Rundschau: Frauen am Rande des Weltuntergangs

    Ansichtssache28. Juli 2018, 10:00
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    Wie ein Turm aus Eis zwei Planeten verbindet und Antifaltencreme die Apokalypse auslöst: Ein Dutzend neue Romane für den Science-Fiction-Sommer

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    foto: tor books

    Mary Robinette Kowal: "The Calculating Stars"

    Broschiert, 431 Seiten, Tor Books 2018, Sprache: Englisch

    Margot Lee Shetterlys Sachbuch "Hidden Figures" über die vergessenen Mathematikerinnen der NASA wurde 2016 zum Welterfolg, erst recht nach der Verfilmung. Schon zuvor hatte US-Autorin Mary Robinette Kowal 2013 ihre preisgekrönte SF-Novelle "The Lady Astronaut of Mars" veröffentlicht. Das nun in Form einer Duologie nachgereichte Prequel ist aber unverkennbar von "Hidden Figures" beeinflusst worden. Denn "The Calculating Stars" ist vieles: ein Zeitporträt der Pionier-Ära, eine Familiengeschichte, eine Apokalypse und ein Alternativweltroman. Vor allem aber ist es ein Hohelied auf die astronautische Infrastruktur und auf die tausenden Menschen am Boden, deren Anstrengungen den Höhenflug einiger weniger ermöglichen.

    Alternativweltgeschichte deshalb, weil Kowal ein paar Modifizierungen an der Historie vornehmen musste, um die letztlich in "The Lady Astronaut of Mars" mündende Zeitlinie zu ermöglichen. So wurde in ihrer Welt 1948 Thomas E. Dewey statt Harry Truman zum Präsidenten der USA gewählt – ein praktischer kleiner Trick, denn der war in Sachen Weltraum innovationsfreundlicher gestimmt, und das wird auch schon bald dringend gebraucht: 1952, wenn die Handlung einsetzt, zweigt Kowals Geschichtsverlauf nämlich endgültig ab. Ein Asteroid schlägt vor der Küste von Maryland ein und richtet enorme Verwüstungen an. Doch das war nur der Anfang: Wie sich herausstellt, setzen die vom Einschlag verdampften Wassermengen einen unaufhaltsamen Treibhauseffekt in Gang, der die Erde mittelfristig unbewohnbar machen wird. Die Menschheit muss den Weltraum erobern, um zu überleben.

    Rollenverteilung

    Hauptfigur und Ich-Erzählerin Elma York ist im Zweiten Weltkrieg als Rettungspilotin Einsätze geflogen, inzwischen arbeitet sie als Mathematikerin respektive als Computer bei den Raketentests des NASA-Vorläufers NACA. An ihrer Kompetenz auf beiden Gebieten kann keinerlei Zweifel bestehen. Doch Elma musste das Gleiche erleben wie Peggy in der Marvel-Serie "Agent Carter" (und natürlich unzählige Frauen in der Realität): Im Krieg wurde die Arbeit der Frauen gebraucht, doch nun sollen sie möglichst wieder in untergeordnete Rollen zurückgedrängt werden. Während nach dem Ersten Weltkrieg die Frauenrechte einen Aufschwung erlebten, folgt nach dem Zweiten ein gezielter Backlash.

    Selbstverständlich lässt Elma das nicht auf sich sitzen. Unterstützt von Ehemann Nathaniel, der sie fachlich wie auch privat als gleichgestellte Partnerin behandelt, sammelt sie gleichermaßen unzufriedene wie kompetente Mitstreiterinnen um sich, um Lobbying für Frauen im Weltraumprogramm zu betreiben. Wie auch für Angehörige ethnischer Minderheiten: Dass die Gesellschaft ihrer Zeit nicht nur sexistisch, sondern auch rassistisch ist, hat Elma spätestens bei den Evakuierungen nach dem Einschlag festgestellt, die ganz auf die Wohngebiete von Weißen konzentriert waren.

    Der Plot schreitet damit auf allen Ebenen im Gleichtakt voran: Auf der technologischen Seite sorgt die neugegründete International Aerospace Coalition dafür, dass die Eroberung des Weltraums trotz kleinerer Rückschläge einen Erfolg nach dem anderen verbucht, vom ersten bemannten Raumflug über den Bau einer Weltraumstation bis zur Landung auf dem Mond. Auf dieser Ebene lässt uns "The Calculating Stars" den Geist der Weltraumpionier-Ära gleichsam im Zeitraffer nacherleben; den Kapiteln vorangestellte Nachrichtenmeldungen schildern parallel dazu, wie sich die globale Klimaveränderung auswirkt. Und auf der gesellschaftlichen Seite setzen Elma & Co langsam, aber doch ein Umdenken in Gang.

    Eine Heldin wie du und ich

    Dankenswerterweise verfällt Kowal trotz gesellschaftspolitischer Agenda nicht in Schwarz-Weiß-Zeichnungen. Elma ist keine von diesen supertoughen Superfrauen, die seit ein paar Jahren das Genre überschwemmen und längst zu einem ähnlichen Klischee geronnen sind wie die superpatenten Ehefrauen in der TV-Werbung, die stets mit einem Lächeln (und natürlich dem richtigen Produkt) das Problem lösen, an dem der ungeschickte Gatte gescheitert ist. Man versuche mal, einen Spot mit umgekehrter Besetzung zu finden ... aber zurück zum Buch: Wir lernen Elma zwar rund um den Einschlag als keck und kompetent kennen, werden aber bald feststellen, dass sie mit dem anfänglichen Bravado auch den Schock über die Katastrophe und den Verlust unzähliger Menschen überspielt hat; nicht zuletzt den ihrer Familie.

    Und so sicher sie sich auch in ihrer Arbeit fühlt – Auftritte in der Öffentlichkeit bereiten Elma Übelkeit. Wenn sie vor einer Gruppe sprechen muss, rezitiert sie im Kopf die Stellen von Pi oder die Primzahlenfolge, um sich zu beruhigen. Und dass sie als Galionsfigur der Astronautinnen-Bewegung langsam, aber sicher zum Medienstar wird, sieht sie auch mit sehr gemischten Gefühlen. Yes, I wanted to change the public perception about women in space and our ability to be astronauts, but I had not wanted to be a pinup girl for spaceflight.

    Grautöne

    Auch Elmas großer Gegenspieler, Colonel Stetson Parker, wird nicht so eindimensional gezeichnet, wie man befürchten hätte können. Er ist zwar gewissermaßen die Verkörperung des Sexismus und tut alles, um Elmas Ambitionen auszubremsen. Doch obwohl er sie regelmäßig zum Zähneknirschen bringt, muss Elma doch anerkennen, dass auch er mit Kompetenz und Leidenschaft am Weltraumprogramm arbeitet.

    Und was vorurteilsfreie Denkweisen betrifft, müssen selbst die Romanhelden noch Lernprozesse durchmachen. Elma und Nathaniel werden nach dem Einschlag bei einem afroamerikanischen Ehepaar einquartiert. Und obwohl sich daraus rasch eine Freundschaft entwickelt, bleibt die eine oder andere Beklommenheit nicht aus, wenn Angehörige zweier bislang separierter Welten – hier schwarz, da weiß und jüdisch – zum ersten Mal zusammenleben. Unwissenheit und Stereotype sind auf beiden Seiten vorhanden, da entfleucht einem trotz besten Willens schon mal ein geistlose Bemerkung, die heute als "micro-aggression" gewertet würde.

    Empfehlung

    Nach dem buchstäblich explosiven Auftakt schlägt "The Calculating Stars" ein eher gemächliches Tempo an; Action-Liebhaber werden vermutlich nicht zufrieden sein. Nichtsdestotrotz fand ich Kowals Geschichte ausgesprochen spannend, und das Tempo ist dem Inhalt angemessen – handelt es sich doch um die minutiöse Schilderung einer Gesellschaft, die sich in Bewegung setzt: räumlich wie auch geistig.

    Eine Bemerkung noch: Für eine Geschichte, die derart von Weltraumbegeisterung getragen ist, halten wir uns äußerst wenig tatsächlich im All auf. "The Calculating Stars" ist der Froschperspektive auf die Sterne gewidmet. Den weiteren Weg schildert dann die Fortsetzung "The Fated Sky", die die Duologie vollenden wird und – Achtung! – bereits im August erscheint.

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