Eine besetzte Badeanlage? Alltagsleben im spätantiken Limyra

    Blog12. Juli 2018, 08:00
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    Ob die Umnutzung und Aneignung legal erfolgte oder nicht, ist nicht gewiss. Klar ist aber, der Ort eignet sich hervorragend für kommerzielle Aktivitäten

    Bekanntermaßen orientiert sich Geschichtsschreibung immer noch stark an den Eliten. Aber wie steht es um jene "kleinen" Leute, die üblicherweise keine allzu große Berücksichtigung finden? Etwa die Handwerker, die Gegenstände des Alltags aus gewöhnlichen Materialien wie Textilien, Tierknochen, Glas, Eisen oder Kupferlegierungen hergestellt haben? Eine Vielzahl dieser Gegenstände bildete die Ausstattungsgüter von Häusern, Geschäften, Tavernen und anderen Orten.

    Die moderne archäologische Forschung, die auf alle diese Gegenstände achtet, gewährt uns anhand von detaillierten Untersuchungen von Kleinfunden Einblicke in die verschiedensten Aspekte des Alltagslebens. Dadurch gewinnen wir zudem die Möglichkeit, Anpassungsprozesse von städtischen Siedlungen an verschiedene Situationen nachzuvollziehen und zu bewerten.

    Limyra in der Spätantike

    Limyra ist im Südwesten der Türkei etwa fünf Kilometer nördlich der modernen Stadt Finike gelegen. Der Ort im östlichen Bereich des antiken Lykien reicht bis in die archaische Zeit zurück, dürfte schon in klassischer Zeit städtischen Charakter besessen haben und hielt sich bis in die mittelbyzantinische Epoche. In spätantiker und byzantinischer Zeit war die Stadt Bischofssitz. Im späten 5. und frühen 6. Jh. n. Chr. war die Stadt durch zwei voneinander unabhängige Mauerringe in zwei Bereiche geteilt. Unter den ausgegrabenen Gebäuden dieser Zeit befinden sich öffentliche Bäder, christliche Basiliken, ein byzantinisches Kloster und möglicherweise eine Synagoge oder der Teil eines jüdischen Viertels.

    foto: öaw-öai
    Stadtplan von Limyra.

    Die Badeanlage nahe dem Theater

    In den Jahren 1995 und 1996 sind westlich des römischen Theaters Ausgrabungen durchgeführt worden. In ihrem Verlauf stieß man auf einen Bereich mit Plattenboden und die Wände eines mehrräumigen Gebäudes. Funktion und Datierung dieses Baus blieben allerdings zunächst unklar. Erst von 2007 bis 2010 wurden die Ausgrabungen in diesem Areal durch das Österreichische Archäologische Institut wieder aufgenommen. Dabei konnte die Funktion des Gebäudes als kleine Thermenanlage interpretiert und deren Bauphasen geklärt werden:

    • Phase 1: Errichtung des Bades (Ende des 2. oder zu Beginn des 3. Jhs. n. Chr.),
    • Phase 2: Betrieb des Bades (3. bis Ende des 5. Jhs. n. Chr.),
    • Phase 3: Diverse Ergänzungen, zum Beispiel die Schaffung neuer Gehhorizonte (6. bis 7. Jh. n. Chr.),
    • Phase 4: geringe Nutzung des Baus und seines Umfelds (8. bis 10. Jh. n. Chr.),
    • Phase 5: Nutzung des Geländes als Begräbnisstätte (14. bis 17. Jh. n. Chr).
    foto: öaw-öai
    Theater und Theaterthermen von Limyra.

    Die spätere Nutzung des Bades

    Die spätantike Umwidmung des kleinen Bades von Limyra steht aktuell im Fokus unserer wissenschaftlichen Untersuchungen. Die Besonderheit liegt unter anderem in der Vielzahl der bei den Grabungen angetroffenen Alltagsgegenstände, die sich in Verbindung mit handwerklichen Tätigkeiten am Ort bringen lassen. So finden sich unter den mehr als 700 Kleinfunden mehrere halbfertige oder verbogene Objekte, die aus ganz verschiedenen Materialien wie Glas, Tierknochen und Metall bestehen. Darüber hinaus deuten scheibenförmige und jeweils mit zwei Löchern zum Aufhängen versehene Webgewichte aus Ton, Spindelhaken und Spinnwirtel auf die Erzeugung textiler Produkte im Bereich des Gebäudes hin.

    foto: öaw-öai
    Ausgrabung der Theaterthermen in Limyra.

    Die Hintergründe der neuen Nutzung: Ein "Übergriff"?

    Die Wiederbenutzung und das Umfunktionieren verlassener Gebäude und Räume stellen eine übliche urbane Praxis dar, die sich immer wieder in der Antike findet. So kam es gelegentlich vor, dass die Neunutzung und Umwidmung außerhalb gesetzlicher Bestimmungen durchgeführt wurde. Diese Fälle werden als "Übergriffe" oder "Encroachment" bezeichnet.

    Mitunter wurde dabei die Aufrechterhaltung von Recht und Gesetz im öffentlichen Raum so stark beeinträchtigt, dass die Kaiser im 5. und 6. Jh. n. Chr. mithilfe von Dekreten gegensteuerten. Während zunächst der Bau privater Strukturen in öffentlichen Bereichen völlig verboten wurde, kam es im Lauf der Zeit zu einer deutlich pragmatischeren Gesetzgebung: So stand am Ende eher die Integration der neuen Strukturen unter ästhetischen Aspekten in das Stadtbild im Vordergrund. Vorläufig können wir noch nicht mit Gewissheit sagen, ob die Umnutzung und Aneignung der kleinen Badeanlage in Limyra legal erfolgt ist oder nicht. Interessanter ist daher momentan die Frage, warum die Leute ausgerechnet diesen Ort gewählt haben und wofür?

    foto: öaw-öai
    Webstuhlgewichte aus Ton, Spindelhaken und Spinnwirtel.

    Werkstätten und Geschäfte

    Die Ausgrabungen in den sogenannten Theaterthermen von Limyra haben keine Hinweise auf Produktionsstätten wie etwa Brennöfen erbracht. Solche Installationen dürften sich wegen des intensiven Feuergebrauchs wohl auch andernorts befunden haben. Dennoch sind bestimmte Produkte im Bereich des Bades weiterbearbeitet worden, und diese Produktionstätigkeit dürfte auch in einem unmittelbaren Zusammenhang mit Handel gestanden sein. Insofern ist wohl davon auszugehen, dass in den Räumen des Bades nach seiner Aufgabe sowohl Werkstätten als auch Geschäfte angesiedelt waren.

    Warum können wir aber noch davon ausgehen, dass es diese Geschäfte gegeben hat? Das Bad liegt auf derselben Linie wie das ehemalige, bis heute weitgehend intakte Theater, und beide Bauten orientieren sich an einer der Hauptstraßen von Limyra. Daraus ergab sich eine hervorragende Position für kommerzielle Aktivitäten und ein einfacher Zugang für die Kunden. Darüber hinaus deuten Fragmente von Waagen aus Metall und Glasmünzgewichte auf kommerzielle Transaktionen hin.

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    Glasfunde zeigen Produktionsaktivitäten in Theaterthermen an.

    Mit der Therme von Limyra haben wir demnach ein Gebäude vor uns, dessen Aufgabe, Wiederbesetzung und Umnutzung für Handwerk und Handel wir zumindest in groben Zügen nachvollziehen können. Damit greifen wir ein in der Spätantike nicht unübliches Phänomen auch in Limyra, das zudem von der kontinuierlichen Dynamik im Leben dieser lykischen Stadt zeugt. (Alexandra Dolea, 12.7.2018)

    Alexandra Dolea ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Österreichischen Archäologischen Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Sie ist seit 2016 im Rahmen des dort angesiedelten FWF-Projekts zur Urbanistik von Limyra angestellt. Twitter: @AlexandraDolea

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