Britin in Salisbury nach Vergiftung mit Nowitschok gestorben

    Reportage9. Juli 2018, 14:28
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    Die Einwohner sind nach den Vergiftungen verunsichert. Die Angst geht um, dass jeder als Nächster dran sein könnte

    Er sei heilfroh, sagt Peter Kirkham und wischt sich den Schweiß von der Stirn, "dass das nicht mein Fall ist". Während seiner Arbeit als Mordkommissionsleiter bei der Londoner Polizeibehörde Scotland Yard haben seine Beamten immer wieder Grünflächen auf der Suche nach Tatwaffen durchkämmt. "Aber wir wussten auch, wonach wir suchten – blutverschmierte Messer oder Ähnliches." Kirkham schaut über die Polizeiabsperrung hinüber zu den Queen Elizabeth Gardens, einem hübschen Park am Ufer des Avon-Flusses im südenglischen Städtchen Salisbury. "Diesmal sind die Kollegen auf Mutmaßungen angewiesen."

    Dass in Salisbury zum zweiten Mal binnen vier Monaten Menschen mit Nowitschok vergiftet wurden, haben Experten bestätigt. Die britische Polizei hat am Montag Mordermittlungen in dem mysteriösen Fall aufgenommen. Am Montagnachmittag tritt außerdem der Krisenstab der Regierung, das Cobra-Komitee, in London zusammen. Der Leiter der britischen Terrorabwehr, Neil Basu, sagte zu Reportern am Montag, dass es noch unklar sei, ob der aktuelle Todesfall mit den Vergiftungen der Skripals vergangenen März in Verbindung stehe.

    Die beiden jüngsten Opfer, ein Paar aus der örtlichen Obdachlosenszene, rangen seit Tagen im Krankenhaus mit dem Tod – am späten Sonntagabend verlor die 44-jährige Dawn Sturgess den Kampf und starb. Die Polizei geht davon aus, dass das Paar einen Behälter mit dem Nervengift berührt haben müssen, gab Scotland Yard am Montag bekannt.

    Innenminister vor Ort

    Der Pensionist Kirkham ist nach Salisbury gekommen, um britischen TV-Sendern bei der Interpretation der spärlichen Kripo-Informationen zu helfen. Am Sonntag trifft auch Innenminister Sajid Javid ein, spricht mit Besuchern und Geschäftsbesitzern, lobt die eingesetzten Fachkräfte von Polizei und Feuerwehr. Der konservative Politiker klingt deutlich zurückhaltender als Tage zuvor im Unterhaus, wo er in harschen Worten Aufklärung aus Moskau verlangte. "Wir wollen keine vorläufigen Schlüsse ziehen", sagt Javid jetzt. Erst müsse die Polizei in Ruhe ihre Arbeit erledigen.

    Das kann dauern. An den bekannten letzten Aufenthaltsorten der Opfer, darunter auch der Queen Elizabeth Gardens, suchen Beamte nach Hinweisen. Wegen der sommerlichen Hitze können sie nur einige Minuten in ihren Spezialanzügen verbringen. Eingesetzt werden auch Gasmasken und Drohnen.

    Auf gespenstische Weise wiederholen sich damit in Salisbury und dem zwölf Kilometer entfernten Amesbury, wo eines der späteren Opfer in einem Drogenentzugsprojekt lebte, die Szenen vom vergangenen März. Damals waren auf einer Parkbank mitten in Salisbury der von Großbritannien aus russischer Haft freigekaufte Ex-Agent Sergej Skripal und seine Tochter Julia bewusstlos aufgefunden worden. Die Grünfläche am Fluss Avon ist nur wenige Fußminuten entfernt vom Queen Elizabeth Gardens, wo sich die Opfer am Freitag aufhielten. Die Skripals konnten nach wochenlanger Behandlung aus dem Krankenhaus entlassen werden, die Mordwaffe war offenbar auf die Türklinke von Sergej Skripals Haus geschmiert worden. Diesmal deutet vieles darauf hin, dass es sich bei den beiden Obdachlosen um Zufallsopfer handelt. Kann es also jeden treffen? Ist das Gift noch immer wirksam und wie lange?

    Auf solche Fragen gibt es keine Antworten. Zum einen wurde Nowitschok nie großflächig angewandt, über die Verweildauer des chemischen Kampfstoffes in der Natur ist wenig bekannt. Zum anderen sind sich selbst die Experten nicht einig – und streiten etwa darüber, ob Nowitschok durch die Haut in den Körper eindringt oder nur durch den Mund aufgenommen werden kann.

    Besucherzahlen gehen zurück

    Dementsprechend verhalten ist die Stimmung vor Ort. Enttäuscht seien seine Bürger, sagt der Leiter der Stadtregierung, Matthew Dean. Natürlich mache man sich im Ort, der so nahe an Stonehenge liegt, Sorgen um die Besucherzahlen. "Wir wollen doch der Welt sagen, dass es hier sicher ist. Das ist momentan die Herausforderung."

    Abwartend äußert sich auch Pfarrer Edward Probert in seiner gotischen Kathedrale. Natürlich habe Salisbury einen Schock erlitten. "Aber wir haben uns vor vier Monaten nicht unterkriegen lassen, und das wird diesmal genauso sein." Damals, nach dem Anschlag auf die Skripals, gingen die Besucherzahlen der Kathedrale um 40 Prozent zurück, erholten sich aber. "Wir müssen nun abwarten, wie sich das entwickelt."

    Abwarten und Eistee trinken, was bleibt den Leuten in Salisbury auch anderes übrig? Im Zentrum hatte die Gemeindeverwaltung gerade erst große Plakatwände anbringen lassen. Sie verdecken jene Orte wie das Restaurant Zizzi's oder den Pub The Mill, die vier Monate nach dem Anschlag noch immer geschlossen sind. "Salisburys Genesung ist auf gutem Weg", heißt es da, Fotos zeigen idyllische Szenen aus dem renovierten historischen Zentrum.

    Auf einer kleinen Grünfläche haben sich zu Mittag viele Menschen im Schatten großer Buchen niedergelassen. Nur eine Bank bleibt leer. Auf ihr wurden im März die Skripals bewusstlos aufgefunden. So gut deren Genesung vorangeschritten sein mag – Salisbury selbst hat durch die neue Nowitschok-Vergiftung einen schweren Rückfall erlitten. (Sebastian Borger aus Salisbury, 8.7.2018)

    • Polizistin nahe der Absperrung bei den Queen Elizabeth Gardens in Salisbury.
      foto: afp photo / niklas halle'n

      Polizistin nahe der Absperrung bei den Queen Elizabeth Gardens in Salisbury.

    • Die Queen Elizabeth Gardens am Avon-Fluss sind für die Öffentlichkeit gesperrt. Wahrscheinlich kamen die jüngsten Opfer hier in Kontakt mit Nowitschok.
      foto: apa/afp/niklas halle'n

      Die Queen Elizabeth Gardens am Avon-Fluss sind für die Öffentlichkeit gesperrt. Wahrscheinlich kamen die jüngsten Opfer hier in Kontakt mit Nowitschok.

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