Für eine Gruppe von Affen hat die Steinzeit begonnen

    Video7. Juli 2018, 09:00
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    Überraschenderweise macht der Werkzeuggebrauch bei benachbarten Kapuzineraffen in Panama keine Schule

    foto: imago/erhard nerger
    Weißschulter-Kapuzineraffen (Cebus capucinus imitator) sind offensichtlich geschickte Handwerker: Einige Individuen haben gelernt, Nüsse und Muscheln mit Steinen zu knacken.

    Während der Großteil der Menschheit die Steinzeit seit rund 4.000 Jahren hinter sich gelassen hat, sind einige Affenarten gerade dabei, in eben diese einzutreten. Drei Primaten-Populationen waren bisher bekannt, die sich den Alltag durch die Verwendung von Steinwerkzeugen erleichtern: Eine Gruppe von Schimpansen in Westafrika, eine Makakenhorde in Thailand und Kapuzineraffen der Gattung Sapajus in Südamerika. Letztere setzen möglicherweise sogar bereits seit 700 Jahren Werkzeuge aus Stein ein.

    foto: ap/michael haslam
    Die Rückenstreifen-Kapuziner (Sapajus libidinosus) im brasilianischen Nationalpark Serra da Capivara dürften schon seit Jahrhunderten wissen, wie man mit Steinen Nüsse aufkriegt.

    Neuzugang in der Steinzeit

    Nun dürfte dieser exklusive Kreis Zuwachs bekommen haben: Biologen entdeckten auf einer Insel vor der Küste Panamas eine Gruppe von Weißschulter-Kapuzineraffen (Cebus capucinus imitator), die Steine sehr routiniert zum Aufbrechen von Nüssen oder Schalen von Meerestieren einsetzen. Die Tiere haben sich dafür regelrechte Werkstätten eingerichtet, wo geeignete Steine bereitliegen und ein Felsen als "Amboss" dient.

    Diesen Platz suchen die Affen das ganze Jahr über immer wieder mit Armen voller Nüsse oder Meeresschnecken auf. Selbst die dicken Schalen der Kokosnüsse stellen dort für die Kapuzineraffen kein Problem dar. Für Brendan Barrett vom Smithsonian Tropical Research Institute in Panama (heute am Max-Planck-Institut für Ornithologie tätig) und sein Team besteht nach jüngsten Beobachtungen kein Zweifel: Für diese Primaten hat die Steinzeit begonnen – und es sind die ersten aus der Gattung Cebus, denen das gelungen ist.

    foto: brendan barrett
    Ein Kapuzineraffe auf der Insel Jicarón in seiner "Werkstatt". Der große Stein wird zum Aufknacken der herbeigeschafften Nüsse verwendet.

    Exklusiver Handwerkerkreis

    Die Kapuzineraffen leben vermutlich bereits seit sechs Millionen Jahren auf Jicarón, einer kleinen Pazifikinsel vor der Südküste Panamas. Das Eiland ist Teil des Coiba-Nationalparks, dem noch zwei weitere von Kapuzineraffen bewohnte Inseln angehören. Steine als Werkzeuge benutzen allerdings ausschließlich jene von Jicarón – und auch dort haben nur die Männchen einer kleinen Population die Vorteile des Werkzeuggebrauchs für sich entdeckt. Warum sich diese kulturelle Fähigkeit nicht weiter ausbreitet, gibt Rätsel auf.

    "Wir waren sehr überrascht von der Erkenntnis, dass sich ein solches Verhalten auf eine so kleine Region beschränkt", sagt Barrett. Zumal die Affen vermutlich nicht erst seit kurzem die Steine so geschickt handhaben: Die ersten Berichte über Werkzeuggebrauch in der betreffenden Population auf Jicarón tauchten bereits 2004 auf.

    brendan barrett
    Video: Obwohl der Werkzeuggebrauch den Kapuzineraffen das Leben erleichtert, breitet sich diese Fähigkeit kaum aus.

    Kaum Wissenstransfer

    Um festzustellen, was aus diesen Anfängen geworden ist, haben Barrett und seine Kollegen im März 2017 Kamerafallen auf den drei Inseln aufgestellt. Da bekannt ist, dass immer wieder einzelne Individuen zwischen den Inseln wechseln, lag der Gedanke nahe, dass sich auch der Werkzeuggebrauch mit diesen Tieren weiter ausbreiten könnte.

    Zwar konnten die Forscher auf den Videos festhalten, wie einige Affen nach wie vor auf versierte Weise Kokosnüsse, Krabben oder Schnecken mit Steinen knackten. Die Fähigkeit hatte allerdings in den zurückliegenden 13 Jahren offensichtlich nicht Schule gemacht: Den Kapuzineraffen der anderen Inseln war der Gebrauch von Steinen als Werkzeuge nach wie vor fremd

    Welche Schlüsse sich daraus für die Menschheitsgeschichte ziehen lassen, ist unklar. Möglicherweise ist der Eintritt ins Steinzeitalter eher eine Zufallsentdeckung einzelner Individuen als eine Entwicklungsrichtung, die Primaten zwangsläufig früher oder später einschlagen, vermuten die Wissenschafter. (tberg, 7.7.2018)


    Wissen: Viele Tierarten nutzen Werkzeuge

    Noch vor 100 Jahren glaubte man an eine exklusiv menschliche Fähigkeit. Mittlerweile weiß man von Dutzenden Arten, die Werkzeuge nutzen, allen voran natürlich die Primaten. Schimpansen etwa verwenden Zweige, um nach Termiten zu angeln. Sie sind auch die einzigen, die sich angespitzte Äste als Waffen zur Jagd herstellen. Aber auch viele andere Säugetiere setzen Werkzeuge ein, darunter Bären, Seeotter, Elefanten (sie verwenden Zweige, um Insekten zu verscheuchen) und sogar Delphine, die mit Meeresschwämmen auf Futtersuche gehen. Unter den Vögeln sind es vor allem die Raben und Papageien, die für ihren geschickten Umgang mit selbstgemachten Werkzeugen bekannt sind. Und sogar ein Lippfisch wurde bereits dabei beobachtet, wie er hartschalige Beute mit einem Stein im Maul aufschlug.


    Abstract
    BioArXiv: "Habitual stone-tool aided extractive foraging in white-faced capuchins, Cebus capucinus."

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