Xiaomi Mi 8: Chinas Antwort auf das iPhone X im Test

    8. September 2018, 14:34
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    Das Smartphone lockt mit starken Spezifikationen, dennoch kann der Hersteller vorerst nicht ganz an die Spitzenklasse andocken

    Als wohl letzter Hersteller der Frühlings- und Sommersaison hat Xiaomi seine wohl bekannteste Smartphone-Reihe um ein neues Flaggschiff ergänzt. Mehr als ein Jahr nach dem Mi 6 folgte im Mai das Mi 8, die Nummer 7 hat man übersprungen.

    Die Mi-Serie gilt schon seit ihren Anfängen als eine der begehrtesten Reihen für jene Leute, die auf der Suche nach einem guten Smartphone auch schon einmal ein Gerät aus China importieren. Das hat uns beim STANDARD freilich nicht davon abgehalten, das Handy zu testen. Das Testgerät wurde vom österreichischen Importhändler Trading Shenzhen zur Verfügung gestellt. Mittlerweile gibt es auch eine Version für den internationalen Markt.

    foto: derstandard.at/pichler

    Flaggschiff im iPhone-X-Look

    Das Rezensionsmodell kommt in einem metallisch-blauen Farbton daher und entspricht damit dem Trend, Handys nicht mehr nur in Schwarz, Weiß und Grau anzubieten. Bei der Materialwahl setzt man auf die mittlerweile etablierte Kombination aus Metall und Glas, die leider anfällig für Fingerabdrücke ist. Die Verarbeitung ist aber, Xiaomi-typisch, sehr hochwertig.

    Beim Design hat man sich sehr offensichtlich bei Apples iPhone X inspirieren lassen. Geschwungene Ecken, dünne Ränder und ein "Notch" in mehr oder weniger identer Größe zeugen davon, einzig der untere Rand fällt dicker aus. Deutlich wird es auch bei der Rückseite: Das Kameramodul ist praktisch eine Kopie und an der selben Stelle platziert. Dort, wo bei Apple das Logo sitzen würde, hat man den Fingerabdruckscanner untergebracht, den das iPhone X nicht hat.

    foto: derstandard.at/pichler

    Bildschirm nicht ganz auf Topniveau

    Die Bedienelemente (Lautstärke, Ein/Aus) befinden sich auf der rechten Seite, der Dual-SIM-Slot liegt links. Auf der Unterseite findet man den Lautsprecher sowie den USB-C-Anschluss (1.0). Vom 3,5mm-Kopfhöreranschluss hat Xiaomi sich getrennt. Mit Maßen von 154,9 x 74,8 x 7,6 Millimeter liegt das Handy gut in der Hand. Das einhändige Erreichen von oberen Bildschirmbereichen setzt jedoch Fingerakrobatik voraus.

    Der Bildschirm, ein AMOLED-Panel, kommt auf eine Diagonale von 6,2 Zoll bei einer Auflösung von 2.248 x 1.80 Pixel, woraus sich das eher originelle Seitenverhältnis von 16:7,7 ergibt. Die Wiedergabe von Farben und Kontrasten fällt erwartbar gut aus, wobei der Bildschirm in puncto Helligkeit mit Konkurrenten wie dem Galaxy S8 nicht mithalten kann. Bei starker Sonne sind Inhalte folglich schwerer zu erkennen, auch wenn das System versucht, mit automatischer Kontrastanpassung dagegen zu halten. Filmfreunde dürfen sich dennoch über HDR10-Support freuen.

    foto: derstandard.at/pichler

    Starkes Specsheet

    Bei der Wahl der Komponenten setzt Xiaomi freilich auf Highend. Man paart den aktuellen Qualcomm Snapdragon 845 mit sechs GB RAM sowie 64, 128 oder 256 GB Speicher, der nicht erweiterbar ist. Das Handy unterstützt ac-WLAN, Bluetooth 5.0, NFC und LTE – wobei es im Hinblick der unterstützten Frequenzbänder bereits für einen "globalen" Release vorbereitet ist. Mit dabei ist etwa auch das auf Chinaphones oft fehlende Band 20.

    Um das Smartphone schneller zu entsperren gibt es den schon erwähnten Fingerabdruckscanner, der sehr schnell und zuverlässig arbeitet. Aber Xiaomi hat auch eine Infrarotkamera für Gesichtsentsperrung eingebaut. Auch das klappt flott. Eine 3D-Erfassung bietet dieses System jedoch nicht, denn es wird schon bereits bei der Einrichtung darauf hingewiesen, dass es potenziell möglich ist, dass eine Person ähnlichen Aussehens oder ein Foto das Handy entsperren und der Fingerabdruck sicherer ist.

    Bei der rückseitigen Kamera lässt man sich am Specsheet auch nicht lumpen. Es handelt sich um ein Modul mit zwei 12-Megapixel-Sensoren sowie optischer Bildstabilisierung auf vier Achsen. An Bord ist auch ein Phase Detection-Autofokus und ein Dualtone-LED-Blitz.

    foto: derstandard.at/pichler

    Benchmark-Nachzügler

    Theoretisch hat das Mi 8 damit alle Merkmale, die man von einem Spitzenhandy im Jahr 2018 erwarten darf. Bemerkenswerterweise wird das in den Benchmarks allerdings nicht abgebildet. Im Allroundtest mit Antutu kommt das Handy auf rund 234.000 Punkte und liegt damit am untersten Ende aller Geräte mit Snapdragon 845. Am nähesten dran ist Sony Xperia XZ2, das im Schnitt 251.000 Punkte vorweist. Andere Geräte, etwa das extrem gut optimierte OnePlus 6, kratzen gar an der 290.000er-Marke.

    Auch im 3D-Benchmark mit 3DMark schneidet man deutlich schlechter ab. Hier sind es rund 3.500 Zähler und damit mehr als 1.000 weniger, als etwa das OnePlus 6 oder das Gaming-Smartphone "Black Shark" aus eigenem Hause bieten. Das legt Optimierungsbedarf nahe. Getestet wurde mit der als stabil deklarierten Firmware-Version 9.5.11.0.

    Flott im Alltag

    In der Praxis fällt dieser Abstand allerdings kaum auf. Bei Alltagstätigkeioten ist das Mi 8 blitzschnell, auch bei der Navigation durch das System fallen keine Mikroruckler auf. Casual Games wie "Pokémon Go" laufen ebenfalls problemfrei, allerdings scheint die Kommunikation zwischen den Sensoren des Handys und der App systemseitig nicht ganz so abzulaufen, wie sie sollte.

    Wer im Augmented-Reality-Modus Monster fangen will, wird feststellen, dass diese teilweise ohne erkennbarem Grund wilde Seitwärtsbewegungen vollziehen. Man darf hoffen, dass hier künftig ein Patch Abhilfe schafft. Bei grafisch sehr aufwändigen Games gesellt sich gelegentlich ein Ruckler ins Spielerlebnis.

    foto: derstandard.at/pichler

    China-Firmware am Testgerät

    Die Firmware des Mi 8, Android 8.1 in Xiaomis eigener Adaption "MIUI 9.5" ist ohnehin ein spezieller Fall. Die Anlehnung an Apples iOS ist in Sachen Optik und Handhabung deutlich erkennbar. Flaches Design, grelle Farben, das Fehlen eines Launchers und die im Vergleich zu "Standard-Android" konfuse Anordnung der Systemeinstellungen machen das mehr als deutlich. Immerhin: Wem das nicht behagt, der kann ohne Schwierigkeiten einen anderen Launcher installieren und als Standard definieren.

    Das Testgerät kam mit unmodifizierter China-Firmware. Damit ist die Sprachauswahl auf Mandarin und Englisch beschränkt und auch die Google-Services waren nicht an Bord. Diese nachträglich zu installieren und somit auch Zugriff auf den Play Store zu erlangen, war ohne Schwierigkeiten möglich. Zudem gab es im Appkatalog auch keine Probleme mit als "inkompatibel" ausgeschilderten Programmen.

    XiaoAI spricht nur Chinesisch

    Allerdings bescherte die Konstellation aus Google-Services und der für China ausgelegten Software zwei andere Probleme. Erstens: Wie auch schon auf der chinesischen Variante des Honor 10 lässt sich der Google Assistant nicht per Sprachbefehl ("Okay, Google") aktivieren. Dieser privilegierte Platz ist schon von Xiaomis XiaoAI belegt, die sich nicht ersetzen lässt und nur Chinesisch spricht. Dementsprechend muss man das Google-Pendant oder auch andere Helfer dieser Art vorher manuell öffnen.

    Und: Obwohl keinerlei Fehler angezeigt wird, war es nicht möglich, auf Google hinterlegte Kontakte auf das Mi 8 zu synchronisieren. Lediglich die SIM-Kontakte eines anderen Smartphones konnten geladen werden. Hier scheint aktuell nur der (lästige) Umweg über den Export und Import einer VCF-Datei möglich zu sein.

    Beide Schwierigkeiten sind allerdings mit der globalen Version des Handys gelöst worden. Dort ist der Play Store vorinstalliert und anstelle von XiaoAI läuft der Google Assistant.

    foto: derstandard.at/pichler

    Kamera stark bei Tag, aber "nur" gut am Abend

    In puncto Kamera will Xiaomi natürlich auch mit der Smartphone-Spitzenklasse mithalten. Das gelingt aber nur teilweise. Unter Tageslicht liefert die Kamera tolle Bilder mit sehr akkurater Farbgebung und hohem Detailgrad. Stark ist sie in Sachen dynamischer Bandbreite, was sich an einer meist sehr schönen Abbildung des Himmels zeigt.

    Schaltet man XiaoAI hinzu, um die Fotos zu verbessern, erntet man recht unterschiedliche Ergebnisse. Teilweise sorgt die Künstliche Intelligenz für bessere Kontraste und kräftigere Farben an den richtigen Stellen und gleicht damit die Defizite, die eine Handykamera nunmal hat, aus. An anderer Stelle übertreibt sie es jedoch mit den Nachbesserungen. Bei der vom Gloriette-Hügel geschossenen Panoramaaufnahme des Schlosses Schönbrunn schleichen sich etwa Gelbtöne in die eigentlich saftig grüneWiese ein, die selbige fast etwas "verbrannt" aussehen lassen.

    Wenn das Sonnenlicht weicht, muss sich das Mi 8 jedoch Samsung und Konsorten geschlagen geben. Diese liefern unter schwierigeren Bedingungen bessere, weil hellere und detailreichere Ergebnisse. Die nächtliche Aufnahme der Mariahilferstraße besticht zwar mit geringem Bildrauschen, dieses hat allerdings weniger mit dem Sensor an sich zu tun, sondern mit dem aggressiven Postprocessing, das im gleichen Zug auch sämtliche kleineren Details eliminiert hat.

    foto: derstandard.at/pichler

    Keine Superzeitlupe

    Der Porträtmodus funktioniert ähnlich gut, wie beim Galaxy S9+ und anderen Highendhandys. Das bedeutet, dass die Erkennung der "Ränder" des fotografierten Vordergrundmotivs im Groben gut funktioniert, bei genauerem Hinsehen aber dann doch so mancher Fehler zu entdecken ist. Die Frontkamera gibt sich keine Blöße, sie ist wohl eine der besten – wenn nicht gar die beste – die man derzeit finden kann. Die Kamera-App orientiert sich an jener des iPhones, ist recht leicht zu bedienen und bietet auch allerlei Einstellungen.

    Das Handy kann auch Videos in 4K-Auflösung aufnehmehn. Verzichten muss man allerdings auf einen Superzeitlupenmodus. Mit maximal 240 Bildern pro Sekunde in 720p und 1080p liegt man hier einen Schritt hinter der Konkurrenz. Durchaus denkbar, dass zumindest ein 480-Frames-Modus per Softwareupdate nachgerüstet wird, bekannt ist über solche Pläne aber noch nichts.

    Gute Anrufakustik

    Bei der Lautsprecherakustik bewegt sich das Mi 8 im Durchschnitt. Der Mono-Lautsprecher schallt ausreichend laut, wobei man die Lautstärke besser nicht ans Maximum dreht. Wie viele Handylautsprecher hat er besonders dann seine liebe Mühe mit Höhen und Bässen. Das Fehlen der Audioklinke dürfte für manche Nutzer ärgerlich sein. Kopfhörer müssen drahtlos via Bluetooth oder über den USB-C-Port angeschlossen werden. Passendes Equipment liegt dem Mi 8 nicht bei, aber zumindest ein Adapter von Klinke auf den neuen Anschluss.

    Die Sprachqualität des Mi 8 ist auf Seiten des Gesprächspartners sehr gut. Man wird klar und deutlich verstanden. Am Handy selbst kommt die Stimme des Gegenübers laut, aber ein wenig undeutlich an. Die akustische Trübung ist aber nicht stark genug, um ernsthafte Kommunikationsprobleme zu erzeugen.

    Passable Akkulaufzeit

    Ordentlich, wenn auch nicht spektakulär, schlägt sich das Mi 8 bei der Akkulaufzeit. 3.400 mAh liefert die Lithium-Polymer-Batterie nominell. In einem Szenario mit sehr anspruchsvoller Dauernutzung (Kamera, Browser, Pokémon Go mit Dauerzugriff auf Verbindung und GPS) reicht eine Ladung für 3-4 Stunden. Wenn man das Handy nicht gerade für intensives Zocken verwendet, kommt man gut über den Arbeitstag mit ausreichend Reserven für noch rund einen halben Tag.

    foto: derstandard.at/pichler

    Fazit

    Am Papier ist das Xiaomi Mi 8 ein Flaggschiff, dass der im Westen namhafteren Konkurrenz in nichts nachsteht. In der Praxis kämpft das Handy aber mit kleineren Mängeln. So fehlt es der Software an Optimierung. Bei grafisch anspruchsvollen Games hat das Gerät manchmal zu kämpfen. Aus der Kamera lässt sich wohl auch mehr herausholen, am Abend und in der Nacht hält man mit Samsung und Co. nicht mit. Auch die Bildverbesserungen durch die hauseigene KI fallen unter die Kategorie "Hit and Miss". Der Bildschirm ist gut, aber nicht ganz auf dem Niveau, wie bei vielen anderen aktuellen Spitzengeräten.

    Die meisten Defizite des Mi 8 sind potenziell mit Softwareupdates ausmerzbar, hier liegt es an Xiaomi, dem Gerät bald zur nötigen Reife zu verhelfen. Probleme wie die nicht funktionierende Kontaktsynchronisation über Google hängen wiederum spezifisch an der Firmwareversion für den chinesischen Markt, fließen also nicht in die Bewertung ein.

    Für das Mi 8 spricht dafür definitiv sein Preis, der bei europäischen Händlern zwischen 400 und 500 Euro liegt. Damit konkurriert es mit dem OnePlus 6. Wenn das Handy auch hierzulande offiziell verfügbar wird, und dieser Preis hält, bietet es durchaus eine Alternative – vorausgesetzt, Xiaomi beseitigt die softwareseitigen Problemchen. (Georg Pichler, 31.08.2018)

    Testfotos

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    Hinweis im Sinne der Leitlinien: Das Tesgerät wurde von Trading Shenzhen zur Verfügung gestellt.

    Links

    Xiaomi

    Trading Shenzhen

    Nachlese

    OnePlus 6 im Test

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