Helene Fischer in Wien: Geile Segnung, biederes Glück

    12. Juli 2018, 09:21
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    Sie kam, sah und fischerte: 35.000 Schlagerrock-Konvertiten empfingen im Wiener Ernst-Happel-Stadion den Segen der schönen Helene

    So stellt man sich als Ungläubiger eine Glaubenskongregation vor. Eine Versammlung zugunsten der reinen Lehre. Diese beschwört im Falle Helene Fischers die heile Welt. Also jenen unrealistischen Zustand, nach dem wir uns alle sehnen und der – meist durch Menschenhand – permanent unter Beschuss liegt. Aber nicht, wenn sie da ist. Kommt Helene, katapultiert sie ihre Fans für die Dauer von zwei Stunden plus Zugaben in den Zustand entrückter Seligkeit.

    foto: apa/herbert pfarrhofer
    Sorgte für entrückte Seligkeit: Helene Fischer.

    35.000 waren am Mittwoch ins Ernst-Happel-Stadion gekommen, um ihr beizuwohnen – also ihrem Auftritt. Und sie kam und gab. Schon nach wenigen Liedern und Liebesgeständnissen an die Gastgeberseite fuhr der Star mit dem Helenemobil durch das Stadion. So spendete sie ihren Segen noch in den entfernten Außenstellen des Stadions und nährte damit die Illusion menschlicher Nähe auf eine Art, für die es sonst mindestens die Gunst eines David Copperfield braucht.

    Einhorn aus dem Himmel

    Dabei schlagerrockte sie am Dach des Gefährts stehend durch Lieder wie Feuerwerk, Mitten im Paradies und Hundert Prozent. Über ihr markierten Luftballons ihren Standort, und wäre plötzlich ein Einhorn aus dem Himmel gesprungen – es hätte niemanden überrascht.

    foto: apa/herbert pfarrhofer
    Groß und größer: Fischer auf der Videowall.

    Zurück auf der Bühne: hurtig weiter. Die 33-jährige Deutsche huschte über den Laufsteg, der weit in den Rasen des Stadions reichte. Begleitet wurde sie dabei von Tänzerinnen und Tänzern, die beständig einen Mix aus Begehren und Zurückhaltung bezüglich ihrer Arbeitgeberin tanzten. #MeToo jugendfrei.

    Geil und bieder

    Das passt zum Bild der Helene. Ein bisserl geil, ein bisserl bieder – aalglatt, aber doch so verschwitzt, dass es menschelt, von ihrem Lächeln ganz zu schweigen. Und das Publikum, die Heilsuchenden, sie hielten voll drauf. Tausende reife Winkeschinken trotzten der Schwerkraft und ließen die Handykameras über Kopf heißlaufen, indem sie abfilmten, was die Videowalls zeigten.

    casper silber

    Dass Fischer in Schweiß und Fleisch keine 20 Meter neben ihnen das Lied vom fehlenden Atem schmetterte – egal. Virtual Reality als Normalzustand im Ausnahmezustand. Doch man ist ja jeder Form von friedlichem Fanatismus gegenüber aufgeschlossen.

    Laut und leise

    Über zwei Stunden ging das so – alle Hits wurden gespielt, alle Register der Publikumsschmeichelei gezogen. Fehlerfrei wechselte Blond und Blauäugig ihre Kostüme, fehlerfrei variierte die Band zwischen laut und leise, fehlerfrei sang Fischer Lieder von hoffnungsfroh zu nachdenklich. Je nach Stimmungslage verballerte die Show dazu ihre 200 Kilo Konfetti und etliches an Pyrotechnik – während sie, die Helene, 2000 Kalorien allein mit ihrem Lächeln verbrannte: Schweres Herzbeben im Oval.

    foto: apa/herbert pfarrhofer
    Fischer & Co im Konfettiregen.

    Das Leben an diesem geschützten Ort war für zwei Stunden eine Achterbahn mit Happy End. Fans, berauschte wie betörte, sammelten Helene-Fischer-Bierbecher wie Obelix Römerhelme ein, schnell noch ein "Helene Fischer Ultras"-T-Shirt gekauft, und vorbei war der Zauber. Doch er geht bald weiter.

    Am 11. und am 12. September holt Fischer in der Wiener Stadthalle jene beiden Konzerte nach, die sie im Februar krankheitshalber hatte ausfallen lassen müssen. Das wird wieder für tausende Unser Tag. (Karl Fluch, 12.7.2018)

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