Auch Primarärzte sind letztlich Primaten

    7. Juli 2018, 18:00
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    US-Forscher analysierten das Teamwork von Menschen im Operationssaal mit Beobachtungsmethoden aus der Primatologie – und fanden Parallelen

    Atlanta – Doktor Zira aus "Planet der Affen", selbst praktizierende "Tierärztin", wäre über den Vergleich mit Menschen vermutlich nicht erbaut. Aber Primaten sind eben Primaten und verhalten sich auch so: Zu diesem Befund kamen US-Psychologen, nachdem sie Beobachtungsmethoden aus der Primatenforschung auf Studienobjekte angewandt hatten, die ein menschenmögliches Höchstmaß an intellektuellen und manuellen Fertigkeiten verkörpern – nämlich auf Operationsteams in Krankenhäusern.

    Man könnte schon vorab argumentieren, dass alles wie ein Nagel aussieht, wenn man als einziges Werkzeug einen Hammer hat. Wie das Psychologenteam um Laura K. Jones von der Emory University zu seinem in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" veröffentlichten Schluss kam, möchte man dann aber doch irgendwie wissen.

    Primatologische Perspektive

    In ihrem Projekt "Operating Room Primatology" nahmen die Forscher das Zusammenspiel von OP-Teams während 200 chirurgischer Eingriffe unter die Lupe. Die Teams waren hierarchisch strukturiert und gemischtgeschlechtlich zusammengesetzt und umfassten das gesamte medizinische Personal von Chirurgen über Assistenten und Anästhesisten bis zu OP-Pflegern.

    Frühere Studien über Teamwork im OP hatten auf Fragebögen und die persönlichen Einschätzungen der Teammitglieder gesetzt. Das wollte man mit dem primatologischen Ansatz umgehen und zu unverfälschteren Ergebnissen kommen, wie Frans de Waal, Seniorautor der Studie, erklärt. Die Forscher erstellten daher sogenannte Ethogramme: Sie dokumentierten penibel all die kleinen spontanen Interaktionen, die zwischen den Teammitgliedern während einer OP liefen, und fokussierten dabei auf Kooperation versus Konflikt.

    Als kooperatives Verhalten wurden beispielsweise Komplimente, kleine Scherze auf niemandes Kosten, verbale Unterstützung und ähnliches gewertet. Konfliktäre Interaktionen waren unter anderem respektlose Ansprachen, Gebrüll oder Scherze auf Kosten des anderen. Die Studie wurde von 2014 bis 2016 an drei verschiedenen Kliniken durchgeführt und umfasste 400 Personen sowie insgesamt 6.348 Interaktionen.

    Die Ergebnisse

    Eines der Ergebnisse war der – ebenso erfreuliche wie eigentlich selbstverständliche – Umstand, dass kooperatives Verhalten das konfliktäre bei weitem überwog. Selbst Konflikte müssen aber nicht rein negativ bewertet werden, betonen die Forscher: Sie können auch zu Problemlösungen und Lerneffekten führen.

    Als spannendstes Resultat betrachten die Forscher aber den Umstand, wie die geschlechtliche Zusammensetzung das Zusammenspiel beeinflusst. Dabei würden sich nämlich drei durchaus vertraute Muster abzeichnen.

    1) Konflikte verlaufen zumeist von oben nach unten über mehrere Stufen der Hierarchie hinweg. Außerdem finden sie eher zwischen den Angehörigen desselben Geschlechts als zwischen den Geschlechtern statt.

    2) Mit der Anzahl der männlichen Teammitglieder steigt auch die Zahl der konfliktären Interaktionen. Sind mehr Frauen im Team, steigt auch das kooperative Verhalten.

    3) Der Kooperation besonders förderlich ist es offenbar, wenn das "Alphatier" in Person des Chefchirurgen respektive der Chefchirurgin ein anderes Geschlecht hat als die Mehrheit der übrigen Teammitglieder.

    All diese Muster von Hierarchie, Konflikt und Kooperation kennt man – nämlich vom Studium nichtmenschlicher Primaten. De Waal fasst es kurz und bündig zusammen: Der Operationssaal sei ein Mikrokosmos von typischem Primaten-Sozialverhalten. (jdo, 7. 7. 2018)

    • Nein, das ist kein Studienteilnehmer, sondern ein kostümierter Besucher der Comic-Con in San Diego.
      foto: ap photo/denis poroy

      Nein, das ist kein Studienteilnehmer, sondern ein kostümierter Besucher der Comic-Con in San Diego.

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