Warum Kärntner Schriftsteller auf ihre Heimat spucken

    5. Juli 2018, 09:00
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    Betrachtungen zu Wesen und Widersprüchen des südlichsten österreichischen Bundeslands

    Die Beziehungen Kärntens zur Literatur erlebten anno 1228 einen völlig verunglückten Start und haben sich seitdem allen Bemühungen zum Trotz nie wieder ganz erholt. Wer mit dem Zug nach Klagenfurt reist, erblickt, vor den Bahnhof tretend, schräg vis-à-vis das Geburtshaus von Robert Musil.

    kunstsammlung des landes kärnten/ mmkk, foto: ferdinand neumüller
    Der aus Kärnten stammende Theatermann Johann Kresnik mag es deftig: In der Ausstellung "Das andere Land" im MMKK in Klagenfurt platziert er Sauköpfe in Kloschüsseln.

    Musil kommt in Kärnten nicht nur die bekannte literarische, sondern auch eine biografische Besonderheit zu: Keine Schriftstellerin und kein Schriftsteller, in Kärnten geboren, hat das Land so schnell wieder verlassen wie er – er war noch ein Säugling. Aber lassen wir das für einen Moment beiseite. Der Platz, auf dem man sich, aus dem Bahnhof tretend, findet, heißt ja nicht Robert-Musil-Platz. Er ist nach Walther von der Vogelweide benannt.

    Verwehrte Herrenanzüge

    Wenn der Minnesänger jedoch jemals seinen Fuß auf Kärntner Boden gesetzt haben sollte, dann höchstens im Zuge seiner abrupten Abreise nach Wien. Die sogenannten Kärntner Strophen erzählen, wie ihm für einen Besuch am Hof Herzog Bernhards von Kärnten zwei neue Anzüge versprochen wurden, wie er daraufhin pflichtschuldig seine dichterische Leistung erbracht hat, wie aber dann aus seiner Poesie von völlig inkompetenten Beamten eine angebliche Kritik am Landesherrn herausgelesen wurde und wie man ihm deshalb die beiden Anzüge verwehrt hat.

    Mit der Zurückhaltung der Kunst gegenüber Kärnten ist es seitdem ziemlich vorbei. 300 Jahre nach Walther kam Albrecht Dürer auf der Reise nach Venedig in Kärnten vorbei. Er porträtierte bei dieser Gelegenheit eine einheimische Bäuerin, die einen höchst lasziven Eindruck erweckt. Die Vilana windisch diente Dürer dazu, in Venedig zu beweisen, dass er imstande sei, auch unedlen Motiven etwas Zeitloses zu verleihen.

    Das Porträt wirft ein moralisch bedenkliches Licht auf die Gegend, in der Dürer sein Modell über den Weg lief. In genau demselben Licht erscheint dieselbe Gegend drei dunkle Jahrhunderte später noch immer, in der Neuesten Reise durch Kärnten des Franz Sartori. Sartori geißelte in dem 1811 erschienenen Buch den Zustand der Kärntner Straßen, das dürftige Bildungsniveau der Bevölkerung und vor allem die Art, wie die Einheimischen ihre Dienste (und die ihrer Töchter) Besuchern geradezu aufdrängen.

    Die Kritik wurde nicht zum Ansporn der Besserung genommen. Stattdessen wurde ihr Bote wutschnaubend attackiert. Zeitnah vom Klagenfurter Juristen und Mineralogen Franz Joseph von Enzenberg. Aber auch noch, als Sartori bereits 200 Jahre lang unter der Erde lag, vom Journalisten und Kleinschriftsteller Humbert Fink, einem Mitinitiator des Literaturspektakels in Ingeborg Bachmanns Namen. So rennt man sich den Stachel noch tiefer ins Fleisch. Dabei lässt sich schwer übersehen, dass Kärntens Landstraßen (man muss nur einmal über Zlan zum Weißensee fahren) bis heute von rekordverdächtiger Holprigkeit sind.

    Nicht erst bei Werner Kofler, Gert Jonke, Peter Turrini oder Peter Handke, nicht erst bei Helga Glantschnig, Lydia Mischkulnig oder Maja Haderlap, nicht erst bei Egyd Gstättner, Josef Winkler, Axel Karner oder Antonio Fian fällt das Urteil über das Land hart aus. Es sind sehr wenige, die das Lobenswerte an diesem Bundesland in den Vordergrund rücken. Es hat dagegen eine sehr lange Tradition, dass Künstlerinnen und Künstler hier unfreiwillig eine Art Gegenöffentlichkeit bilden, von der es so gut wie keine Verbindung zu dem Bild gibt, das die Öffentlichkeit von sich hat.

    Der Ausstellungsblick

    In Anbetracht dessen nähert man sich dem Museum Moderner Kunst Kärnten (MMKK) in Klagenfurt mit Spannung. Dort verspricht diesen Sommer der Ausstellungstitel Das andere Land. Hausherrin Christine Wetzlinger-Grundnig und Theatermacher Bernd Liepold-Mosser kündigen "Künstlerinnen und Künstler (an), die auf das Land, seine Konflikte und Widersprüche, seine Lasten aus der Geschichte und seine Potenziale für die Zukunft einen anderen Blick werfen, der sich nicht selten in kritischer Auseinandersetzung mit den üblichen Mustern schärft".

    Wirklich findet man in den Räumen, die inhaltlich Reizwörtern aus der Volkskultur wie "Landle", "Hamat", "Liad" oder "Liab" zugeordnet sind, viele bildnerische wie literarische Positionen, die Anhaltspunkte für einen kritischen Diskurs über Österreichs südlichstes Bundesland liefern können. Vor allem die Gegenwartskunst thematisiert das obskure ideologische Gemenge eines Landes, in dem sich jährlich noch Heimwehr-Recken am Ulrichsberg und Ustascha-Veteranen in Bleiburg erinnernd versammeln.

    Bei Gudrun Kampl versammeln sich 30 Schweine, Markus Guschelbauer ironisiert die Scholle, Birgit Bachmann mit Kreuzstich auf Kärntner Anzug die Krieger des Nichts, Wolfgang Reichmanns hat ein NS-Idol röntgenisiert, das sogar noch auf dem Kopf stehend A Second of Horror erzeugt.

    kunstsammlung des landes kärnten/ mmkk, foto: ferdinand neumüller
    Wolfgang Reichmanns "A Second of Horror #5/24" (1996)

    Und dazu: "Ich glaube, dass die Enge des Tales und das Bewusstsein der Grenze mir das Fernweh eingetragen haben" (Ingeborg Bachmann), "Meiner Heimaterde vergönne ich nicht einmal meinen Kadaver" (Josef Winkler) oder "Schon wieder ist im Dorf jemand von selber gegangen" (der geläufige Ausdruck für den Selbstmord). "Und ich spuckte auf den Boden meines Heimatortes" (Peter Handke). Mit politischem Bauchweh wird auch bereits der 2019 anstehenden 100-Jahr-Feier der Volksabstimmung entgegengeblickt.

    Belastete Texte

    Leider wird diese konstruktive Nachdenklichkeit dadurch konterkariert, dass ohne jeden Kommentar – also gewissermaßen gleichrangig – Texte und Bilder erscheinen, die ideologisch schwerstens nationalsozialistisch belastet sind. Vielleicht wollte Wetzlinger-Grundnig einmal etwas aus den Switbert-Lobisser-Beständen der Haussammlung zeigen, und Liepold-Mosser setzte mit den schriftlichen Erzeugnissen Josef Friedrich Perkonigs noch eines drauf.

    Das Problem ist, dass sich der Ausstellungstitel Das andere Land so plötzlich verkehrt. Aus den Alternativen, die sich aus kritischer künstlerischer Reflexion für das Land Kärnten auftun könnten, erhebt sich das alte Bild vom Bundesland, das im Umgang mit seiner Vergangenheit eben etwas anders ist. (Michael Cerha, 5.7.2018)

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