Belgien gelingt gegen Brasilien der große Wurf

    Video6. Juli 2018, 22:17
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    Die Belgier kicken in einer engen Partie den großen Favoriten mit 2:1 aus dem Turnier und treffen im Semifinale auf Frankreich

    Nach den Ereignissen des Nachmittags lag es an Brasilien, die WM nicht zu einer Europameisterschaft verkommen zu lassen. Der Rekordweltmeister galt in Kasan als Favorit, weil die Belgier bis dahin zwar offensiv brillierten, in der Abwehr aber im Gegensatz zur Seleção nicht sattelfest gewirkt hatten. Auch Coach Roberto Martínez sah hier das Manko seiner Roten Teufel, brachte also Nacer Chadli und Marouane Fellaini für Yannick Carrasco und Tris Mertens. Von der Fünferkette wurde auf 4-3-3 umgestellt. Martínez’ Kollege Tite musste zwangsläufig umstellen, Fernandinho spielte statt des gesperrten Casemiro, Filipe Luis musste für den wiedergenesenen Marcelo auf die Bank.

    foto: ap/seco
    Duell der Mittelpunkte.

    Auch das trug zur brasilianischen Laune bei, überschäumend hätte sie sein können, wenn nach einem Eckball von Neymar Abwehrchef Thiago Silva den abgefälschten Ball mit dem Oberschenkel nicht nur an die Stange gesetzt hätte (8.). Nur zwei Minuten später versemmelte Paulinho nach Eckball von Willian vom Elferpunkt – die Südamerikaner wirkten wie aufgedreht. Den Stecker zog dann ein Eigentor. Einen scharf auf das kurze Eck gezielten Corner von Belgiens Nacer Chadli lenkte Fernandinho, irritiert auch durch den Kollegen Gabriel Jesus, an seinem Goalie Alisson vorbei (13.) – schon das elfte Eigentor dieser Endrunde.

    Konter in Perfektion

    Das wäre angesichts der Offensivkraft der Brasilianer noch kein Beinbruch gewesen, allerdings fielen die, im Bemühen möglichst schnell auszugleichen, ein wenig aus dem taktischen Konzept und wurden für Konter anfällig. Solche beherrschen die Belgier über Kevin De Bruyne allerdings in Perfektion. Beim dritten einschlägigen Versuch marschierte Romelu Lukaku unhaltbar, zog drei Gegenspieler auf sich und bediente De Bruyne, der, von Marcelo nicht attackiert, Alisson mit einem Flachschuss ins lange Eck erwischte (31.), das 150. Tor der WM erzielte. Dieser Schock saß tief und weckte kurz Erinnerung an den 8. Juli 2014, an das 1:7 bei der Heim-WM im Halbfinale gegen den späteren Champion Deutschland.

    foto: ap/seco
    Neymar bleibt hinter den Erwartungen.

    Allerdings hat die aktuelle Seleção deutlich mehr Qualität, selbst zwischenzeitliches Abtauchen von Neymar minderte ihre Gefährlichkeit nicht. Bei Schüssen von Marcelo und Coutinho innert einer Minute musste Thibaut Courtois im Tor der Belgier sein ganzes Können zeigen (37.). Dennoch lag es in der Kasaner Luft, dass sich nach Deutschland und Argentinien auch Brasilien in der Hauptstadt von Tatarstan von der WM verabschieden würde.

    Doch noch heiß

    Trainer Tite hatte sich damit noch nicht abgefunden, er brachte Liverpools Roberto Firmino statt des schwachen Willian für zusätzlichen Betrieb. Hinfort belagerte Brasilien den belgischen Strafraum. Drinnen bemühte sich zunächst Neymar sehr auffällig um einen Elfer, der serbische Schiedsrichter Milorad Mažić ließ es aber mit einer Ermahnung bewenden. Als Jesus gegen Vincent Kompany fiel, ließ Mažić nach Videostudium abstoßen, obwohl der Kontakt erfolgte, als der Ball noch knapp im Spiel war (57.).

    foto: ap/verdugo
    Courtois rettet.

    Es war höchste Zeit für die Belgier, an ihre Gefährlichkeit zu erinnern, aber Kapitän Eden Hazard setzte den Ball nach Konter über De Bruyne knapp am langen Eck vorbei (62.). Brasilien schoss oft aufs Tor, den 16. anständigen Versuch des eingewechselten Douglas Costa konnte Courtois parieren, den Kopfball von Renato Augusto, einem weiteren Neuen, von Coutinho bedient, musste er aber zum Anschlusstreffer passieren lassen (76.). Plötzlich hing Belgiens Glück am seidenen Faden. Coutinho zielte aber nach Zuspiel von Neymar vorbei (84.) und als Neymar in der Nachspielzeit an Courtois scheiterte, war es um Favorit Brasilien endgültig geschehen (94.). (Sigi Lützow, 6.7.2018)

    foto: apa/afp/saeed khan
    Semifinale für Belgien.


    der standard

    Fußball-WM, Viertelfinale:

    Brasilien – Belgien 1:2 (0:2).
    Kasan, Kasan-Arena, 42.873 Zuschauer, SR Masic (SRB).

    Tore: 0:1 (13.) Fernandinho (Eigentor)

    0:2 (31.) De Bruyne

    1:2 (76.) Renato Augusto

    Brasilien: Alisson – Fagner, Thiago Silva, Miranda, Marcelo – Paulinho (73. Renato Augusto), Fernandinho – Willian (46. Firmino), Coutinho, Neymar – Gabriel Jesus (58. Douglas Costa)

    Belgien: Courtois – Alderweireld, Kompany, Vertonghen – Meunier, Fellaini, Witsel, Chadli (82. Vermaelen) – De Bruyne, Lukaku (87. Tielemans), Hazard

    Gelbe Karten: Fernandinho, Fagner bzw. Alderweireld, Meunier (im Halbfinale gesperrt)


    Stimmen

    Roberto Martinez (Teamchef Belgien): "Es ist unglaublich. Sie haben es geschafft. Man darf nicht aufgeben. Die Jungs haben verdient, was sie erreicht haben. Taktisch habe ich noch nie ein Spiel verloren. Das ist der Schlüssel zum Erfolg. Als Spieler musst du schon sehr mutig sein, diese Taktik auch umzusetzen und es unbedingt wollen. Genau dafür arbeitet man. Ich hoffe, dass es so weitergeht. Wir werden das genießen. Wir haben Großartiges geleistet. Gegen Frankreich rufen wir hoffentlich unser ganzes Können ab."

    Tite (Teamchef Brasilien): "Wir haben ein gutes Spiel gemacht. Wir hatten viel Ballbesitz, viele Chancen. Wir haben aber keine Tore geschossen. Belgien war effizienter. Ich kann die Frage nach meiner Zukunft in diesem Moment nicht beantworten, ich bin noch zu sehr in diesem Spiel drin. Fußballspiele sind kompliziert. Courtois hat heute den Unterschied ausgemacht. Ich möchte nicht über den Schiedsrichter sprechen, das wird sonst als Jammerei ausgelegt."

    Miranda (Kapitän Brasilien): "Wir wollten es unbedingt. So ist die WM traurig für uns zu Ende gegangen. Wir haben heute gegen eine große Mannschaft verloren. Wir hatten viele Chancen. Ich bin dennoch stolz auf mein Team. Es war eine schwierige Situation. Wir haben am Ende alles versucht. Dieses Mal können wir die Heimreise erhobenen Hauptes antreten."

    Kevin De Bruyne (Angreifer Belgien): "Ich bin stolz. Viele Menschen haben bei uns lange gewartet, dass wir einen großen Gegner in so einem Spiel schlagen. Wir haben gezeigt, was in uns steckt. Du machst alles um das Spiel zu gewinnen. Wir haben viele guten Spieler. Alle wollen etwas erreichen. Jetzt sind wir unter den letzten vier. Jetzt wollen alle ins Finale."

    Thibaut Courtois (Tormann Belgien): "Viele Leute haben mir gesagt, dass wir ein großes Spiel von mir brauchen würden um aufzusteigen. Ich denke, das ist mir gelungen. Ich war auf den Punkt bereit. Ich freue mich auf das Halbfinale. Wir kennen natürlich sehr viele Spieler. Es wird ein großes Match." (APA)


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