Von Jelinek bis Gelatin: Zehn Buchtipps für die nächsten hundert Jahre

    7. Juli 2018, 08:30
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    Welche Bücher sollen unbedingt auch in den kommenden hundert Jahren noch gelesen werden? Zehn Prominente antworten

    Wien – Bücher können so viel: Unterhalten, bilden, Wissen vermitteln, zum Lachen bringen, zum Nachdenken oder Weinen, zum Mitfühlen oder Staunen. Sie können dem Leben und seinen Zumutungen glückstrunkene Momente abtrotzen oder den Vorschein auf ein anderes Leben – besser, heller, gerechter, leichter, schöner, wilder, unkontrollierter, freier, was immer – entgegenhalten, Stellvertreterleben anbieten zum zeitweiligen Ausstieg aus dem Alltag. Bücher können wichtige Lebensbegleiter sein, weitergereicht als besondere Zueignung an Menschen, denen das Wunder dieser Lektüre auch zuteil werden soll. Ja, Bücher können glücklich machen!

    Wir haben zehn Persönlichkeiten aus Literatur, Philosophie, Sport, Wissenschaft, Musik, Kunst und Politik um Bücher gebeten, die unbedingt auch im nächsten Jahrhundert gelesen werden sollten. Zehn Jahrhundertbuchtipps also, so vielfältig wie die Menschen, die Lesenden dahinter, die sie empfehlen.

    Bleibt nur noch eines zu sagen: Lesen Sie, jetzt oder später, aber lesen Sie! Schönen Sommer! (Lisa Nimmervoll, 7.7.2018)

    foto: reuters/leonhard foeger
    Elfriede Jelinek, Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin.

    Elfriede Jelinek: Es ist alles da

    Ich verlange, dass die Werke Elfriede Gerstls die nächsten hundert Jahre (und noch viel länger) gelesen werden. Das ist eine Stimme in der österreichischen Literatur, die nie verstummen darf (obwohl oder gerade weil die Nazis sich viel Mühe damit gegeben haben, sie als Person verschwinden, auslöschen zu lassen). Diese gellende Leichtigkeit, diese zarten, aber durchdringend leisen Gedanken (ihre Essays sind immer noch viel zu wenig bekannt) dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Ja, das fordere ich. So wie diese Literatur einen fordert, doch ohne dass man es allzu deutlich merkt, denn da schreit niemand Hier!, Elfriede Gerstl schon gar nicht, es ist aber alles da. (Elfriede Jelinek)

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    foto: roland mühlanger / picturedesk.com
    Toni Innauer, Autor, Vortragender und Berater, ehemaliger Skispringer und -trainer sowie ÖSV-Sportdirektor.

    Toni Innauer: Unsere zweite Natur

    Konrad Lorenz analysiert in Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens Geist und Kultur, erörtert die Voraussetzungen menschlichen Erkennens und mahnt, dass es gefährlich ist, alles für wahr zu halten, was auf den ersten Blick einleuchtend erscheint. Unser "zur zweiten Natur" gewordener Wahrnehmungsapparat ist aus einer gigantischen Menge an Informationen aus dem jeweiligen Kulturkreis geformt und alles andere als objektiv. Lorenz' Kernaussagen haben im digitalen Zeitalter keinen Deut an Brisanz verloren. (Toni Innauer)

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    foto: karl schöndorfer toppress
    Johanna Rachinger, Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek.

    Johanna Rachinger: Vermächtnis mit Weitblick

    Stefan Zweigs Erinnerungsbuch Die Welt von gestern entstand vor seinem Selbstmord 1942 im brasilianischen Exil. Es ist das Vermächtnis eines glühenden Europäers, der von den massiven Umbrüchen in Europa zwischen 1890 und 1940 erzählt. Das Buch wird auch noch in 100 Jahren durch seine literarische Qualität und seinen Weitblick beeindrucken. (Johanna Rachinger)

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    foto: heribert corn
    Manfried Rauchensteiner, Historiker, publizierte zuletzt "Unter Beobachtung. Österreich 1918-2018".

    Manfried Rauchensteiner: Alte Verbrechen, neue Zeit

    Es kommt alles vor, was in einen guten Kriminalroman gehört: Alex Beers Der zweite Reiter handelt in den Jahren 1919 und 1920. Der Erste Weltkrieg wirkt nach. Die Personen, vor allem der Rayoninspektor August Emmerich, sind vom Krieg gezeichnet. Emmerich hat aber nicht nur mit der Aufklärung von alten Verbrechen in einer neuen Zeit zu tun, er muss auch gegen eine Wirklichkeit ankämpfen, die noch nicht die seine ist, wo es um Beamtenwillkür, Schleichhandel, Bestechung und der Sehnsucht nach einer besseren Zukunft geht. Fortsetzung folgt. Da es nicht nur eine spannende Erzählung ist, sondern auch die Details stimmen, ist das Buch ein Lesevergnügen, nicht zuletzt für historisch Interessierte. (Manfried Rauchensteiner)

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    foto: nikolai friedrich
    Lisz Hirn, Philosophin und Lehrende am Universitätslehrgang "Philosophische Praxis" der Universität Wien.

    Lisz Hirn: Einführung in die "geistige Fechtkunst"

    "Wer wagt mir zu widersprechen, wenn ich sage, die Menschen sind wesentlich böse, wesentlich unglücklich, wesentlich töricht?" Man muss dem Autor des schmalen Klassikers der Eristik nicht zustimmen, um die Kunstgriffe seines Buches zu schätzen. Schopenhauers "Die Kunst, recht zu behalten" will den Leser gegen die alltäglichen Untergriffigkeiten wappnen, die sowohl in analogen als auch digitalen Gesprächen lauern. Eine boshafte Trickkiste, die zeitlos auf die menschliche Natur anwendbar ist. (Lisz Hirn)

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    foto: heribert corn
    Paulus Hochgatterer, Schriftsteller und Kinderpsychiater.

    Paulus Hochgatterer: Ans Herz binden

    Es gibt schmale Bücher, die möchte man sich ans Herz binden. Die Erzählung Das dritte Licht (im englischen Original Foster) der irischen Schriftstellerin Claire Keegan ist so ein Buch. Es erzählt auf gerade einmal hundert Seiten in einer wunderbar schlichten Sprache die Geschichte eines kleinen Mädchens, das von seinen Eltern den Sommer über zu einem bekannten Paar in Pflege gegeben wird. Dort erfährt es die wichtigen Dinge: dass Liebe und Traurigkeit ganz nahe beisammenliegen, dass es den Tod gibt und dass man manchmal vielleicht doch auf das Gute hoffen darf. (Paulus Hochgatterer)

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    foto: robert newald
    Yasmin Hafedh aka Yasmo macht Spoken Word Performances als Slam-Poetin und ist Rapmusikerin.

    Yasmin Hafedh: Leichtes Schweres

    Hundert Schwarze Nähmaschinen von Elias Hirschl: ein Roman, der mit einer Leichtigkeit und Verspieltheit an psychische Krankheiten herangeht, sodass man eine Freude beim Lesen hat. Nie ist es vorwurfsvoll, nie dogmatisch oder respektlos Erkrankten gegenüber. Der ganze Roman hat auch sprachlich einiges zu bieten und spielt mit verschiedensten Textsorten. Ich habe den Roman gebannt gelesen und denke, dass man ihn auch noch in 100 Jahren lesen wird, weil das Thema "psychische Erkrankungen" in einer immer kranker werdenden Gesellschaft sicher noch lange aufgearbeitet werden muss, wir sind 2018 ja erst am Anfang. (Yasmin Hafedh)

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    foto: heribert corn
    Lotte Tobisch-Labotýn, ehemalige Burgschauspielerin.

    Lotte Tobisch-Labotýn: Zeitlos unveränderbar

    Ich lese alles von Handke über Houellebecq bis Lévi-Strauss, von Adorno bis Heidegger, aber auch Madame Bovary. Sollte man mich auf die berühmte einsame Insel verfrachten, dann weiß ich allerdings, welches Buch ich mitnehmen würde: die Bibel, denn sie ist zeitlos, ein Paradebuch – sie beginnt mit Kain und Abel, dem Brudermord ... Da steht alles drin. Das wusste schon Karl Marx. Der sagte nämlich einmal: "Alle Revolutionen haben bisher nur eines bewiesen, nämlich dass sich vieles ändern lässt, bloß nicht die Menschen." (Lotte Tobisch-Labotýn)

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    foto: jason schmidt
    Künstlergruppe Gelatin, bestehend aus Wolfgang Gantner, Ali Janka, Florian Reither und Tobias Urban.

    Gelatin: Make Trouble!

    Ja, ganz genau: Make Trouble von John Waters ist das Buch zum Einpacken für die nächsten hundert Jahre. Ein kleines Büchlein, an dem man nicht schwer trägt, das sich allerdings immer wieder zum Reinlesen empfiehlt. Die Abschrift einer Rede von Waters vor Studierenden der Rhode Island School of Design gibt inspirierenden Rat für alle, die auf der Suche nach einem Weg sind. Und auch für alle, die schon am Wegesrand eingeschlafen sind. Also lesen und: Make Trouble! (Gelatin)

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    foto: apa/herbert pfarrhofer
    Heinz Fischer, Bundespräsident a. D. und Regierungskoordinator des Jubiläums- und Gedenkjahrs 2018.

    Heinz Fischer: Heikles und Gemeinsames

    Zum Republiksjubiläum haben wir das Buch 100 Jahre Republik – Meilensteine und Wendepunkte in Österreich 1918-2018 herausgegeben, in dem 24 Autorinnen und Autoren mit unterschiedlichen wissenschaftlichen Schwerpunkten Meilensteine und Wendepunkte in der Geschichte unseres Landes seit 1918 beschreiben. Dabei wird sichtbar, dass zu den heiklen Phasen dieser Geschichte immer mehr gemeinsame Auffassungen erarbeitet wurden. (Heinz Fischer)

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