Achtung: In diesen Videospielen spukt es!

Ansichtssache mit Video12. August 2018, 11:00
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Unheimliche Begegnungen, geheimnisvolle Levels und gruselige Zufälle: Auch um Videospiele ranken sich Geistergeschichten

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, in einem Videospiel einem Gespenst zu begegnen? Vermutlich exakt so groß wie überall sonst, finstere Burgruinen und verlassene Sanatorien inklusive. Der menschliche Geist ist gut darin, finstere Ecken mit Fantasiegestalten zu bevölkern und aus dem Augenwinkel Beobachtetes zu bedrohlichen Gestalten umzudeuten – ob ein Ort real oder virtuell ist, scheint da wenig Unterschied zu machen.

Nach über fünf Jahrzehnten Videospielgeschichte ist es so betrachtet eigentlich kein Wunder, dass auch ein vermeintlich dem Übernatürlichen völlig entgegengesetztes Medium eine Tradition unheimlicher Begegnungen und "mysteriöser" Begebenheiten hat. Urbane Legenden, besser: moderne Sagen leben bekanntlich davon, ohne überprüfbare Quelle, aber dafür umso gruseliger von Person zu Person zu wandern – im Zeitalter des Internets erreicht das ungeahnte neue Dimensionen.

Zwischen historischen Tatsachen, klassischer Gespenstergeschichte am digitalen Lagerfeuer und absichtlichem Hoax zu unterscheiden, kann da schon mal schwierig werden. Den folgenden berühmten Beispielen von Spielen, die auf die eine oder andere Art für Gänsehaut und wohliges Gruseln sorgen, ist aber eines gemeinsam: Durch ihre Transformation in eine seit Anbeginn menschlichen Erzählens gepflegte Tradition des Erzählens unheimlicher Geschichten beweisen sie auf eine weitere Art, wie sehr Spiele – man entschuldige dieses eine Mal die Plattitüde – in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind.

creepypaste

Hat "Polybius" so ausgesehen wie in diesem Mockup? Wir werden es nie erfahren …

Polybius

Die Geschichte des Arcade-Spiels Polybius ist eines der ältesten Beispiele für eine moderne Videospiel-Sage – und hat sogar Eingang in die Popmythologie-Hall-of-Fame der Simpsons gefunden. 1981, so die Geschichte, seien einige wenige Arcade-Automaten mit dem Shooter in Arcades in Portland in den USA aufgetaucht.

Dass die – angeblich – begeisterten Spielerinnen und Spieler nach dem Spiel über Desorientierung, Kopfschmerzen und zum Teil psychologische Probleme klagten, ist nicht so bemerkenswert wie die angebliche genaue Überwachung der Automaten durch schwarz gekleidete Männer von ungenannten Regierungsbehörden, die Teil eines Experiments zur Gedankenkontrolle gewesen seien. Es muss nicht extra erwähnt werden, dass es keinen einzigen Beweis für die tatsächliche Existenz eines Spiels mit diesem Namen gibt. Klar – die "Men in Black" sind als gründich bekannt.

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badassvgm

Achtung: Dieser Soundtrack kann Ihre geistige Gesundheit gefährden. Angeblich.

Lavender Town Syndrome

Dass Pokemon seine Spielerinnen und Spieler zu willenlosen Zombies macht, ist eine These, die so manche Eltern schon im kleinen Kreis geäußert haben mögen, 1996 ging vom japanischen Games-Phänomen aber eine – angeblich – noch handfestere Gefahr aus: Die Musik im Level "Lavender Town" der Editionen "Red" und "Green" ("Blue" am internationalen Markt) war durch ihre dissonanten, hohen Piepstöne lebensgefährlich für junges Publikum.

Über 100 Kinder und Jugendliche hätten sich nach dem Spiel das Leben genommen – die für erwachsene Ohren unhörbaren hohen Töne der Musik hätten zu Depressionen, psychischen Veränderungen und schließlich zwanghaftem Suizid geführt. Ursprung der – natürlich – von keinerlei historischen Fakten untermauerten Horror-Story war vermutlich die gärende Meme-Ursuppe des Internets 4chan.

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treesicle

Auch virtuelle Bergleute haben ihre ganz eigene niedere Mythologie.

Minecraft

Dass sich um eines der erfolgreichsten Spiele aller Zeiten auch Mythen entwickeln, ist keine Überraschung, ebensowenig, dass sich beim konzentrierten, einsamen und stundenlangen Graben unter der virtuellen Erde die Realität als verhandelbar herausstellen kann. In "Minecraft", so die düstere Legende, spukt es nämlich – konkret treibe in den prozedural generierten Welten der verstorbene Bruder des Entwicklers Markus Persson sein Unwesen.

"Herobrine", so der Name des Phantoms, sieht genauso aus wie die Spielerfigur mit gespenstisch leeren Augen und treibt sich irgendwo am Rande des Gesichtsfelds beschäftigter "Minecraft"-Spieler herum. Dort steht er dann regungslos – hin und wieder lässt sein Auftauchen auch Fackeln von den Wänden fallen oder seltsame kleine Pyramiden spawnen. Persson nahm in den Patch-Notes zur Beta 1.6.6. mit der Zeile "Removed Herobrine" die Figur virtueller Grubenmythologie augenzwinkernd zur Kenntnis.

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b_chan

Um seine Mitmenschen zu verstören, ist manchen kein Aufwand zu groß.

Sad Satan

Internet-Auskenner wissen: "Creepypasta" ist der Netz-Fachbegriff für eine ganz spezielle Kurzform unheimlicher Netzliteratur. In Foren wie 4chan oder Reddit verbreitet, sind die kurzen Textschnipsel mit – angeblich authentischen – kurzen unheimlichen Geschichten klassische moderne Sagen. Dass sich manche Menschen die Mühe machen, diese Form der Angstmacherei in Code zu gießen, um ihre Mitmenschen zu verstören, ist eigentlich eine höchst moderne Ausformung des uralten Spaßes am Angstmachen. "Sad Satan" ist ein großartiges Beispiel dafür – und tatsächlich ein wenig verstörend.

Das monochrome Spiel – das zur Abwechslung tatsächlich existiert – ist eine mysteriöse Ansammlung unheimlicher Bilder und Soundschnipsel – Interviewteile mit historischen Serienmördern und verdeckte Hinweise auf Kindesmissbrauchsfälle inklusive. Woher das verstörende Spiel stammt, ist ungewiss – hartgesottene Skeptiker haben allerdings in den Raum gestellt, dass der Macher des YouTube-Channels Obscure Horror Corner, der als Erster das angeblich aus dem "Deep Web" geborgene Spiel vorgestellt hat, möglicherweise hier seine eigene kleine Internetsensation selbst gebastelt haben könnte. Dem Follower-Count hat’s jedenfalls nicht geschadet.

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petscop

Das Spiel existiert – vermutlich – nicht, die YouTube-Serie dazu ist allerdings hübsch subtiler Found-Footage-Horror.

Petscop

Und noch ein faszinierendes Hybrid aus Games-Grusel und YouTube: Das Videospiel "Petscop" existiert allen ernstzunehmenden Recherchen zufolge nicht wirklich – außer in den 13 Let’s Play-Videos des gleichnamigen YouTube-Channels, die seit März 2017 erscheinen. Das obskure PS1-Game, das ein unbekannter YouTuber namens Paul hier für seine Zuschauer spielt, wandelt sich vom banalen Action-Adventure zum düster-surrealen Rätsel, das mit mysteriösen Details und scheinbar paradoxen Geheimnissen aufwartet.

20.000 Menschen haben sich auf Reddit der exzessiven Interpretation dieses seltsamen Rätsels verschrieben, das irgendwo zwischen Creepypasta und Alternate-Reality-Game anzusiedeln ist. Ob sich das Geheimnis von "Petscop" jemals lüften lässt, ist ungewiss: Seit einigen Monaten ist Schluss mit neuen Videos – dabei wären noch so viele Fragen offen ….

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mrcreepypasta

Vorsicht beim Modden: Der süße Wahnsinn lauert auch in Morrowind.

The Elder Scrolls 3: Morrowind

Nicht nur Spiele, auch Mods können den übernatürlichen Horror in die virtuelle Welt bringen – zumindest, wenn man dem Mythos um Jvk1166z.esp Glauben schenkt. Diese Mod soll – angeblich – vor einigen Jahren die offenen Spielewelten von "Morrowind" auf unheimliche Art und Weise verändert und einige Spielerinnen und Spieler "in den Wahnsinn getrieben" haben – und das zur Abwechslung nicht durch Autolevelling.

Auch hier ist ein – beeindruckend langes und atmosphärisch geschriebenes – Stück Creepypasta der Ursprung einer ganz realen Obsession vieler Spielerinnen und Spieler, dem angeblichen Mysterium auf den Grund zu gehen. I want to believe, quasi – und wenn’s sein muss, durch die Erstellung einer tatsächlichen Mod , die genau das macht, was die Gruselgeschichte verspricht. Schade, dass die diesbezügliche Reddit-Community inzwischen eher tot ist – vielleicht war sie aber auch zu erfolgreich und ist gesammelt dem Wahnsinn verfallen …

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creepsmcpasta

Rein grafisch durchaus gruselig: "Killswitch" – oder wie es späteren Rekonstruktionen zufolge angeblich ausgesehen haben soll.

Killswitch

Wie bereits angemerkt haben lästige Details wie die reale Nichtexistenz gruselige Spiele kaum davon abgehalten, bei geneigten Spielerinnen und Spielern für Gänsehaut zu sorgen, und auch "Killswitch" hat vermutlich nie eine Festplatte geziert. Falls doch, dann aber – so der Mythos – nur kurz, denn das megaobskure Spiel eines tschechoslowakischen Entwicklers aus dem Jahr 1989 um eine von Dämonen heimgesuchte Kohlenmine hätte sich nach einer Zeit selbsttätig und unwiederbringlich gelöscht.

Genau diese künstlich hergestellte Rarität, so der Mythos weiter, hätte das allerletzte existierende Exemplar von "Killswitch" in einer eBay-Auktion zum Wahnsinnspreis von einer Dreiviertelmillion Dollar über den virtuellen Ladentisch gehen lassen – Käufer sei ein Japaner namens Yamamoto Ryuichi gewesen. Das YouTube-Video, in dem Yamamoto das Spiel der restlichen Welt präsentieren wollte, habe aber nur ihn selbst gezeigt, wie er wortlos in Tränen ausbricht. Beweise für irgendetwas davon brauchen übrigens nur Kleingeister.

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alex hall

So gruselig war Link noch nie: Vorsicht bei verfluchten Spielständen!

Majora’s Mask

Zum Abschluss darf auch die Lagerfeuer-Horrorversion eines global geliebten Spieleklassikers nicht fehlen: Hier war aber – angeblich – nicht das gesamte Spiel, "The Legend of Zelda: Majora’s Mask", betroffen, sondern nur eine spezielles, von einem mysteriösen alten Mann erhaltenes Cartridge, auf dem der Spielstand eines – angeblich – ertrunkenen Jungen namens Ben für unerklärliche Ereignisse gesorgt haben soll.

Wie so oft ist auch für diese – liebevoll und überaus umfangreich geschilderte – Creepypasta das berüchtigte Imageboard 4chan als Geburtsort anzunehmen, immerhin hat sich der unbekannte Geistergeschichtenerzähler aber sogar die Mühe gemacht, drei gruselige Beweisvideos dazuzustellen – die perfekte Geistergeschichte für eine Generation, die sich ohnedies lieber am Flackern des digitalen Lagerfeuers zum Gruseln versammelt.

Man sieht: In Spielen spukt es genauso wie sonst überall, wo Menschen sind; dank Internet kann man es nur bedeutend schneller auf der ganzen Welt weitererzählen und sich dann diebisch daran erfreuen, dass es anderen kalt den Rücken herunter läuft. Denn das ist vielleicht auch das Faszinierendste an diesen Beispielen moderner Sagen rund um ein junges Medium: dass sich meist unbekannt Bleibende größte Mühe geben, ihre Spukgeschichten mit viel Aufwand und, ja, Liebe einer Allgemeinheit zu schenken, die sich gern das Fürchten lehren lässt. (Rainer Sigl, 12.10.2018)

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