Homeoffice: Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser

16. Juli 2018, 09:42
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Chefs haben nicht mehr im Blick, wer woran arbeitet. Wie können sie sichergehen, dass Mitarbeiter produktiv sind?

Abseits von lärmenden Kolleginnen und Kollegen dem eigenen Arbeitsrhythmus folgen: Homeoffice wird immer beliebter. Bei einer weltweiten Umfrage von MindMetre gaben 51 Prozent der Befragten an, mindestens einen Tag in der Woche zu Hause zu arbeiten. In Österreich nutzen bereits 54 Prozent die eigenen vier Wände als Arbeitsplatz, so das Ergebnis einer vom Bürodienstleister Regus in Auftrag gegebenen Studie.

Für Chefs bringt das gewisse Herausforderungen mit sich. Sie sehen nicht mehr, wann Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommen und gehen. Im Blick zu haben, wer gerade woran arbeitet, ist quasi unmöglich. Das macht viele unrund. Die Befürchtung: dass es sich jemand zu Hause gemütlich macht. Was verhindert, dass das passiert, hat ein Forscherteam der Ferdinand -Porsche-Fern-FH erhoben. Mittels Online-Fragebögen untersuchten Manuel Brugger und Ingrid Wahl, wie Vorgesetzte dafür sorgen können, dass Heimarbeiter frei willig kooperieren. Im Fokus standen die Führungsmethoden Vertrauen versus Machtausübung. Was ist effektiver?

"Beides führt zu Kooperation", sagt Ingrid Wahl, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fach Betriebswirtschaft & Wirtschaftspsychologie. Aber: "Diese Kooperation hat eine völlig andere Qualität." Werden sie ständig angerufen und müssen Auskunft geben, kooperieren Mitarbeiter wenig überraschend eher widerwillig. "Sie tun das nur, weil sie Angst vor Konsequenzen wie einer Entlassung haben." Im Fachjargon ist von "erzwungener Kooperation" die Rede.

Aus eigenem Bedürfnis

Die Folgen sind ständige Pausen und der Versuch, Aufgaben mit möglichst wenig Aufwand zu erledigen. "Mehr Kontrolle hilft da auch nicht mehr", so Wahl. "Wenn sie jede Stunde angerufen werden, kommt das bei Mitarbeitern nicht gut an. Sie werden versuchen, mögliche Schlupflöcher in den Kontrollmechanismen zu finden."

Ganz anders, wenn Chefs einen Vertrauensvorschuss geben. Wenn sie sich zuversichtlich zeigen, dass die Arbeit auch daheim gewissenhaft erledigt wird. Dann wird freiwillig kooperiert. "Man will ein gutes Ergebnis erzielen, weil es einem ein Bedürfnis ist."

Ihre Studienergebnisse haben die Wissenschafter in einem Online-Experiment überprüft. Die Vorgangsweise war diesmal, die Arbeitssituationen zu simulieren. In einem Szenario bekommt der Proband regelmäßig Kontrollanrufe, in einem anderen wird er in Ruhe gelassen – er erledigt seine Arbeit bereitwilliger. "Wenn Führungskräfte nur gewisse Ziele und Deadlines vorgeben, funktioniert das eben viel besser, als wenn sie sagen: Du musst von neun bis fünf da sitzen und arbeiten", erklärt Wahl.

Die Wissenschafterin räumt aber auch ein, dass die Resultate nur für sogenannte Wissensarbeiter gelten könnten, die ihre Arbeit freier einteilen können. "Jemand, der an der Kassa arbeitet, muss da sein, sonst funktioniert das nicht." Ein Angestellter in einem Architekturbüro hingegen kann möglicherweise autonomer arbeiten.

Unterstützung gefragt

Durch Transparenz, Fairness und Unterstützung könnten die Führungskräfte Vertrauen schüren, sagt Wahl. Wichtig sei, "dass klar ist, wer was erledigt". Auch müsse grundsätzlich allen im Team, und nicht nur manchen, die Möglichkeit gegeben werden, sich zum Arbeiten in die eigenen vier Wände zurückzuziehen. Führungskräfte müssten Mitarbeitern auch im Homeoffice weiterhelfen. "Es ist gut, sich melden zu können, wenn etwas unklar ist."

Für ihre Studie bedienten sich die Forscher des Slippery-Slope-Modells, das aus der Steuerpsychologie kommt. Es unterscheidet zwischen erzwungener und freiwilliger Steuerehrlichkeit. Kontrolliert und sanktioniert der Staat hart, zahlen die Bürger zwar Steuern, jedoch widerwillig. Setzt er auf Vertrauen, sagt den Menschen, wohin das Geld fließt und lässt sie mitentscheiden, zahlen sie nachweislich lieber.

Auf Vertrauen zu setzen ist also besser – wie im Homeoffice. Das scheint vielen Führungskräften aber noch schwerzufallen. "Sie werden sich daran gewöhnen müssen", sagt Wahl. Die Wissenschafterin prognostiziert, dass das Homeoffice künftig noch stärker an Bedeutung gewinnt. Immerhin hat es einige Vorteile: Es spart Zeit, erhöht die Flexibilität und fördert die Konzentration. Heimarbeiter sind – wie eine Untersuchung der Stanford University zeigt – sogar produktiver. (Lisa Breit, 16.7.2018)

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    Arbeiten in den eigenen vier Wänden: In vielen Jobs ist das längst möglich. In Österreich macht laut einer Umfrage bereits jeder Zweite regelmäßig Homeoffice.

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