunde an seinem Hals. Abgefeuert hat die Kugel Sam Kelly (Hamilton Morris), ein Aborigine, der in Notwehr gehandelt hat. Doch da die indigene Bevölkerung im Australien des Jahres 1929 einen ähnlich prekären Status wie Schwarze in den USA hat und deshalb auf kein faires Verfahren hoffen darf, ergreift er gemeinsam mit seiner Frau die Flucht. Ein von einem wild entschlossenen Sergeant (Bryan Brown) angeführter Suchtrupp sitzt ihm bald auf den Fersen.

    Sweet Country, 2017 in Venedig mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet, ist der zweite Spielfilm von Warwick Thornton (Samson & Delilah), der nicht nur selbst aus Alice Springs kommt, sondern auch aus einer Aborigines-Familie stammt. Das von weißen Helden dominierte Westerngenre nun mit der Geschichte der Unterdrückung seines Volkes zu durchmischen macht seinen Film so besonders.

    Jäger und Gejagte

    Thornton bleibt dabei einem klassischen Narrativ mit ruhigen, aber wuchtigen Bildern verpflichtet. Er akzentuiert es durch seine Figurenzeichnung so, dass die weißen Siedler genauso wie die Ureinwohner Widersprüche aufzulösen haben. Faustrecht oder höhere Gerechtigkeit, kulturelle Anpassung oder Abkehr – so könnten die Alternativen lauten.

    Schon in der Jagd auf Sam Kelly brechen die feinen Unterschiede innerhalb der Gruppe der Verfolger hervor: Sam Neill, der Star im Cast, spielt den Priester Fred Smith, bei dem Sam Kelly anders als die meisten Angehörigen seines Volkes in Freiheit leben konnte. Einen Gegenpol verkörpert der auf Vergeltung sinnende Sergeant; einen weiteren Archie, ein Aborigine (Gibson John), der auf die Seite der Weißen gewechselt ist und als Fährtenleser dient.

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    Trailer zu "Sweet Country".

    Je weiter die Truppe in das noch unbesiedelte Land vordringt, umso mehr treten auch die elementaren Grundzüge der Figuren hervor, gehen die Gefühle hoch. Thonton hat Sweet Country gemeinsam mit seinem Kameramann Dylan River auch fotografiert, die Landschaft lässt er weniger majestätisch, sondern bei aller Schönheit auch seltsam nackt und bedrückend erscheinen. Irgendwann ist der Sergeant dann nur noch allein durch die Salzwüste unterwegs und entgeht nur knapp – und äußerst glücklich – dem Tod durch Verdursten.

    Auch wenn manche Charaktere anfangs noch holzschnittartig wirken, geht es Thornton doch mehr darum, eine Kultur der Pioniere zu beschreiben, in der die starren Positionen aufweichen und die Unterschiede verschwimmen. Selbst Sam und seine Frau können nicht zu ihren Ursprüngen zurück. Zu weit sind sie schon von der neuen Zivilisation umfangen, sie haben etwa auch den christlichen Glauben der weißen Siedler angenommen. Letztlich bleibt ihnen nur die Möglichkeit, sich auf deren Rechtssystem zu berufen.

    Provisorisches Gericht

    Thornton ist sich freilich bewusst, dass es in diesem "sweet country" allenfalls eine Idee von Gerechtigkeit geben kann – für die Umsetzung derselben scheint das Land noch nicht reif. Das Gericht, das am Ende Sams Fall aufgreift, hat im Ort noch nicht einmal ein eigenes Haus.

    Dafür, dass es zwischen der noch primitiven Siedlerkultur und der indigenen Bevölkerung noch lange keine gemeinsame Basis geben wird, findet Thornton auch eine einfache, aber wirkungsvolle Übersetzung. In kurzen, blitzlichtartigen Szenen greift der Film wiederholt auf die Zukunft vor (und bisweilen auch in die Vergangenheit zurück). Das betont den tragischen Zyklus dieser Erzählung, aus der es noch keinen Weg in die Freiheit gibt. "Welche Chance hat dieses Land?", fragt der Priester am Ende. Antwort bekommt er keine. (Dominik Kamalzadeh, 13.7.2018)

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