Joggen: Federn, schweben, Bauchfleck

    Kolumne17. September 2018, 16:05
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    Der Geist ist willig, aber der Körper pfeift ihm was: Doris Knecht versucht sich im Joggen

    Läuferinnen und Läufer: Ich bewundere euch so sehr. Ihr joggt an mir vorbei, federnd. Es sieht so mühelos und organisch aus, wie eure Füße abrollen, wie sich eure Beine elastisch vom Boden lösen. Ich höre euch nicht japsen und nicht keuchen. Ihr wirkt auf mich wie eine spezielle Spezies des Homo sapiens, dessen Naturzustand nicht die Ruhe, die Faulheit und die Bewegungslosigkeit ist, das Stehen, das Sitzen, das Auf-dem-Sofa-Herumliegen, sondern das Laufen: die permanente Fortbewegung, dieses schnelle Schweben, ein Fliegen fast, das nur zwischendurch Bodenkontakt sucht.

    Alle Fasern und Zellen eurer Körper haben sich verbündet, zur Materialisierung dieser Bewegungseleganz. Ihr seid eine Spezies ähnlich der Bim: Die Bewegung ist euer Naturzustand, eure Anstrengung ist das Anhalten, wofür ihr erst eine mentale Bremse einrasten lassen müsst, damit euer Lauf zwischendurch auch einmal stoppt. Läufer und Läuferinnen, ich bewundere euch ehrlich. Ich bin neidisch. Ich möchte auch so laufen können.

    Viele Befehle

    Wenn ich laufe, federt nichts. Wenn ich laufe, ist das ein ruppiger Vorgang, der vom Kopf ausgeht, welcher den Füßen einen Befehl erteilt, besser: viele Befehle, jeder Schritt ein Befehl. Alle anderen Körperteile wirken, als hätten sie das Memo nicht bekommen; was soll das jetzt, das war nicht ausgemacht, wir sind unwillig und müssen leider schmerzen, sorry. Für uns ist das nichts; keuch, lass das.

    Hilfe tut not. Glück gehabt: Gute Ratschläge für Laufanfänger sind überall. Man sieht sich ein Video auf Youtube an, aber der Typ spricht einen unerträglichen Dialekt; nächstes. Eine Weltklasseläuferin, die alles den Kerl neben sich mansplainen lässt; nächstes. Der heißt Coach Basti; nächstes. Die Frau mit dem Intervalljoggen ist zu jung und zu perfekt trainiert, unrealistisches Ziel; nächstes.

    Wie heißt die? Caty Culp? Die wirkt okay. Darüber vergeht der Sonntagvormittag. Eine Nachbarin joggt vorbei, federnd, lächelnd, mühelos. Was ich aus den Videos lerne: Ich brauche einen Laufschuh, der zu meinen Füßen und zu meinem Laufstil passt. Gute Apps. Mein Geist ist die Chefin über meinen Körper. Ich soll nicht versuchen, den Laufstil anderer Leuten zu kopieren. Vielleicht wär ein echtes Lauftraining gut.

    Aber vielleicht sind manche Körper fürs Laufen ja auch einfach nicht gemacht ... Meiner wär dann so einer. (Doris Knecht, RONDO, 17.9.2018)

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