Dichter Stefan George: Der umstrittene Charismatiker

    12. Juli 2018, 11:00
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    Zum 150. Geburtstag des deutschen Lyrikers, dem Nähe zum Nationalsozialismus vorgeworfen wurde

    Wien – "Er sieht abschreckend und hässlich aus, wie das böse Princip, oder wie ein giftiger Pilz", befand die Schriftstellerin Ricarda Huch. Und eine Dame aus dem Bekanntenkreis urteilte, sein Leib sei so fremd, "als gehöre er einem anderen zoologischen Bereich an". Die Rede ist von einer der merkwürdigsten Erscheinungen der deutschen Literaturgeschichte im 20. Jahrhundert, von dem Dichter Stefan Anton George. Er wurde 1868 in Büdesheim bei Bingen am Rhein als Sohn eines Winzers geboren und starb im Dezember 1933 – kurz nach der Machtergreifung Hitlers in Minusio im Tessin.

    An jenem Dezembertag hielten der spätere Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg und sein Bruder Berthold am Sarg des "Meisters" die Totenwache. Beide gehörten dem sogenannten George-Kreis an, einer kleinen Gruppe gleichgesinnter Geister und Jünger, die sich um die seit 1890 von George herausgegebenen Blätter für die Kunst versammelt und sich ihm verpflichtet hatten.

    Strenger Dichterfürst

    Seinen Zeitgenossen präsentierte er sich als unnahbarer, strenger Dichterfürst, ein Führer in der Welt des Geistes, vielleicht auch der Dämonen. Schon mit seinen ersten Gedichtbänden (Hymnen, Pilgerfahrten, Algabal und Die Bücher der Hirten) stellte sich George dem herrschenden Naturalismus entgegen. Kunst, so befand er, dürfe nicht die bedrückende Alltagswirklichkeit schildern, sondern ein Reich des Geistes und der Schönheit errichten. George wollte die Wirklichkeit durch strenge Form und erlesene Sprache überwinden. Der elitäre Zirkel von jungen Männern, die er um sich scharte, wuchs im Lauf der Jahre zu einem geschlossenen Leserkreis.

    Ein Weiteres kam hinzu: Stefan George war homosexuell, und die Auserwählten, die sich um ihn scharten, waren es zum großen Teil auch. Der Journalist und Schriftsteller Friedrich Sieburg beschrieb seinen Besuch im Kreis Georges so: "Es war ein klassischer Augenblick, den ich dort erlebte. Max Weber las nicht mehr, empfing uns aber bisweilen in seinem Garten am Samstagnachmittag. George tauchte manchmal in seinem schwarz lackierten Strohhut, priesterlich verkleidet, an einer Straßenecke auf und jagte uns, die wir dort studentisch durcheinander schrien, in die Flucht. Friedrich Gundolf war der Stern ..."

    Gundolf sprach später vom Bildungserlebnis, Sieburg von "Lust an der Verehrung". Und Autoren aus unserer Zeit wie Michael Lentz oder der Lyriker Durs Grünbein huldigen Georges "hämmerndem Prosarhythmus", sehen in ihm den "Meister des Latenten". Auch Bertolt Brecht zollte auf seine Art dem dichterischen Potenzial Georges Anerkennung.

    Kennzeichen von Georges Dichtung ist das herrische Einwirken auf eine Sprache, deren Lyrik kaum ein Dichter seit Klopstock so gewandelt hat wie er. Sein hymnisch hohes Pathos, dieser weihevolle "Ton des Tempels", machten George wie Rilke oder Nietzsche dem mondänen Publikum zum personifizierten Beweis dichterischer Erleuchtung. So konnte sich George als herrischer Sänger oder gar Seher einer Zeit andienen, die sich nach einer sakralen Autorität sehnte. Welchen Einfluss hat George, der von "Geliebtem" und "schönem Leben" redete, auf diese jungen Männer ausgeübt? Welchen Mystifikationen sind sie erlegen?

    Hübsche Knaben aufspüren

    Thomas Karlauf, einer seiner jüngeren Biografen, befasste sich eingehend mit dem 1914 erschienenen Sammelband Stern des Bundes, einem eher kryptischen Gedichtband, der aus seiner Sicht den "ungeheuerlichen Versuch" darstellt, "die Päderastie mit pädagogischem Eifer zur höchsten geistigen Daseinsform zu erklären". "Das gemeinsame Aufspüren und Stellen hübscher Knaben" sei in diesem Kreis eine wichtige Aufgabe gewesen.

    Jedenfalls waren Auftreten und Anspruch Georges für seine Zeit überraschend und anstößig zugleich. Seine frühen Arbeiten zeugten mehr von angespanntem Willen als von Begabung. Später findet George in hellenischer Vergangenheit, im christlich-höfischen Mittelalter und im alten Orient Spuren seines hohen Menschen. Doch im Grunde war er kein Zeitgenosse seiner Zeit.

    Als er in seiner letzten Gedichtsammlung Das Neue Reich (1928) die Scheinkultur der Zeit geißelte und das "geheime Deutschland" ausrief, sahen viele darin ein Bekenntnis zum Nationalsozialismus, was ein krasses Missverständnis war. Einer Mitarbeit am Entstehen des "neuen Deutschlands" hatte er sich versagt. Als ihm die Mitgliedschaft in der Preußischen Akademie der Künste angeboten wurde, ließ er Goebbels mitteilen, er leugne "die Ahnherrschaft der neuen nationalen Bewegung" durchaus nicht, stehe aber für keinen Posten zur Verfügung. Seine Hoffnung, dass die Deutschen durch eine geistige und moralische Revolution dermaleinst den Griechen der Antike gleichkommen könnten, hat sich jedenfalls nicht erfüllt. (Wolf Scheller, 12.7.2018)

    • Stefan George: kein Bekenntnis zum Nationalsozialismus.
      foto: getty images

      Stefan George: kein Bekenntnis zum Nationalsozialismus.

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