Rundschau: Frauen am Rande des Weltuntergangs

    Ansichtssache28. Juli 2018, 10:00
    57 Postings

    Wie ein Turm aus Eis zwei Planeten verbindet und Antifaltencreme die Apokalypse auslöst: Ein Dutzend neue Romane für den Science-Fiction-Sommer

    Bild 6 von 12
    foto: p.machinery

    Rainer Schorm & Jörg Weigand (Hrsg.): "Weiberwelten. Die Zukunft ist weiblich"

    Broschiert, 182 Seiten, € 10,90, p.machinery 2018

    Zum dritten Mal in Folge haben heuer bei den Nebula Awards Frauen in annähernder Ausschließlichkeit dominiert (nachdem männliche Autoren schon auf den Kandidatenlisten eine Randerscheinung geblieben waren). Es ist die exakt umgekehrte Variante dessen, was man oder frau dem zweitwichtigsten Phantastik-Preis der Welt im vergangenen Jahrzehnt als sexistische Auswahl vorgeworfen hatte – in denselben Blogs, die die aktuelle Schieflage nun als "Signal für Diversität" feiern. Es ist schon irgendwie kurios, wie mit zweierlei Maß gemessen werden kann.

    Da grätscht nun eine Satiren-Anthologie aus Deutschland dazwischen: Festzustellen, dass die Kaiserin nackt ist, ist natürlich hochgradig sexistisch und damit nicht statthaft, heißt es im Vorwort zur Anthologie "Weiberwelten". Herausgeber Rainer Schorm geizt zum Stichwort Gender-Mainstreaming nicht mit Ausdrücken wie totalitäre Tendenzen oder Ideologie mit Absolutheitsanspruch. Das ist, dem Charakter einer Wutrede entsprechend, teilweise undifferenziert und einige Argumentationslinien Schorms sind schlicht nicht haltbar – zum Beispiel der Versuch, zwischen der Bewegung für Frauenrechte (gut) und dem Feminismus (schlecht) zu unterscheiden, als wären das zwei ganz unterschiedliche Phänomene. Aber gezielte Provokation ist für ein Vorwort auch nicht die schlechteste Taktik.

    Neusprech*in

    Dass Schorm eine Parallele zwischen gegenderten Schreibweisen und Orwells Neusprech herstellt, kann man schon eher diskutieren – in Hinblick darauf, dass beides die Funktion hat, das Denken in eine gewünschte Richtung zu kanalisieren. Und dass dies auch mit einer gewissen Vehemenz durchgesetzt werden soll. Dazu eine Anekdote aus der realen Welt, die mir eine Kollegin erzählt hat: Ein Wiener Kleinunternehmer, ein älterer Herr, hat bei einer Stellenausschreibung nach "MitarbeiterInnen" gesucht. War die Reaktion darauf nun Lob dafür, dass sich jemand weit jenseits der 70 bemüht hat, sich zeitgemäß nicht-diskriminierend auszudrücken? Nein, es hagelte Kritik von Seiten der Hundertzehnprozentigen, weil er nicht das viel korrektere "Mitarbeiter*innen" verwendet hatte. Die besten Satiren schreibt immer noch das Leben selbst.

    Eine der Geschichten in "Weiberwelten" kommt diesem Level der Absurdität allerdings nahe: In "Flughafeneröffnung erneut verschoben" von Thomas Le Blanc geht der mittlerweile eh schon zur Legende gewordene Flughafen Berlin Brandenburg in eine weitere Warteschleife – diesmal, weil weder Toiletten noch Sicherheitskontrollen oder Hinweisschilder an die volle Bandbreite von neun Geschlechtern angepasst sind. Der Text hat die Form eines Bescheids vom "Berliner Referat für Gendergerechtigkeit" und liest sich in seiner bürokratischen Kompromisslosigkeit ebenso witzig wie realitätsnah. Widerspruchsschreiben, die sprachlich nicht geschlechtlich diskriminierungsfrei formuliert sind, werden zur Korrektur zurückgesandt und gelten als nicht eingegangen.

    Den vorhandenen Platz überschätzt

    Schorm selbst geht in seiner Geschichte "Das feministische Manifest" formal zunächst in die gleiche Richtung, indem er besagtes Manifest ausgiebig zitiert. Wir erkennen es rasch als satirische Version des deutschen Grundgesetzes, in der kurzerhand "Menschen" durch "Frauen" ersetzt wurde (plus ein paar sich daraus ergebende Modifizierungen). Allerdings belässt er es nicht dabei, sondern fügt es in eine Rahmenhandlung um einen Historiker aus der Zukunft und dessen Emanzipation ein.

    Und schon sind wir bei einem Phänomen, das mir in den Anthologien aus dem Haus p.machinery immer wieder auffällt: Sie enthalten trotz geringen Umfangs in der Regel sehr viele Einzelstories, die daher entsprechend kurz sind. Viele Autoren passen sich an diese Kürze aber nicht an und stopfen in ihre Beiträge rein, was das Zeug hält. Da kann eine ganze Romanhandlung kursorisch auf zehn Seiten gepresst werden, eine Geschichte zur Hälfte aus Exposition bestehen oder in letzter Sekunde mit Gewalt ein Schluss hingebogen werden, ehe der Platz ausgeht – oder das Ganze bleibt überhaupt gleich fragmentarisch. Das gilt hier in der einen oder anderen Form unter anderem für die Beiträge von Udo Weinbörner, Monika Niehaus oder Jan Osterloh. Andreas Schäfer spricht in "Eine Novelle" zwar die unsäglichen Tendenzen zur Beweislastumkehr an, die im Zuge von #metoo aufgekommen sind ... mehr als ein Ansprechen ist es auf zweieinhalb Seiten allerdings wirklich nicht.

    Besser gelöst

    Die besseren Beiträge in "Weiberwelten" sind diejenigen, die der Kürze Rechnung tragen, indem sie sich räumlich und zeitlich beschränken. Wie etwa Claudine J. Lamaisons "Familienplanung", in dem wir Journalistinnen zu einer Presseführung nach Mutterland begleiten, die erste ökologisch-feministische Staat der Welt. Formal würde dies auch für "Erziehungsmaßnahmen" von Klaudia Vormann gelten, allerdings steht hier eher die Gesundheitsdiktatur im Fokus: auch ein Aufregerthema unserer Zeit, denken wir nur an die 2017 erschienenen Bücher "Neanderthal" von Jens Lubbadeh oder "Die Optimierer" von Theresa Hannig.

    Auf Humor setzt Hans Jürgen Kugler in "Lakshivas Lover", in dem eine Eso-Tante von ihrem Dildo verlassen wird. Oder genauer gesagt von einem Dildoiden (handelsübliche Dildos mit einem komplett nachgebildeten maskulinen Androidanhängsel). Das bildet ein Gegenstück zur 30 Jahre alten Erzählung "Die Orchidee der Nacht" von Rainer Erler um einen Mann, der argwöhnt, dass seine junge Ehefrau ein Sexroboter ist. Ansonsten bleibt eher rätselhaft, warum Erlers Patriarchatsgeschichte in dieser Matriarchatsanthologie noch einmal veröffentlicht wurde.

    Ausschläge auf dem Seismometer

    Science Fiction ist ein Seismometer für Befindlichkeiten und Ängste der Gegenwart, insofern war es abzusehen, dass früher oder später ein Band wie "Weiberwelten" auf den SF-Markt kommen würde. 19 Stories sind enthalten, knapp die Hälfte davon stammt von Frauen – was bei einem solchen Thema eine relevante Information ist. Wichtiger noch dürften aber die Altersangaben im bibliografischen Anhang sein: Die mit Abstand jüngste Beitragende ist 1977 geboren, alle Beteiligten haben also schon mehrere Wellen des Feminismus miterlebt. Und wenn man den Grundtenor der meisten Geschichten herausdestilliert, kann man davon ausgehen, dass sie den aktuellen Fourth Wave Feminism als den intellektuellen Niedergang der Bewegung betrachten.

    Ebenfalls keine Überraschung ist der Umstand, dass dort, wo das Ärger-Seismometer offenbar am heftigsten ausschlägt, die Satire grober wird. Das gilt für die Beiträge von Rainer Schorm (der hier auch als Rene A. Raisch auftritt) und Karla Weigand, die ebenfalls via Pseudonym mehrfach vertreten ist: als Marie Viking und ich vermute auch als Martina Schleich; wenn nicht, handelt es sich bei Letzterer um einen stilistischen Klon. Der Holzhammer war seit jeher ein zulässiges Mittel der Satire, die beiden verfallen aber für meinen Geschmack zu sehr in den Ton eines Thesen-Donnerwetters. Was sich für ein Vorwort eignet – weniger gut für eine Kurzgeschichte.

    Unschärfen

    Außerdem mündet der spürbare Grant recht rasch in Unschärfen. Beispiel Biologie: Wenn ich die schon heranziehe, muss ich auch akzeptieren, dass intersexuell neben männlich und weiblich ein genauso natürlicher Zustand ist. Er ist bloß wesentlich seltener, aber das ist ein Quantitäts- und kein Qualitätsunterschied und hat auch nichts mit sozial konstruierten Genderrollen zu tun. Ich wage auch zu bezweifeln, dass wirklich jede Frau (und ich rede hier nur von den heterosexuellen) erst mit einem Mann das Glück findet, wie es ein paar Geschichten suggerieren, in denen eine zukünftige Frauengesellschaft das Y-Chromosom aus dem Genpool entfernt hat, bis die Erlöser endlich rückgezüchtet werden. Und recht schnell wird dann auch der Bogen zu alten Zöpfen geschlagen, etwa zur "eher emotionalen Intelligenz" der Frau. Damit tun sich die betreffenden Autoren keinen Gefallen.

    Fazit: "Weiberwelten" bringt ein – durchaus berechtigtes – Unwohlsein über einige Auswüchse des aktuellen Zeitgeists zum Ausdruck, scheitert aber in vielen Fällen dabei, dies in stimmige Worte zu fassen.

    weiter ›
    Share if you care.