Sensation: Russland nach Elferschießen gegen Spanien im Viertelfinale

    1. Juli 2018, 18:50
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    Den Spaniern versagten nach einem 1:1 über 120 Minuten zweimal die Nerven vom Punkt

    Moskau/Luschniki – Das sechste Treffen zwischen der Furia Roja und der Sbornaja erforderte mehr Geduld und Leidensfähigkeit als erwartet. Die Favoritenrolle war deutlicher vergeben als damals, vor dem Wiener Halbfinale der EM 2008, das die späteren Europameister gegen das Überraschungsteam des Turniers rund um Andrej Arschawin mit 3:0 gewannen.

    Einen wie den "kleinen Zaren" hat Russland Coach Stanislaw Tschertschessow derzeit nicht, die Nation hatte aber zumindest aus den ersten beiden Gruppenspielen Hoffnung geschöpft und das dritte, das 0:3 gegen Uruguay, fast vergessen, als am Sonntag vor vollem Luschniki-Stadion zu Moskau (78.011 Zuseher) angepfiffen wurde.

    foto: apa/afp/mladen antonov
    Russland hat nicht so oft den Ball.

    Die Spanier dominierten von Beginn an, und zwei, die schon 2008 im Happel-Stadion mit dabei gewesen waren, spielten bei der ersten wichtigen Szene Hauptrollen. Nach einem Freistoß hängte sich Sergei Ignaschewitsch ziemlich patschert im russischen Strafraum an Spaniens aufgerückten Kapitän Sergio Ramos. Die beiden fielen zu Boden, der Ball aber ins Tor, ehe es zu einem Elferpfiff kommen konnte. Ignaschewitsch trug sich als zehnter Spieler in die Eigentorliste dieser WM ein (12.).

    Angesichts des spielerischen Vermögens der Iberer war das Schlimmste für die Gastgeber zu befürchten, aber die Mannschaft von Fernando Hierro begnügte sich zunächst mit der Verwaltung der Führung – den Ausbau überließ man leichtsinnigerweise dem Zufall. Der ist bekanntlich ein Hund. Er schlug sich nach ziemlich zähen 30 Minuten, in denen die Russen nur einmal bei einem Schuss von Alexander Golowin gefährlich wurden, auf die Seite der Unterlegenen.

    foto: apa/afp/juan mabromata
    Vor dem Elfer.

    Nach einem Eckball kam Riese und Publikumsliebling Artjom Dsjuba per Kopf an den Ball. Gerard Piqué, mit dem Rücken zum Gegner, fuchtelte mit dem Armen und stoppte mit der Linken, vermutlich unabsichtlich, den Ball. Der niederländische Referee Björn Kuipers konnte gar nicht anders, als Elfmeter zu geben. Das 21. Elfertor der WM erzielte Dsjuba selbst (41.).Nach Seitenwechsel machten sich die Spanier an den Ausbau ihrer Überlegenheit punkto Ballbesitz, mehr als 70 Prozent waren es schon davor gewesen.

    Allein, selbst mit Andres Iniesta, der für David Silva gekommen war, wollten sich kaum zündenden Ideen gegen die stur verteidigenden, jeglichem Konterversuch abholden Russen einstellen. Eine gute Gelegenheit vergab Isco (58.) selbst, einen Schuss Iniestas aus rund 18 Metern parierte Goalie Igor Akinfejew ebenso wie den Nachschuss von Iago Aspas, der für den diesmal blassen Diego Costa gekommen war (85.).

    foto: apa/afp/kirill kudryavtsev
    Spanien brachte es nicht ins Tor.

    Die Igeltaktik der Sbornaja, die nur einmal durch Fjodor Smolow ernsthaft aufs spanische Tor geschossen hatte (93.), bescherte eine Verlängerung – auch für die Hoffnungen der Nation.Die Verlängerung brachte zunächst einen historischen vierten Wechsel der Russen – seit dieser WM ist da nach der regulären Spielzeit erlaubt. Die Spanier setzten ihr espritloses Anrennen fort, Coach Fernando Hierro wechselte ebenfalls zum vierten Mal, Rodrigo kam. Die Russen schleppten sich Richtung Elferschießen wie ein Verdurstender zur Wasserstelle am Horizont.

    Valencias Rodrigo brachte neuen Schwung, aber nicht genug, um im strömenden Regen das Elfmeterschießen abzuwenden. Russland hatte sein Ziel erreicht, das Goalieduell lautete Akinfejew gegen David De Gea. Iniesta und Piqué bzw. Fedor Smolow und Ignaschewitsch trafen, ehe Koke für Spanien vergab. Golowin und Ramos behielten danach die Nerven, aber auch Denis Tscherischew ließ sich nicht beirren. Und als Akinfejew gegen Aspas parierte, war die Sensation perfekt. (lü, 1.7.2018)

    foto: reuters/shemetov
    Ein Tag in Moskau.

    Fußball-WM in Russland, Achtelfinale:

    Spanien – Russland 1:1 (1:1,1:1) nach Verlängerung, 3:4 im Elfmeterschießen. Moskau, Luschniki-Stadion, 78.011 (ausverkauft), SR Kuipers/NED.

    Tore: 1:0 (12.) Ignaschewitsch (Eigentor), 1:1 (41.) Dsjuba (Elfmeter)

    Elfmeterschießen:

    1:0 – Iniesta trifft

    1:1 – Smolow trifft

    2:1 – Pique trifft

    2:2 – Ignaschewitsch trifft

    2:2 – Koke scheitert an Akinfejew

    2:3 – Golowin trifft

    3:3 – Ramos trifft

    3:4 – Tscheryschew trifft

    3:4 – Aspas scheitert an Akinfejew

    Spanien: De Gea – Nacho (70. Carvajal), Pique, Ramos, Alba – Koke, Busquets – Silva (67. Iniesta), Isco, Asensio (104. Rodrigo) – Diego Costa (80. Aspas)

    Russland: Akinfejew – Fernandes, Kutepow, Ignaschewitsch, Kudriaschow, Schirkow (46. Granat) – Samedow (61. Tscheryschew), Kusjajew (97. Jerochin), Sobnin, Golowin – Dsjuba (65. Smolow)

    Gelbe Karten: Pique bzw. Kutepow, Sobnin

    Stimmen:

    Stanislaw Tschertschessow (Russland-Teamchef): "Emotionen sind während einem Spiel da, aber jetzt denke ich schon an das nächste Spiel. So einfach ist das. Ich glaube auch, dass es erst der Anfang ist, deshalb muss ich mir Emotionen noch aufsparen. Die Spanier wissen, wie sie den Gegner vom Ball fernhalten, das Spiel kontrollieren, aber wir haben gewonnen. Ich hatte eine Idee und die Spieler waren überzeugt davon. Spanien ist in verschiedenen Bereichen besser als wir, deshalb haben wir gewusst, dass wir nicht viel Risiko gehen dürfen und gut verteidigen müssen. Hätten wir eine andere Taktik gewählt, hätten wir vielleicht nicht reüssiert. Ich danke Gott dafür, dass meine Strategie funktioniert hat. Ich hoffe, dass unser Gegner auch 120 Minuten spielen wird, damit wir gleiche Voraussetzungen haben. Wer kommt, können wir nicht beeinflussen, wir werden jedenfalls vorbereitet sein. Wir hätten uns auch Spanien nicht ausgesucht, und haben sie besiegt. Ich glaube, dass Schirkow sein letztes Spiel gespielt hat. Möglicherweise könnte er bis zum Finale fit werden, sollten wir dieses erreichen."

    Igor Akinfejew (Russland-Tormann): "Es ist völlig Leere da, Leere vor Freude. Wir haben ab der zweiten Hälfte mit allen Mitteln versucht unser Tor zu verteidigen, das haben wir geschafft. Wir haben natürlich auf das Elfmeterschießen gehofft, da es schwer ist, die spanische Nationalmannschaft zu besiegen. Wir haben gewonnen, ein herzliches Dankeschön für die Unterstützung der Fans. Wenn man die Atmosphäre hier sieht, es wird ein wahres Fußballfest gefeiert."

    Fernando Hierro (Spanien-Teamchef): "Fußball ist so, wir sind in der K.o.-Phase. Ich glaube, dass wir eine sehr gute Partie gespielt haben, von der ersten bis zur letzten Minute alles versucht haben, um Chancen zu kreieren. Wir haben gewusst, dass es schwierig wird, aber ich denke, dass wir genug Chancen hatten, um mehr Tore zu machen. Details haben gefehlt. Das Elfmeterschießen ist dann eine Lotterie. Ich bin stolz auf alle meine Spieler, auf alles, was sie getan haben. Die Mannschaft hat eine gute Mentalität. Ich bin natürlich als Trainer verantwortlich für die Leistung, wir werden uns im Verband alles genau anschauen. Das wir ausgeschieden sind, lag nicht an mir und nicht am Trainerwechsel."

    Sergio Ramos (Spanien-Kapitän): "Das ist extrem hart für uns. Es gibt viele Arten zu verlieren. Es haben ein paar Details gefehlt. Es war eine sehr harte, sehr physische Partie. Wir haben fast die ganze Partie dominiert. Wir haben schon vorher gewusst, dass es sehr, sehr schwierig wird. Jeder Spanier kann stolz sein. Wir haben alles gegeben, unser ganzes Herz. Wir fahren mit erhobenem Haupt nach Hause. Es ist schmerzhaft, aber wir werden wieder zurückkommen."

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