Das liberale Interregnum

    Userkommentar10. Juli 2018, 13:49
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    Liberale Werte sind global auf dem Rückzug. Statt sie zu exportieren, importieren die Länder des Westens zunehmend intolerante Werte

    Wer fürchtet, dass Donald Trump, Viktor Orbán und Co die größte Gefahr für eine liberale Weltordnung sind, sollte schleunigst über den westlichen Tellerrand blicken. Liberale Werte sind global auf dem Rückzug, und wenn sich die Vertreter der offenen Gesellschaft nicht bald etwas einfallen lassen, dann waren Feminismus, LGBTQ-Rechte und Multikultur nur ein Interregnum der Moderne.

    Das sogenannte postmoderne Zeitalter nach Ende des Ost-West-Konflikts ist möglicherweise doch nicht das "Ende der Geschichte", sondern nur eine Zwischenstufe vor der Rückkehr zu einem prämodernen Zeitalter. Die Annahme, dass soziale Innovationen ähnlich technologischen Innovationen nicht zurückgenommen werden können, ist irreführend und hält einer empirischen Überprüfung nicht stand. Besonders beunruhigend ist die Tatsache, dass jene Gruppen, denen sich moderne Liberale am stärksten verpflichtet fühlen, am meisten zu befürchten haben.

    Unausgewogene Geschlechtsbalance

    Beginnen wir mit der Zukunft der Frauen: Laut der UN "fehlen" weltweit 117 Millionen Frauen, welche entweder nach der Geburt mit tödlichen Folgen vernachlässigt oder bereits vor der Geburt abgetrieben worden sind. Man muss kein evangelikaler Abtreibungsfanatiker sein, um festzustellen, dass außerhalb des westlichen Kulturkreises die Möglichkeit der Abtreibung zumindest ein zweischneidiges Schwert ist. Allein in China sind zwischen 2000 und 2014 offiziell mehr als neun Millionen Mädchen abgetrieben worden – schlicht und einfach, weil männlicher Nachwuchs in bestimmten Kulturen bevorzugt wird.

    Ähnliche Trends zeigen sich in Indien und großen Teilen des Nahen Ostens, wo in den nächsten Jahrzehnten im Durchschnitt 110 Buben auf 100 Mädchen kommen – in manchen Regionen Chinas sogar bis zu 150 Buben pro Mädchen. Der Demograf Nicholas Eberstadt stellte darüber hinaus fest, dass es besonders die Regionen mit höherem Einkommen und Bildungsabschlüssen sind, wo geschlechtsspezifische Abtreibungen vermehrt stattfinden.

    Selbst wenn dieses Problem über Nacht verschwinden würde, die unausgewogene Geschlechtsbalance wird nicht zum globalen Empowerment der Frauen führen. Frauen sind mehrheitlich Opfer von Sexsklaverei und Menschenschmuggel, was zum Teil durch die "Nachfrage" getrieben wird. Im Jahr 2020 wird es in allein in China 30 Millionen mehr Männer als Frauen im heiratsfähigen Alter geben. Bereits jetzt gibt es laut Schätzungen der Organisation Free the Slaves mehr als 27 Millionen Menschen, die in sklavenähnlichen Bedingungen leben – bei den momentanen Trends wird sich dies verschlimmern, besonders für Frauen.

    Säkularismus als treibende globale Kraft?

    Optimisten behaupten, dass mit der zunehmenden Säkularisierung der Welt diese teilweise kulturell-religiös getriebenen Phänomene nachlassen werden. Doch wird die Welt tatsächlich eine Säkularere? Laut dem PEW Research Center wird die Weltbevölkerung bis 2060 um 32 Prozent zunehmen. Dieses Bevölkerungswachstum wird jedoch in erster Linie von den bekennend religiösen Regionen der Welt getragen: Das Christentum wird um 34 Prozent wachsen, der Hinduismus um 27 Prozent und das Judentum um 15 Prozent. Die größte Weltreligion wird dann jedoch der Islam sein, welcher mit 70 Prozent wächst. Atheisten und Agnostiker stehen bei mageren plus drei Prozent und sind weit davon entfernt, die treibende globale Kraft zu werden.

    Bis 2060 vergeht noch viel Zeit, und die Hoffnung ist, dass alle Religionen den Weg des europäischen Christentums gehen: Man ist zwar nominell Katholik oder Protestant, aber bis auf die Feiertage hält sich der Einfluss auf das tägliche Leben in Grenzen. Diese Hoffnung ist jedoch trügerisch. Wie der Religionsforscher Gilles Kepel schon 1991 festgestellt hat, erfahren wir gerade die "Rache Gottes", so der Titel seines damals erschienen Buches.

    Vom evangelikalen Protestantismus in Lateinamerika über einen konservativen Katholizismus in großen Teilen Afrikas bis zum religiös-politischen Islam haben die dogmatischen und nicht die pragmatischen Religionsgemeinschaften das größte Wachstum. Wieder ganz vorne dabei ist China, das die weltweit am schnellsten wachsende und von der prosperierenden Mittelschicht getragene christliche Gemeinschaft besitzt. Wie David Aikman in seinem Buch "Jesus in Beijing" lapidar bemerkt, ist China auf dem Weg, die größte christliche Nation der Welt zu werden. Es ist schwer zu verstehen, warum diese Transformation und ihre möglichen Konsequenzen im Westen nahezu komplett ignoriert werden.

    Multikulturelles Dogma

    Doch nicht nur die Religion erfährt Zuwachs, auch der Nationalismus in allen seinen Schattierungen ist auf dem Vormarsch. Egal ob von rechts – Trump in den USA – oder links – wie beispielsweise der mexikanische Präsident Andrés Manuel López Obrador. Mit dem Erstarken dieser neuen-alten Identitäten geraten Minderheiten vermehrt unter Druck. Selbst der vermeintlich progressive López Obrador inkludierte die ultrareligiöse PES-Partei in seiner Wahlplattform, was für die LGBTQ-Community in Mexiko kein gutes Omen ist.

    In Afrika ist Homosexualität noch immer in 33 von 55 Staaten unter Strafe gestellt, und das Klima verschlechtert sich laut Amnesty International wieder zusehends. Auch in Asien wird der Trend spürbar, wo Human Rights Watch besonders in Indonesien geradezu eine Anti-Gay-Panik festgestellt hat, welche womöglich auch bald in den Gesetzen Niederschlag finden wird.

    Die Länder des Westens stechen hier buchstäblich als Insel der Seligen heraus, da allen Anklagen der Homophobie, Islamophobie und Misogynie zum Trotz der säkulare Liberalismus Minderheiten ein sicheres Leben erlaubt. Doch kann dieser Liberalismus überleben?

    In den letzten Jahren wurde vor allem mit der Migrationskrise eines klar: Statt liberale Werte zu exportieren, werden zunehmend intolerante Werte importiert. Die negative Einstellung gegenüber Frauen und Homosexuellen unter Einwanderern aus dem Nahen Osten und Afrika ist nicht nur ein Mythos, und das zu behaupten, käme einem Im-Stich-Lassen dieser Gruppen gleich. Aus Angst, sein multikulturelles Dogma aufzugeben, vernachlässigt der westliche Liberalismus das Schicksal von Millionen Frauen und Minderheiten. Lange kann ein solcher Zustand nicht anhalten, und entweder werden diese Probleme offen angesprochen, oder es ist der Liberalismus, der als Mythos in die Geschichte eingeht. (Ralph G. Schöllhammer, 10.7.2018)

    Ralph G. Schöllhammer ist Politikwissenschafter und lehrt an der Webster University sowie an der Donau-Universität Krems.

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      foto: reuters/osman orsal

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