1968: Es war dann doch ein gutes Jahr

    21. Juli 2018, 14:00
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    Revolten in Europa, Bürgerrechtsbewegung in den USA, sowjetische Niederschlagung des Prager Frühlings. Doch auch automobilhistorisch war 1968 revolutionär

    Aufruhr in den Straßen, die Welt steht in Flammen. Die unruhige Dekade kulminiert in einem Jahr der Revolte. Am 16. März begehen die US-Streitkräfte ein schweres Kriegsverbrechen in My Lai, Südvietnam. Am 3. April verüben Andreas Baader und Gudrun Enslin Brandanschläge auf Kaufhäuser in Frankfurt am Main, erstes Wetterleuchten des RAF-Terrors. Am 4. April wird Martin Luther King, Frontman der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, ermordet.

    Prager Frühling

    Am 11. April schießt Josef Bachmann SDS-Studentenführer Rudi Dutschke nieder. Am 22. März schließen sich Maoisten, Trotzkisten, Anarchisten in Nanterre zum "Mouvement du 22 mars" zusammen, im Mai eskalieren die Studentenunruhen, Gewerkschaften überziehen Frankreich im Schulterschluss mit den Studenten mit einer Streikwelle, davon betroffen ist auch der staatsnahe Automobilhersteller Renault. Die Studentenbewegung in der BRD entsteht parallel dazu (und die in USA, Japan, Mexiko), flugs machen die Protagonisten auf Wandervogel und treten ihren langen Marsch durch die Institutionen an. Im August wird der Prager Frühling durch den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen niedergeschlagen.

    In diesem Klima, diesem Milieu, hier nur in wenigen Stichworten angerissen, in der die Linken nach der Macht griffen, griffen die Techniker nach den Sternen: Der erste bemannte Mondflug, Apollo 8, fand Ende '68 statt (quasi im Gegenzug kam davor, im März, der erste Mensch im All, Juri Gagarin, bei einem Flugzeugabsturz ums Leben), am 21. Juli 1969 betrat mit der Apollo-11-Mission erstmals der Mensch den Mond, Neil Armstrong und so.

    Man glaubte noch an fliegende Autos, an solche mit Miniatommeiler zum Antrieb. In der wahren Welt, jener der greifbaren Dinge, fernab der Fiktionen, nahmen indes etliche legendäre Automobile Gestalt an, und damit sind wir beim Thema. Im Jahr der Revolte, was sonst noch geschah. Es ist ein Aufmarsch der Legenden.

    Wankel und Stromlinie

    1968 also. Auto des Jahres in Europa ist der 1967 lancierte NSU Ro 80. Er wird gleich einmal NSU das Genick brechen, der 115-PS-Wankel hat aufgrund eines Konstruktionsfehlers (die Dichtleisten) laufend Totalschäden. Ro-80-Fahrer grüßen sich mit fröhlich hochgereckten Fingern – schau her, ich hab' schon den dritten, vierten Murl unter der Haube. Ansonsten ist das Auto mit seiner Stromlinienform ein genialer Wurf, speziell stilistisch, mit Prägkraft über Jahrzehnte, selbst heute noch steht der NSU ästhetisch blendend da.

    Mehr Glück mit dem Wankel hat Mazda. Man bringt – ebenfalls 1967 – den 110 S Cosmo Sport mit Zweischeibenwankelmotor in Stellung. Ab 1968 wird der Zweisitzer mit längerem Radstand gebaut, mit dann 128 PS; Fans kennen den Cosmo vor allem in dieser Erscheinungsform.

    Erste Japaner

    Erwähnenswert ist der lässige Mazda auch deshalb, weil die Autobauer des Fernost-Inselreichs, allesamt Newcomer, damals ihren Siegeszug um die Welt antreten und die Marke aus Hiroshima auch die erste japanische in Österreich war: Der Auftakt erfolgte 1969 mit der Limousine 1500.

    Hier geht es um die 50-Jahr-Jubilare. Exemplarisch herausgesucht und nach nationaler Herkunft sowie alphabetisch gelistet wären das: Audi 100, BMW 2500, Ford Capri, Opel GT, Mercedes 300 SEL 6.3, VW 411 (Deutschland); Citroën Mehari, Peugeot 504, Renault 6 (Frankreich); Jaguar XJ (Großbritannien).

    Objekte der Begierde

    Beginnen wir mit dem XJ. Er kommt vielleicht nicht ganz an den Geniestreich E-Type (1961-1974) heran, der Mark-2-Nachfolger ist aber dennoch einer der bedeutendsten Beiträge Jaguars, mit ungebrochener Modellhistorie bis heute. Das Erscheinungsbild der very british noblen Limousine mit dem charakteristischen Vieraugengesicht (nur der XJ40 hat Vierkantleuchten, 1986-1994) wird bis 2009 weitertradiert, ähnlich, wie Porsche mit dem 911 verfährt. Erst dann macht das Design einen radikalen Schnitt. Und der '68er-XJ ist natürlich längst ein Objekt der Begierde in Oldtimerkreisen.

    Enthüllt wird der XJ am 26. September 1968 auf dem Pariser Autosalon, womit wir in Fronkreisch wären, dem Hauptland der Revolte, wieder einmal. Citroën Mehari. Der lustige Plastikbomber zählt letztlich auch zu den großen Würfen des avantgardistischen Herstellers. Ein vielseitiges, auch mit Allrad erhältliches Freizeitmobil auf Dyane-Basis, für Vortrieb sorgt der aus 2CV und Dyane bekannte, luftgekühlte 0,6-Liter-Zweizylinder-Boxer, in dem Fall mit 30 PS.

    Knickheck

    Einer der legendärsten Peugeots aller Zeiten fährt ebenfalls '68 vor, der 504. Der Knickheck-Franzose, dessen unverwechselbares Design Pininfarina verantwortet, wird auch als "König der Löwenmarke" bezeichnet. In 37-jähriger Bauzeit verkauft er sich 3,7 Millionen Mal. Der Allerletzte rollte 2005 in Nigeria vom Band, er erhielt einen Ehrenplatz im Fundus des Peugeot-Museums in Sochaux. Ihr drittes, viertes Leben verbringen 504er bis heute massenhaft in Nordafrika.

    Daneben – und neben dem R4 – verblasst der auch 1968 lancierte R6. Unerwähnt gelassen sei der Renault dennoch nicht – ebenso wenig wie der VW 411 (Typ 4), diese technisch gewissermaßen reaktionäre Mittelklasse mit luftgekühltem Vier-Zylinder-Boxer und Heckantrieb, mit dem sich VW letztlich nicht eben mit Ruhm bekleckert, und damit sind wir bei der Riege der deutschen '68er-Legenden. Opel GT! Ford Capri! Audi 100! BMW 2500 (E3)! Mercedes 300 SEL 6.3!

    GT, diese kultige Mini-Corvette, und Capri, dieses knackige Aufreißer-Sportcoupé, was hatten die für einen Ruf. Und wie sehr fehlt beiden Herstellern heute etwas vergleichbar Emotionsaufgeladenes.

    Audi und BMW

    Audi legt mit dem 100 (Vorfahre des A6) die Basis für den heutigen Stellenwert der Marke, die Limousine ist ein Fronttriebler, was damals noch recht selten ist. BMW bleibt mit dem großen 2500 (Nachfolger des "Barockengels" 3200 S, Vorläufer des 7ers) beim Hinterradantrieb, die elegante Oberklassenlimousine mit Reihen-Sechs-Zylinder signalisiert zugleich, dass die bedrohliche Schieflage der späten '50er endgültig passé ist, von da an geht's steil bergauf. Bis heute.

    Und mit dem Bonzomobil Mercedes 300 SEL 6.3, auch der ein legendäres Automobil mit weiland überwältigender Leistung (250 PS, V8; die AMG-Rennsportversion hatte den Beinamen "Rote Sau"), schließen wir den kleinen Rundgang. Die knallrote RAF wird erst etwas später Mercedes-Limousinen ins Bombenvisier nehmen.

    Fazit 1968: Es war dann letztlich doch ein gutes Jahr. (Andreas Stockinger, 21.7.2107)

    • 1968 erschüttern Revolten die halbe Welt, ...
      foto: ap

      1968 erschüttern Revolten die halbe Welt, ...

    • ... besonders heftig im Mai in Frankreich, wo unter anderem auch Renault bestreikt wird.
      foto: afp

      ... besonders heftig im Mai in Frankreich, wo unter anderem auch Renault bestreikt wird.

    • Europas damaliges Auto des Jahres ist der 1967 erschienene NSU Ro 80.
      foto: nsu

      Europas damaliges Auto des Jahres ist der 1967 erschienene NSU Ro 80.

    • Lanciert wurden 1968 Legenden wie Opel GT, ...
      foto: opel

      Lanciert wurden 1968 Legenden wie Opel GT, ...

    • ... Ford Capri ...
      foto: ford

      ... Ford Capri ...

    • ... Jaguar XJ, ...

      ... Jaguar XJ, ...

    • ... Citroën Méhari, ...
      foto: citroën

      ... Citroën Méhari, ...

    • ... Peugeot 504, ...
      foto: peugeot

      ... Peugeot 504, ...

    • ... Mercedes 300 SEL 6.3 ...
      foto: daimler

      ... Mercedes 300 SEL 6.3 ...

    • ... und Mazda Cosmo L10B.
      foto: mazda

      ... und Mazda Cosmo L10B.

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