Täter überführen mit Pollen und Spermien im Fliegenschlund

    4. Juli 2018, 15:09
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    Die Kriminalbiologen Benecke und Weber kommen Tätern mithilfe von Insektenlarven und Blütenpollen auf die Spur

    foto: getty images / istock / els van der gun
    Schmeißfliegen werden durch Verwesungsgerüche angelockt, ihre Larven lassen auf den Todeszeitpunkt schließen.

    Es klopft an der Tür. Der Mörder kommt mit einem Strauß Lilien. Deren Pollen verteilt sich mit der gleichen Geschwindigkeit, wie der Täter sein Opfer ersticht. Eingerollt im Teppich, über einige Tage im Kofferraum gelagert, wird die Leiche an einen Waldrand gelegt. Jetzt heißt es schnell sein. Während Insekten, Pilze und Bakterien die Leiche besiedeln, müssen Biologen komplexe Zusammenhänge verstehen. Denn es macht einen gewaltigen Unterschied, ob die Leiche in einer Altbauwohnung oder in einer Blumenwiese verwest. Und wie war das noch gleich mit den Pollen?

    Mark Benecke und Martina Weber sind Biologen, die sich der Forensik verschrieben haben – einer Wissenschaft, die medizinisch-kriminalistische Methoden für die Rechtsprechung nutzt. Der lateinische Begriff "in (medio) foro" – mitten auf dem Markt – kommt aus einer Zeit, als Gerichtsverfahren im öffentlichen Raum stattfanden. Neben bekannten kriminalbiologischen Untersuchungen wie Fingerabdruck, Blutanalyse oder Ermittlung der Leichenliegezeit kommt seit nunmehr zehn Jahren auch die Pollenanalyse zum Einsatz.

    Kriminalfälle aufklären

    Benecke erforscht als Entomologe Insekten und Gliedertiere und ist durch seine Auftritte im Fernsehen und auf Bühnen aller Art – zuletzt im Wiener Rabenhoftheater – Deutschlands berühmtester Kriminalbiologe. Weber ist an der Abteilung für Strukturelle und Funktionelle Botanik der Universität Wien für die Lehre des Blütenstaubs (Palynologie) zuständig. Als eine der weltweit wenigen forensischen Palynologinnen hilft sie bei der Aufklärung von Kriminalfällen mithilfe von Pollen und hat dazu beigetragen, deren kriminalistischen Einsatz im deutschsprachigen Raum zu etablieren.

    foto: ines benecke
    Martina Weber und Mark Benecke helfen bei der Aufklärung kniffliger Fälle.

    Anlässlich von Beneckes Auftritt im Wiener Rabenhoftheater hat der STANDARD die beiden Experten an einen Tisch gebracht. Dabei wird schnell klar, was sie als Biologen verbindet: Sie wollen natürliche Vorgänge offensichtlich werden lassen. Für so etwas wie Ekel ist da kein Platz.

    Unkaputtbarer Pollen

    Abseits der Fundorte experimentieren sie im Labor und entwickeln neue Untersuchungsverfahren. Sowohl Insekten als auch Pollen haben viele Eigenschaften, die sie zu forensischen Werkzeugen machen. Jedes Pollenkorn, dessen einzigartige Wandstruktur den Entstehungsort und Transportbehälter für männliche Keimzellen bildet, erlaubt die Zuordnung zu bestimmten Pflanzengruppen.

    "Während Gräserpollen kilometerweit vom Wind getragen wird, bleibt tierblütiger Pollen – also Pollen, der von Insekten und anderen Tieren aufgenommen wird – leicht am Täter haften", sagt Weber. Die Pollenwand ist chemisch und strukturell so stabil, dass der Pollen Jahrmillionen überdauert und selbst bei verbrannten Leichen oder mehrfach gewaschener Kleidung zu finden ist.

    Larvenalter und Leichenliegezeit

    Wie auch beim Pollen (in der Fachsprache heißt es übrigens immer "der Pollen" und nie "die Pollen") können Insekten räumlich und jahreszeitlich zugeordnet werden. Manche Insekten sind standortgebunden, wohingegen Schmeißfliegen über weite Strecken durch Verwesungsgerüche angelockt werden. Sie sind frühe Leichenbesiedler.

    "Der Klassiker ist: Die Leiche wird in den Teppich eingerollt. Alles ist voll Insekten, die viel darüber erzählen, wo oder wie lange die Leiche an einem Ort gelagert war. Aber die Leute sehen die Tiere nicht. Die Puppen liegen herum, und die meisten halten das für Mäusekot", sagt Benecke.

    Neben den verschiedenen Wachstumsstadien vom Ei über Made und Puppe bis zur Fliege gibt vor allem das Larvenalter Auskunft über die Leichenliegezeit. Bei einem Sexualdelikt können Spermien im Schlund der Fliege nachgewiesen werden, auch wenn das Ejakulat mit der Leiche verfault oder eine Leiche gewaschen ist.

    Pollenanalyse und Präzision

    Die erste schriftliche Überlieferung der forensischen Entomologie stammt aus China im Jahr 1247. Ein Leichnam zeigte Sichelwunden, woraufhin der Untersuchungsrichter sieben Verdächtige samt ihren Werkzeugen zu sich orderte. Auf eine der Sicheln flog eine Schmeißfliege. Ohne sichtbare Blutspuren war der Täter überführt. "Das Besondere daran war, dass der Untersuchungsrichter wie in Fernsehkrimis polizeilich-richterliche Kompetenzen hatte und naturwissenschaftliche Techniken verwendete", sagt Benecke.

    foto: getty images / istock / man_at_mouse
    Pollen (hier unter dem Mikroskop) sind selbst in verbrannten Leichen zu finden.

    Der weltweit erste Fall, bei dem eine Pollenanalyse den entscheidenden Hinweis zur Aufklärung eines Mordes brachte, spielte sich 1959 in Österreich ab. Der bereits gefasste Täter führte die Polizei mehrmals auf die falsche Fährte, um einen ungehinderten Verwesungsprozess des Opfers zu ermöglichen.

    Wilhelm Klaus, seinerzeit Paläobotaniker an der Uni Wien, untersuchte die Schuhe des Tatverdächtigen. Neben vielen anderen Pollenkörnern fand er ein fossiles Hickorynuss-Korn. Das konnte nur im Raum Spillern an der Donau auf die Schuhe gelangt sein.

    Der mit dieser präzisen Angabe konfrontierte Verbrecher führte daraufhin die Polizei zur Leiche. "Um Material aufzunehmen, zog sich Klaus einen weißen Labormantel an und wälzte sich am Boden", erzählt Weber, die zuletzt ein vom Wissenschaftsfonds FWF gefördertes Projekt zu Pollenübertragung auf Schuhe durchführte.

    Versteckte Maden

    Mittlerweile ist der Pollen im österreichischen Tatortleitfaden fest etabliert. "Zur Probenentnahme vom Boden braucht man nur einen Handschuh und ein Sackerl. Auch an Klebefolie bleibt Pollen hängen", erklärt Weber. Benecke wirft die gefundenen Tiere noch vor Ort in Brennspiritus. Beide müssen schnell sammeln. Nichts darf verunreinigt werden.

    "Wir nehmen eine Bodenprobe direkt unter dem Toten sowie Vergleichsmaterial in näherer und weiterer Entfernung", sagt Weber. Benecke muss oft tiefer nach Insekten graben. "Die Maden verstecken sich in Ritzen, bilden Schichten oder liegen als unscheinbare Puppen herum. Im Grunde braucht es eine kindliche Wahrnehmung und großen Spaß am Suchen und Sortieren von Tieren ohne Beine und Flügel", sagt Benecke. Im Labor bestimmt er dann die gefundene Beute.

    Weber wiederum kocht den Pollen in einem Säuregemisch. Dabei wird alles bis auf die nun braun gefärbte Pollenwand zersetzt. Unter dem Lichtmikroskop zählt sie je Probe zumindest 300 Pollenkörner und wertet die Pollentypen statistisch aus. Seltene oder abnorme Typen werden dabei zur Zeigerart. Während man den der Föhre fast überall findet, kann eine seltene tropische Zimmerpflanze oder ein Blumenstrauß den Täter überführen.

    In Gerichtsverhandlungen nutzen beide Biologen zur Veranschaulichung Bilder. "Juristen erklären sehr abstrakt und Naturwissenschafter sehr konkret. Da trifft man sich am besten mit einem Bild", sagt Benecke.

    Eine große Herausforderung für die Kriminalbiologen ist der Klimawandel, schließlich ist die Leichenbesiedlung stark umweltabhängig und variiert je nach Standort. "Selbst wärmeliebende Erstbesiedler werden von der Sonne weggeballert", sagt Benecke – und Weber ergänzt: "Wenn alles wärmer und feuchter wird, verrottet auch Pollen schneller." (Sandra Fleck, 4.7.2018)

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