Römer verarbeiteten Großwale, die aus dem Mittelmeer verschwunden sind

    14. Juli 2018, 07:40
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    Forscherteam fand in den Ruinen der Stadt Baelo Claudia die Knochen von zwei verschiedenen Walspezies

    foto: d. bernal-casasola, university of cadiz
    Römische Fischverarbeitung in fast schon industriellem Maßstab: In den drei Meter durchmessenden kreisförmigen Becken (cetariae) von Baelo Claudia wurde aus Fischen Garum hergestellt. Auch Wale könnten hier verarbeitet worden sein.

    York – Die antike Stadt Baelo Claudia an der Straße von Gibraltar war zur Zeit des Römischen Imperiums ein wichtiges Zentrum der Fischverarbeitung. Vor allem wurde hier, an der Südspitze Spaniens, in großen Fermentierungsbecken Garum hergestellt, um es anschließend ins gesamte Reich zu exportieren: eine aus Fischen hergestellte Würzsoße, die in der römischen Küche omnipräsent war.

    Nun machten Archäologen dort einen unerwarteten Fund, nämlich die Knochen von zwei Walarten, die man heute in der Region vergeblich sucht: des Atlantischen Nordkapers (Eubalaena glacialis), der heute nur noch an der amerikanischen Atlantikküste zu finden ist, sowie des Grauwals (Eschrichtius robustus), den es heute nur noch im Pazifik gibt. Während beim Nordkaper der neuzeitliche Walfang dafür verantwortlich gemacht werden kann, gibt das Verschwinden des Grauwals aus dem Atlantik immer noch Rätsel auf.

    foto: ap photo/new england aquarium
    Nordkaper sind vom östlichen Rand des Atlantiks verschwunden.

    Aus dem Mittelmeer sind diese Großwale nicht nur vollständig verschwunden – man wusste nicht einmal, dass sie dort jemals vorgekommen waren. "Man fragt sich, was wir noch alles vergessen haben", kommentierte Ana Rodrigues vom Centre national de la recherche scientifique den Überraschungsfund.

    Die Forscher vermuten, dass die Wale die milden Bedingungen im Mittelmeer einst zur Aufzucht ihrer Kälber nutzten. Auch heute gibt es noch Großwale im Mittelmeer – diese leben allerdings auf hoher See, während sich Nordkaper und Grauwale in Küstennähe aufhalten. Das könnte ihnen bereits in der Antike zum Verhängnis geworden sein.

    foto: reuters/geoff shester
    Grauwale gibt es heute im ganzen Atlantik keine mehr.

    Die Knochenfunde deuten darauf hin, dass die römischen Fischmanufakturen auch Wale verarbeiteten. Ob tatsächlich auch systematischer Walfang betrieben wurde, ist nicht bekannt. Rodrigues verweist darauf, dass die Römer nicht die notwendige Technologie hatten, um Hochseespezies zu bejagen. In Küstennähe lebende Großwale wären aber ein verlockendes Ziel für örtliche Jagdteams in Booten gewesen.

    Der Knochenfund liefere nachträglich auch einen Beleg für eine Beobachtung von Plinius dem Älteren aus dem 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung, sagt Anne Charpentier von der Universität Montpellier: Der große römische Gelehrte hatte einen küstennahen Angriff von Orcas auf Wale und deren neugeborene Kälber in der Bucht von Cádiz beschrieben. Heute wäre eine solche Szene nicht mehr möglich – sie hätte aber gut in das in Vergessenheit geratene antike Ökosystem gepasst. (jdo, 14. 7. 2018)

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