Georg Danzer: "Jö schau, so a Sau"

7. Juli 2018, 09:00
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Er war eine der herausragenden Figuren der heimischen Popmusik. Es galt, dass Danzer was zu sagen hatte, selbst wenn die Musik nicht immer mit seinen Gedanken mithalten konnte

Der Begriff Liedermacher ist problematisch. Er verströmt eine gewisse Ungelenkigkeit, hat etwas von Bob der Baumeister, was von Lego. Das klingt nach wenig elegant im Blaumann zusammengeschusterten Liedern, die vom Geniegedanken der Kunst so weit entfernt sind wie ein gemeiner Straßenmusikant von Jimi Hendrix' Ausflügen ins Firmament. Deshalb war es für viele Austropopper ein so angemessener Begriff – doch nicht für Georg Danzer.

Der würde jetzt sowieso schon höflich, aber bestimmt Einspruch erheben, denn der Begriff Austropop ging ihm an der Hose vorbei. Das nationale Element dieser Wortschöpfung lehnte er ab, er (er)duldete ihn nur zähneknirschend als Selbstläufer, auf den er keinen Einfluss nehmen konnte. Dennoch gilt er als eine der tragenden Säulen des Fachs. Für ihn als Künstler galt der Liedermacherbegriff aber nur um mindestens drei Ecken. Danzer war dafür zu lässig, seine Songs ebenso.

Hingeschlenzte Songs

Viele von Danzers Liedern besaßen die Dehnbarkeit eines Kaugummis, konnten sich in einem Moment zurücklehnen, im nächsten mit einer hingeschlenzten Zeile angriffig sein – ohne deshalb aus der Hängematte zu kommen. Denken wir nur an Ruaf mi net au. Da gibt er sich waidwund und verlassen – um im selben beleidigten Idiom seinen Hass auf den Neuen seiner Ex abzuladen.

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Danzers Ruaf mi net au. Was er von der Aufmachung dieses "Videos" halten würde? Frage nicht.

Es ist eines von vielen Danzer-Liedern, die aus der Position des Verlierers und Underdogs geschrieben wurden. Diese Sicht interessierte ihn, aus ihr entstanden viele Songs: Hupf in Gatsch, Tschik, Jö schau … – man könnte eine lange Liste schrauben.

Im Rahmen des Gedenkens anlässlich des hundertjährigen Bestehens der Republik widmet sich die Reihe "Zwickt's mi" österreichischer Popmusik. Einzelne Alben, Songs und Künstler, die die heimische Populärmusik geprägt haben, werden in Erinnerung gerufen und vorgestellt.

Goschert und unnachgiebig

Georg Danzer zählte zu den Größten der heimischen Popmusik. Ein goscherter Hund mit Schmäh, der über die Jahre und Jahrzehnte eine sanfte Autorität aufbaute, die nur bei seinen moralischen Grenzen unnachgiebig war.

Geboren wurde er 1946 in Wien. Nach einem schleichenden Beginn als Musiker und Songtexter veröffentlichte er 1973 sein Debütalbum Honigmond. Es war die Pionierzeit des Austropop. Ambros war eben aufgetaucht, Wilfried sang Ziwui, Ziwui … – ein eigenes österreichisches Popmusikbewusstsein erwachte.

Danzer träumte in diesem von der Revolution (Der Funke Der Revolution – Fidel Castro Als Gast), beschwor den Honigmond oder erkundigte sich nach der Möglichkeit Könntet ihr mich lieben? Er strapazierte Jesus und James Dean, die Sehnsucht und Hollywood. Gespielt hat er das in zeitgeistigem Folk, doch waren seine Songs besser produziert als vieles damals, klangen satter, hatten nicht auf den Bass vergessen.

Tom Waits vorweggenommen

Unter dem Pseudonym Poidl "Tschik" Jappl veröffentlichte er die Sandler-Ballade Tschik und sorgte damit für einen kleinen Skandal im spießigen Österreich der damaligen Zeit. Nebenbei nahm er damit Tom Waits um ein Jahr vorweg.

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Ein kleiner Skandal hat noch keiner Karriere geschadet: Danzers Tschik.

Mit diversen sexuellen Eindeutigkeiten gelangen ihm derlei Empörungsbäuerchen noch öfter: Vom Wixxerblues bis zum Album 13 schmutzige Lieder aus dem Jahr 2001 inklusive der Ballade vom versteckten Tschurifetzen. Hinzu kam ein gar schröckliches Kokettieren mit dem Haschgift. Huch.

Jö schau!

Der Durchbruch gelang ihm 1975 mit der Single Jö schau – einer zurückgelehnten Beobachtung des Phänomens der Flitzer. Ein solcher betritt das ehrwürdige Stadtcafé Hawelka – und Danzer berichtet, wie die Wirten und diverse Gäste auf den Nackerten reagieren: Klassiker. Daneben purzelten ihm gescheite Betrachtungen wie Die Freiheit aus dem Ärmel.

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"Jö schau, so a Sau, wos mocht a Nockata im Hawelka." Das Originalvideo zu Danzers Durchbruchs-Song.

Anfang der 1980er veröffentlichte er mit Ruhe vor dem Sturm eines seiner erfolgreichsten Alben, doch in der Zeit wurde er zusehends schlageresk: mit eher banalen Titeln wie Griechenland oder dem grässlichen Flamenco-Schlager Weiße Pferde – auch Zombieball geht als Karikatur eher nach hinten los. Seine Sensibilität gegenüber Zeiterscheinungen blieb hingegen intakt. Ein Lied wie Die Türken mag musikalisch eher grob gebaut sein, das Thema Ausländerfeindlichkeit und feiger Mob haben damals wenige überhaupt erkannt geschweige denn so deutlich angesprochen.

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Danzer in nicht so tollen Momenten: Weiße Pferde mit einer Flamenco-Überdosis.

Danzer zog es in den 1980ern in die Ferne. Er lebte in Spanien und später in Deutschland, hatte familiäre Probleme, andere mit der Gesundheit, Plattenlabels und Managern, veröffentlichte aber ungebrochen fast jedes Jahr ein Album. Mögen die Ergebnisse von variabler Qualität gewesen sein, die Produktionen oft zu dünn, der Synthie zu präsent – Danzers Songs waren nie ganz schlecht.

Sie waren angesiedelt zwischen Melancholie, Gerechtigkeitssinn und seiner speziellen Beobachtungsgabe, die die Aufmerksamkeit seines Publikums immer wieder an seine Songs band. Es galt, das Danzer was zu sagen hatte, selbst wenn die Musik nicht immer mit seinen Gedanken mithalten konnte.

Benefiz und Austria 3

In den 1990ern kehrte er nach Wien zurück, betrieb mit Freunden wie Wilfried eine erfolgreiche Karriere und dann passierte ihm bei einem Benefizkonzert für Obdachlose eine Band namens Austria 3. Die bestand aus Danzer, Wolfgang Ambros und Rainhard Fendrich.

Sie wurden in den folgenden Jahren zu einer der erfolgreichsten österreichischen Formationen ihrer Zeit, in der Danzer die Rolle des feinfühligen Intelligenzlers zufiel, während die drei in den größten Hallen ihre größten Hits aufführten.

Daneben wurde er Obmann von SOS Mitmensch und sang 1993 bei der als Lichtermeer in die österreichische Geschichte eingegangenen Demonstration gegen Fremdenfeindlichkeit vor mehr als 300.000 Menschen. Schon deshalb könnte man heute Phantomschmerzen verspüren.

Dennoch war er in den 1990ern nicht sehr präsent, die Veröffentlichungsintervalle wurden größer. Doch mit mit späten Alben wie 13 schmutzige Lieder oder Von Scheibbs bis Nebraska erlebte er als Songwriter ab den Nullerjahren eine kleine Renaissance. Dann kam der scheiß Krebs.

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Von Scheibbs bis nach Nebraska: Danzers Abschiedskonzert in der Wiener Stadthalle, drei Monate vor seinem Tod.

2007 starb Georg Danzer an den Folgen einer Lungenkrebserkrankung. Er war 60 Jahre alt. Selbst diesen letzten halböffentlichen Weg nahm er mit der ihm eigenen Würde.

Über 400 Songs hat der liebevoll Schurli gerufene Musiker geschrieben, fast 40 Alben veröffentlicht. Ohne die hierzulande obligatorische posthume Begeisterung lässt sich nüchtern feststellen, dass Georg Danzer einer der größten heimischen Musiker war.

Perlen in der dritten Reihe

Selbst noch in der zweiten, dritten Reihe gibt es bis heute Songs zu entdecken, denen der Zahn der Zeit wenig anhaben konnte. Danzer hatte Schmäh, Hirn und Gefühl, er konnte Folk, Rock und sogar so etwas wie Soul spielen, wenn man etwa an Mei allerbester Freund denkt. Ein Guter. (Karl Fluch, 7.7.2018)

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Danzer-Soul: Mei allerbester Freund.
  • Georg Danzer war der lässige Lässige des Austropop. Er saubartelte mit Charme und mahnte mit Schmäh.
    andy urban

    Georg Danzer war der lässige Lässige des Austropop. Er saubartelte mit Charme und mahnte mit Schmäh.

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