Wie ein Sportartikel-Hersteller das Thema Plastikmüll anpackt

Blog11. Juli 2018, 06:00
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Von der Suche nach dem nachhaltigen Schuh und dem Pet-Flaschen-Sohlen-Dilemma

foto: thomas rottenberg

Es gibt PR-Aktionen – und Aktionen, die Sinn machen. Hin und wieder kommt es sogar vor, dass beides zusammenkommt – und zusammenpasst: Dass es dem, der da zum Umdenken aufruft, auch darum geht, Produkte zu promoten und das Firmenimage aufzupolieren? Jo eh, aber das ist doch überall "part of the game".

Wenn am Ende der Geschichte aber eine Botschaft steht, die ein bisserl differenzierter ist, gibt es, wenn man mit offenen Karten spielt, Schlimmeres als den Verweis aufs Geschäftliche: Dass ein Sportartikelkonzern wie Adidas seine Produkte bewerben und verkaufen will, ist wohl nicht weiter überraschend. Und dass er dabei auf Zeitgeist und Bewusstsein setzt, auch nicht.

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foto: thomas rottenberg

Aber manchmal geht die Geschichte weiter: Dass der Riese aus Herzogenaurach massiv auf Communities setzt, ist nicht neu – und wurde hier bereits beschrieben. Das tun andere Labels auch. Was Adidas aber von anderen Herstellern unterscheidet, ist der Zug zur Zielgruppe unter 25, obwohl die doch gar nicht das klassische Laufpublikum darstellt. Bloß: Demografisch gesehen (und zehn, 15 oder 20 Jahre nach vorn gedacht) kommt es genau auf diese Klientel an.

Wer heute die Werte der Kunden von morgen anspricht, gewinnt diese Schicht schon heute – dauerhaft. Eine Binsenweisheit. Allerdings wäre es unfair, das Run-for-the-Oceans-Projekt, das vergangenen Samstag auf der Adidas-Runbase vorgestellt wurde, allein diesem schnöden Kalkül zuzuschreiben: Auch in Konzernen sitzen Menschen, denen nicht wurscht ist, dass der Planet vor die Hunde geht. Und die durchaus selbstkritisch darüber nachdenken, wie sie in ihrem Bereich gegensteuern können: sei es bei den eigenen Produkten oder aber beim Bewusstsein der Zielgruppe.

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Laufschuhe sind da ein "dankbares" Thema: Dass die Dinger aus Plastik sind, ist bekannt. Dass Plastikmüll ein massives Umweltthema ist, mittlerweile auch. Ebenso, dass es vor allem Taucher sind, die seit ewig Alarm schlagen – aber erst seit kurzem wirklich Gehör finden: Christian Redl (rechts, mit Adidas-Österreich-PR-Chef Georg Kovacic) etwa redet sich seit Jahren den Mund über die schwimmende Plastikmüllinsel im Pazifik fusselig, die so groß ist wie Frankreich und Deutschland zusammen. Das Publikum aber will lieber Geschichten über die spektakulären Rekorde und Abenteuer des Frei- und Apnoetauchers aus Niederösterreich hören. Und Leute, die sich nicht fürs Tauchen oder das Meer interessieren, hören ihn gar nicht, obwohl die Sache mit dem Plastikmüll im Meer sie genauso betrifft wie alle anderen.

Redl ist vieles, aber kein Läufer. Ich bin sicher kein Taucher. Trotzdem haben wir ein gemeinsames Thema: Plastik. Sei es in Form von Müll oder Laufschuhen. Um uns zusammenzubringen, braucht es eben Events wie den vom Wochenende: wenn ein Konzern wie Adidas einen "nachhaltigen" Laufschuh präsentiert und statt der "Hach, sind wir nicht großartig"-Botschaft nach den Schilderungen des Tauchers selbst ein "Aber" nachsetzt.

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Der Ultraboost Parley ist nachhaltig – insofern, als in ihm das Plastik aus elf Pet-Flaschen wiederverwertet wird. Plastik, das auf den Malediven gesammelt, zu Chips geschreddert und dann in Taiwan in spezielle Parley-Garne verarbeitet wird. Ab einem Recyclinganteil von 50 Prozent dürfen Produkte das Parley-Logo tragen. Im Vorjahr waren das weltweit über fünf Millionen Paar Schuhe, etwa zwei Millionen mit dem Drei-Streifen-Logo.

Das Problem dahinter sprach Adidas-Österreich-PR-Chef Kovacic am Badeschiff, der "Homebase" der schicken "Adidas Runbase"-Community, von sich aus an: Obwohl der Parley zu 85 Prozent aus recyceltem Plastikmüll besteht, sind in der Zwischensohle Materialien verarbeitet, deren genaue Inhaltsstoffe kein Schuhhersteller wirklich kennt ("das ganz grausliche Zeug"): Die anderen sprechen das Thema halt lieber nicht an – und hoffen, dass keiner fragt.

Denn dann müsste man einen zweiten, ebenso unangenehmen Punkt ansprechen, den Kovacic ebenso nicht ausließ: Laufschuhe sind Präzisionswerkzeuge, der Materialmix muss exakt passen – und zwar überall und immer. Bei gesammeltem Recyclingmaterial ist genau das nicht einfach, höflich formuliert. Darum haben andere Schuhe, etwa der an diesem Tag ebenfalls präsentierte Solarboost, eine weit niedrigere Recyclingquote. Beim Solar sind es etwa sieben Prozent. Kovacic: "Das ist ein echtes Dilemma: Wenn man einen Schuh aus reinem Recyclingmaterial herstellt, also auch die Zwischensohle, ist er als Laufschuh unbrauchbar. Man bekommt zumindest Knieschmerzen. Gleichzeitig haben wir uns aber zum Ziel gesetzt, bis 2020 keine Industrial-Plastics mehr zu verwenden – nur ist absolut unklar, ob das zu schaffen ist."

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Weil Laufschuhe aber gelaufen werden müssen, lud man eben zum Community-Testlauf zur Runbase – und verknüpfte das gleich mit dem zweiten Teil der Botschaft für eine bessere Welt: Über die auch zum Adidas-Imperium gehörende Lauf-App Runtastic kann sich jeder und jede (egal mit welchem Schuh) beim Run-for-the-Oceans-Projekt registrieren. Für jeden so getrackten Kilometer wird ein Dollar an das Parley-Ocean-Plastic-Programm gespendet. Der Betrag ist zwar gedeckelt, aber wenn (so wie am Samstag in Wien) 200 Läuferinnen und Läufer mit Run-for-the-Oceans-Flaggen und -Shirts den Donaukanal rauf- und runterrennen, fragen auch Unbeteiligte schon mal, worum es geht.

Und die sind durchaus dankbar, wenn man ihnen statt einer URL, die sie ohnehin vergessen, eine physische Adresse in Gehweite nennt: Am Fußballkäfig am Badeschiff ist eine kompakte aber durchaus eindrucksvolle Ausstellung zum Thema "Plastikmüll und wieso auch wir dran krepieren" zu sehen. Schon der Opener des Videos auf der großen Wall tut weh: 2050 wird es in den Weltmeeren mehr Plastik als Fische geben.

Da muss man gar nicht Christian Redl von tödlichen "Geisternetzen", die dreimal so lang wie der Äquator sind, reden hören. Oder von den beiden übervollen "Müllinseln" auf den Malediven, die kein Tourist je sehen oder betreten wird. Oder wissen, dass man ja ohnehin nur die Hälfte des Plastikmülls sieht – weil der Rest längst den Meeresboden bedeckt oder von Fischen geschluckt wurde. Und so in die Nahrungskette … und so weiter.

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foto: thomas rottenberg

Was das mit Laufen zu tun hat? Eh nix, wenn man gekonnt wegschaut. Kovacic, Redl und die Heads der Adidas-Runners tun das Gegenteil. Sie setzen auf Bewusstseinsarbeit über Communities: Bis Samstagnachmittag hatten weltweit 911.155 Läufer die schon länger verfügbare Run-for-the-Oceans-Option der App angeklickt. Wenn nur jeder Vierte beim Konsumverhalten (also etwa der Frage, ob es beim Laufen wirklich die Einwegplastikflasche sein muss oder im Alltag vorgeschnitten-eingeschweißter Käse im Supermarkt) kurz nachdenkt, möchte Kovacic das schon als Erfolg verbuchen. Und der setzt dann ihn als Vertreter eines Konzerns, der Großevents wie den Vienna City Marathon sponsert, unter Zugzwang.

Oder stärkt, je nach Sichtweise, den Rücken, wenn er das Thema Plastikbecher anspricht: Bei Trailläufen oder dem Ötillö gibt es strenge Müllvermeidungsregeln. Oft muss man eigene Becher mitbringen oder es werden nur an den ersten zwei Labungsstellen Becher ausgegeben, die man dann mitschleppen muss. Schwer umsetzbar, aber nirgendwo steht, dass Plastikbecher die einzige Option sind.

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Klingt gut und ambitioniert und hübsch transparent und selbstkritisch-ehrlich. Aber ein kleiner Gegencheck schadet nie. Etwa der, ob die Ausstellung nur ein Eintages-PR-Gag war: Also kam ich am Sonntag wieder. Nicht weil am Samstag zu viel Trubel gewesen wäre, um die auf Holzplatten aufgezogenen Bilder genau zu betrachten, sondern weil ich beim Community-Lauf nur den Ultraboost Parley probelaufen hatte können und der Solarboost ja auch eingetreten werden musste: Am Badeschiff wären wir ohnehin vorbeigekommen.

Das Video lief, die Bilder hingen, aber die Tür war versperrt. Erwischt! "Wollt ihr zur Ausstellung?", fragte eine Stimme hinter uns: Da saß ein freundlicher Security, der uns jetzt die Tür zum Käfig aufsperrte.

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Freilich: Wie viele Leute das sehen werden, ist unklar. Wie viele proaktiv hier vorbeischauen oder nur zufällig reinstolpern werden, auch.

Ebenso wie die Frage, bei wie vielen die Botschaft hängenbleiben und wirken wird.

Aber wegen Streuverlusten und des erwartbaren Rückfalls in die eigene Komfortzone etlicher Besucher (mich eingeschlossen) nix zu machen ist auch keine Lösung: Vielleicht verpufft ja weniger, als der Berufspessimist in mir vermutet. Aufmachung und Präsentation sind nicht zufällig so gewählt, dass die Botschaften sich auch in knappen Selfies- oder Insta-Postings verbreiten lassen: Ich muss es ja nicht verstehen, aber die Yoga-Communities, in denen Eva beruflich unterwegs ist, kommunizieren und informieren sich und einander mit genau solchen knappen Bild-Impulsen. Und Kulissen und Bildhintergründe in Insta-Postings werden oft genug als jene Metabotschaften rezipiert, die sie ja auch sein sollen.

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Bliebe der Schuh, genauer: die Schuhe. Der Ultraboost Parley ist ein sehr weicher, sehr gemütlicher und ebenso stylisher wie komfortabler Schlapfen mit hohem Imagefaktor. Natürlich kann man mit ihm auch laufen, wenn man technisch sauber unterwegs ist und kein Pronationsthema (also Wegknicken im Sprunggelenk oder Einknicken im Fußgewölbe) hat. Vor mir lief beim Gruppenlauf eine junge Frau, der sogar ich genau diese beiden Themen auf den ersten Blick ansah und für die dieser Schuh offensichtlich nix war.

Es gibt den Parley mit Pronationsstütze, aber da kommt es halt auf gute Beratung an.

Ich selbst werde den Parley (kein Hersteller nimmt einen eingelaufenen Testschuh wieder zurück und schickt ihn einem Händler) gerne tragen: als Freizeitschuh – und höchstens zwischendurch bei einem kurzen, harmlosen, Läufchen weit unter zehn Kilometern.

Ob das am von Kovacic angesprochenen Recyclingdilemma liegt oder er mir einfach zu schwammig ist, weil ich zu schwer für ihn bin, kann ich nach den sieben Kilometern nicht sagen.

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Der Solar dagegen ist ein echter Laufschuh, neutral (es gibt ihn auch gestützt) und schön direkt, mit wenig Sprengung. Die Sohle wirkte auf den ersten Kilometern fast hart und unflexibel, aber das liegt vermutlich daran, dass mein aktueller Referenz-Langstrecken-Schuh, der Saucony Freedom, so unendlich weich ist, ohne viel Energie zu schlucken. Was Komfort und Führung angeht, weist der Solar in diese Richtung. Auch die innen, entgegen dem ersten optischen Eindruck, sehr freie Ferse kommt meiner Art zu laufen entgegen. Ob ich meine Füße dem Solar auch auf der Langstrecke anvertrauen würde, kann ich nicht sagen: Dass meine Füße nach dem Ironman-Marathon-Part von letzter Woche auch bei einem rein regenerativen Zweistundenlauf irgendwann müde wurden, darf man nicht dem Schuh anlasten. Schon gar nicht, wenn man ihn zum allerersten Mal trägt.

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Aber da war noch etwas: Eva und ich liefen das erste Mal nach Klagenfurt gemeinsam eine längere Strecke – und ich hatte weder einen Plan noch sonst eine Vorgabe zu erfüllen. Und weder davor noch danach eine zweite Trainingseinheit: So sehr ich das harte, zeit- und energieintensive Dauerbelasten in den vergangenen Wochen und Monaten geschätzt und geliebt hatte, genoss ich dieses Laufen um des Laufens willen enorm: Wir ließen uns treiben.

Irgendwann landeten wir eher zufällig bei dieser Brücke an der Alten Donau: "Wir laufen heute für die Fisch'", sagte ich. Eva widersprach: "Nein. Für uns selbst. Auch wenn wir dieses Rennen vielleicht schon verloren haben." (Thomas Rottenberg, 11.7.2018)


Hinweis im Sinne der redaktionelle Leitlinien: Die erwähnten Schuhe wurden von den Herstellern zur Verfügung gestellt.


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