Was an Helene Fischer so toll ist

    10. Juli 2018, 09:00
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    Der Erfolg der deutschen Sängerin macht atemlos. Am Mittwoch gastiert sie im Wiener Happel-Stadion. Was wir an ihr toll finden

    1. Karl Fluch: Sie ist doch ein Mensch

    Irgendwo hinter der Maske der Perfektion muss ja der Mensch verborgen sein. Und zwar nicht der Übermensch Helene Fischer, der nach vier geschraubten Rittbergern rückwärts eine Punktlandung hinlegt, nein. An den Übermenschen Fischer mag man glauben, wenn man ihren Shows beiwohnt, während denen sie da oben auf der Bühne tausende Kalorien und ein immerwährendes Zuckerlächeln verbrennt. Doch den menschlichen Moment gab es tatsächlich. Doch offenbarte es sich nicht im Arenakonzert, sondern dort, wo es klein und intim war, wo Schweiß geflossen ist. Zumindest Moderatorenschweiß.

    Ende Mai war Fischer in der Talkshow "Willkommen Österreich" zu Gast und überraschte mit charmanter Normalität – und nicht nur damit. Am Ende der Sendung sang Fischer ein Duett mit Georgij, dem haarigen Expressionisten der Liveband von "Willkommen Österreich": Russkaja.

    Helene und Georgij versenkten sich gemeinsam in das Lied "Adieu", während die Band hinter ihnen richtig aufdrehte.

    Da blitzte besagter Moment auf – als Fischer bemerkte, dass gerade etwas Besonderes passierte. Etwas, das nicht perfekter Planung, sondern spontaner Leidenschaft entsprang. Der Abspann lief schon, da hörte man Fischer, wie ihr ein "Sensationell", entfuhr. Dem konnte man glatt zustimmen. (Karl Fluch)

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    foto: apa/sebastian willnow

    2. Margarete Affenzeller: Sie kann alles (außer stricken)

    Helene Fischer ist eine (gut bezahlte) Heilige, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Trost unter die Leute zu bringen, sie aufzurichten, wenn alles keinen Spaß mehr macht. Das haben viele probiert, aber keine Deutsche so makellos und ehrlich, dass selbst kritische Geister vor ihr einknicken. Der "Stern" brachte es auf den Punkt: "Jesus war gestern, Helene ist heute."

    Die in Sibirien Geborene ist nicht einfach die Fortsetzung der deutschen Schlagergeschichte mit neuen Akzenten. Sie verkörpert das Göttliche, nach dem wir suchen und das in ihrem Fall sogar Botschaften über Facebook entsendet. Allein ihr Status als außerordentliche Leistungsträgerin macht sie zu einem anbetungswürdigen Geschöpf. Sie kann alles (außer stricken) und lacht immer.

    Helene ist weit enthoben von allen vergleichbaren (meist tragischen) Karrieren. Sie hat den Mief der Unterhaltungsbranche abgeschüttelt, sodass sich die Massen gern ihren Segen abholen. Passenderweise steigt sie auch immer von oben herab auf die Bühne. Jüngst bot sie sich auch als Ersatz für das vergeigte deutsche WM-Sommermärchen an. Das kann kein Normalsterblicher. Wenn sie singt "Du kannst schweben wie ein Schmetterling", klingt das wie der Mann aus Nazareth, der zum Lahmen sagte: "Steh auf, nimm dein Bett und geh!" Wenn sie jetzt noch schwanger wird, steht der Weltfrieden ins Haus. (Margarete Affenzeller)

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    foto: reuters/axel schmidt

    3. Christian Schachinger: Wahre Arbeit, wahrer Lohn

    Das Boot ist voll, die Arbeit knapp, die Gewinnmargen sind ständig in Gefahr. Für Feuerköpfe ist in diesen Zeiten kein Platz. Nichts vom gegenwärtigen Zustand unserer Gesellschaft ahnend, sang Neil Young schon 1979: "It's better to burn out than it is to rust." Er nahm damit nicht nur ein Krankheitssymptom des 21. Jahrhunderts vorweg, sondern ergriff auch gleich die Flucht nach vorn. Besser schnell ausbrennen als langsam verrosten.

    Helene Fischer passt in das Jahr 2018 wie die Faust aufs Auge. Für siegelten nicht nur sämtliche Superlative modernen Erwerbslebens. Siehe auch: Ellbogen, Auslese, K.-o.-Prinzip. Voller Einsatz während Konzerten in der Länge des Untergangsfilms "Titanic" gehen Hand in Hand mit dem festen Willen, nicht nur gute Arbeit zu liefern, sondern Klassenbeste zu sein. Der Drang zum "Summa cum laude" ist allerdings oft näher der Transpiration als der Inspiration. Mehrere Texter und Komponisten pro Lied helfen ihr, die Kluft zwischen Kunst und Handwerk souverän zu überbrücken.

    "Meine Muskeln sind Maschinen. / Sehnen stählern, Schweiß wie Öl / Schmutz und Dreck ist wahre Arbeit / Schmerz und Tadel wahrer Lohn." Der Song stammt nicht von Helene, sondern von Die Krupps. Er könnte aber von ihr sein. Nicht synthie-punkig wie im Original 1981, aber im Stil von Céline Dion auf der Partymeile würde das gehen. Wir warten atemlos. (Christian Schachinger)

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    foto: reuters/axel schmidt

    4. Ljubiša Tošić: Herzensguter Cyborg

    Wenn sogar ein hochnäsiger Klassikfreak, der sich Schlagern auch im Schutzanzug nicht nähern würde, kapituliert und Gefallen an Helene Fischer findet, ist die Welt sicher aus den Fugen. Aber so ist es halt.

    Das Konsumieren einer Weihnachts-, Silvester-, Oster- oder Pfingst-TV-Show der Dame aus Krasnojarsk zeigt: Fischer singt sehr passabel, bei Coverversions zeigt sie sogar Gefühl fürs Original. Als Gastgeberin ist sie zudem ein netter Mix aus "Kuli" Kulenkampff und Anneliese Rothenberger. Fischer hätte "Wetten, dass ...?" retten können. Nur hat keiner sie gefragt, sondern den Fragecyborg Markus Lanz.

    Cyborg ist ein gutes Stichwort. Fischer wird ein gewisses Maschinenimage umgehängt. In Konzerten würzt sie ihr Heile-Welt-Illusionstheater tatsächlich mit akrobatischen Selbstoptimierungsfantasien (Liegestütz beim Singen ...). Dennoch wirkt Fischer wie die nette Nachbarin.

    Die Botschaft: Erfolg hat mich nicht abheben lassen, sondern dankbar gemacht, ist ja alles harte Arbeit, Sie verstehen. Karriere? Ja. Aber was wäre meine Karriere ohne Freunde.

    Fischers Image suggeriert: In der globalisierten Konkurrenzgesellschaft sei es möglich, Endlosleistung und Herzenswärme zu verschmelzen. Diese Sehnsucht bedient sie.

    Ob das so gut ist? Solange Helene Fischer die Oper in Ruhe lässt, bleibt es wohl akzeptabel. (Ljubiša Tošić, 10.7.2018)

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