Elvis Costello: Der Professor der Punkgeneration hält Hof

    Gespräch mit Video4. Juli 2018, 11:00
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    Was treibt den britischen Singer-Songwriter an? Was hält er von Protestsongs – und wann kommt ein neues Album?

    Die Hornbrille ist geblieben, das Image hat sich geändert. Als Elvis Costello 1977 mit My Aim Is True in die britische Musikszene platzte, wurde diese gerade vom Punk erschüttert. In seinem zu klein geratenen Anzug wirkte Costello wie ein zorniger Nerd auf Amphetaminen. Im nur zart adaptierten Outfit ist er längst zu einem Drifter zwischen Pop und Hochkultur geworden, zu einer Art Elder Statesman der Songkunst.

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    Kann bei seinen Konzerten aus einem riesigen Songkatalog schöpfen: Elvis Costello, derzeit mit seiner Begleitband The Imposters auf Tour.

    Mit Paul McCartney hat er ebenso Lieder geschrieben wie mit dem Brodsky Quartet, Bob Dylan nennt er seinen Freund. In seiner eigenen TV-Show Spectacle begrüßte er Gäste von Bruce Springsteen bis Bill Clinton. Vorbei sind die Zeiten, in denen er mit einem nicht eingeplanten Song die Saturday Night Live Show kaperte und von NBC jahrelang vom Bildschirm verbannt wurde.

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    Elvis Costello bricht in der TV-Show "Saturday Night Live" den Song "Less Than Zero" ab und spielt stattdessen "Radio Radio". Die Produzenten waren "not amused".

    Lange vorbei sind auch die Zeiten, in denen Costello in Hotelbars aus purer Lust an der Provokation Streit mit Kollegen anzettelte und Fragen von Journalisten im besten Fall ins Leere laufen ließ. Wer heute mit dem in dritter Ehe mit der kanadischen Jazzsängerin Diana Krall verheirateten Briten ein Interview führt, hat es mit einem freundlichen, eloquent -enthusiastischen 63-Jährigen zu tun, der sich und der Welt nichts mehr beweisen muss.

    Songs mit bitterem Kern

    Wut, Frust, Enttäuschung und ein enzyklopädisches Musik wissen kanalisierte Costello von Anfang an in gewiefte Songs, die ihren bitteren Kern gerne unter einschmeichelnden Melodien verbergen. Das war beim vermeintlichen Lovesong Alison 1977 so. Und das war noch 20 Jahre später so, als sich Costello in Tramp the Dirt Down danach sehnte, auf Margaret Thatchers Grab die Erde festzustampfen.

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    "His aim is true": Elvis Costello 1983 live beim Rockpalast in Essen mit "Alison".

    Mit derart plakativen Ansagen hält sich Costello, ein Meister vieldeutiger Formulierungen und beißender Ironie, sonst meist zurück. Lieber kommt er auf Shipbuilding von 1982 zu sprechen, ein Kronjuwel in einem Songkatatalog: ein subtiler, über die Bande gespielter Protest gegen den damaligen Falklandkrieg.

    Costello weiß in Sachen Protestsongs im Detail die unterschied lichen Phasen Dylans zu zitieren, geht mit musikalischen Moden und Trittbrettfahrern ins Gericht, bevor er auf den Punkt kommt: "Protest kann viele Formen haben. Manchmal sind Songs nur eine Art Statement und führen nirgendwo hin. Im besten Fall sind sie Dialoge."

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    Protest der subtilen Art: Elvis Costellos "Shipbuilding".

    Viel Lob gibt es an dieser Stelle für einen Musiker, der einst für Costello als Sideman in die Saiten gegriffen hat: US-Gitarrist Marc Ribot, den Trumps Amerika zu neuen eigenen Songs angestachelt hat. "Man löst kein Problem, indem man Songs schreibt. Es sind nur ein paar Ideen, die mit Musik in die Welt rausgehen. Aber Marcs Songs sind rechtschaffen, smart, auch selbstkritisch und voll Humor. Seine Albumpräsentation war eine der besten Performances, die ich je in meinem Leben gesehen habe, wild und großartig."

    Vom Folk zum Punk

    Mit seinem Lob liefert Costello indirekt eine Selbstbeschreibung. Der Sohn des Unterhaltungssängers Ross MacManus vereint seit jeher Punk mit einem professoralen Gestus. Dass er sich wie nur wenige auf die Reflexion des Songwriterhandwerks versteht, belegte zuletzt die monumentale, 2015 veröffentlichte Autobiografie Unfaithful Music & Disappearing Ink. In ihr gab sich Costello als manischer Schwamm zu erkennen, der alles aufsaugte, was ihm unterkam. Lange vorm Durchbruch in der Punk-Ära tingelte Costello als Singer-Songwriter durch Folk-Clubs und Gemeindesäle.

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    Elvis Costello, Bruce Springsteen, Steve Van Zandt und Dave Grohl würdigen The-Clash-Frontman Joe Strummer.

    Seitdem ist Declan MacManus, der den Namen Elvis einst von seinem Produzenten Jake Rivera verpasst bekam, als Hansdampf in allen Gassen unterwegs. Oft mit Erfolg wie mit dem großartigen Country-Album Almost Blue (1981) oder der Soul-Hommage Get Happy (1980). Dass die Rechnung nicht immer aufgeht, davon zeugen Bauchlandungen wie das Gemeinschaftsprojekt For the Stars (2001) mit Starsopranistin Anne Sofie von Otter. "Too clever for his own good", lautet das Verdikt von Costellos Landsleuten.

    Einen seiner größten Erfolge landete der Singer-Songwriter ausgerechnet mit einer Coverversion: Charles Aznavours für den Notting Hill-Soundtrack eingespieltes She. Den umtriebigen Musiker, der im selben Jahr Notenlesen, Autofahren und Italienisch gelernt hat, scheinen Kritikerstimmen ohnehin nicht sehr zu kümmern. Ein Album mit neuen Songs soll noch heuer erscheinen.

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    Die Frage, die in (fast) keinem Costello-Konzert fehlen darf: Nick Lowes "(What's So Funny 'Bout) Peace, Love and Understanding".

    Was ihn ins Studio getrieben hat? "Ich nehme keine Songs auf mit dem Ziel, die Welt oder auch nur das eigene Glück zu verändern. Aber man weiß nicht, wie viel Zeit einem noch bleibt." Seine Song speisen sich indessen noch immer aus der "Verblüffung über die Welt rund um uns".

    Eingespielt hat Costello das noch titellose Werk mit seiner bewährten Begleitband The Imposters. Mit ihnen wird er am in Graz und in Wien gastieren. Natürlich mit Brille und Anzug. Ungewiss ist die Songauswahl: "Die Österreich-Konzerte sind gegen Ende der Tour. Bis dahin haben wir sicher einiges gelernt." (Karl Gedlicka, 4.7.2018)

    Hinweis:

    Die Konzerte am 9.7. in Graz und am 11.7. in Wien mussten aus gesundheitlichen Gründen abgesagt werden.

    Link:

    Elvis Costello & The Imposters

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