Rauchloser Tabak: Snus nicht verdammen

    Userkommentar3. Juli 2018, 13:20
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    Warum die Aussage, wonach jede Art von Tabak gleichermaßen schädlich ist, wissenschaftlich nicht haltbar ist

    DER STANDARD hat einen Artikel, basierend auf einer Meta-Analyse eines Forscherteams des National Institute of Cancer Prevention and Research in Noida, Indien, veröffentlicht, der besagt, dass rauchfreier Tabak – hierzu zählt auch Snus, also Tabak in Beutelchen, die in den Mund genommen werden – einen negativen Einfluss auf die Herz-Kreislauf-Gesundheit hat. Rauchfreier Tabak sei demnach genauso gefährlich wie Zigarettenrauchen.

    Als wissenschaftlicher Leiter des Nikotin-Instituts Wien beschäftige ich mich seit mehr als 20 Jahren mit den Themen Prävention, Ausstieg aus dem Rauchen, aber auch der Reduktion tabakassoziierter Schäden. Deshalb sei mir erlaubt, hier einige Dinge klarzustellen: Nicht alle Tabakprodukte weisen das gleiche Gefährdungspotenzial auf. Dies würde die Angelegenheit auch zu einfach machen: So zum Beispiel ist Snus ein traditionell in Schweden hergestelltes und das wissenschaftlich wohl meistuntersuchte rauchfreie Tabakprodukt. Die Verwendung ist nach Meinung vieler Experten um mindestens 90 Prozent ungefährlicher als das Rauchen von Zigaretten.

    "Die schwedische Erfahrung"

    Hier ein paar Fakten: In Schweden hat Snus – in Österreich ist der Vertrieb nicht erlaubt – in den vergangenen Jahrzehnten insbesondere in der männlichen Bevölkerung die Zigaretten als das am meisten konsumierte Tabakprodukt abgelöst. Die Raucherprävalenz bei männlichen Personen ist auf ein internationales Rekordtief von fünf Prozent gefallen, während der Anteil derjenigen, die täglich Snus konsumieren, bei rund 20 Prozent liegt. In Österreich finden wir weiterhin je nach Umfrage 25 bis 30 Prozent Tabakkonsumentinnen und -konsumenten, davon wohl die überwiegende Mehrheit Raucherinnen und Raucher.

    Diese Veränderung der Tabakkonsumgewohnheiten in Schweden hat dazu beigetragen, dass schwedische Männer die niedrigste tabakbedingte Mortalität in ganz Europa aufweisen. Die Rate an Mund- und Bauchspeicheldrüsenkrebs ist ebenfalls beispiellos niedrig. Diese Entwicklung wird in der Literatur oft als "die schwedische Erfahrung" bezeichnet.

    Keine Krebswarnung auf Snusdosen

    In den vergangenen 30 bis 40 Jahren wurden die gesundheitlichen Auswirkungen von schwedischem Snus in Schweden eingehend wissenschaftlich erforscht. Unabhängige Forschergruppen an mehreren schwedischen Universitäten kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Diese zeigen zum einen, dass es keinen nennenswerten Zusammenhang zwischen dem Konsum von schwedischem Snus und Krebserkrankungen, einschließlich Mundhöhlenkrebs beziehungsweise Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Herzinfarkt, Schlaganfall), gibt.

    Dies war auch der Grund, weshalb die europäischen Gesundheitsbehörden bereits 2001 (!) entschieden haben, die Krebswarnung von Snusdosen zu entfernen. Da beim Snuskonsum kein Tabakrauch inhaliert wird, besteht zum anderen auch keine nennenswerte Verbindung zwischen Snus und chronischen Lungenerkrankungen wie etwa COPD, chronischer Bronchitis und Lungenemphysem. Die drei Krankheitsgruppen Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und chronische Lungenerkrankungen sind für rund 90 Prozent der erhöhten Mortalität im Zusammenhang mit Zigarettenrauchen verantwortlich.

    Spekulative Effekte

    Dies eröffnet die wissenschaftliche Diskussion: Welche Bedeutung kommt Snus – und anderen alternativen nikotinhältigen Produkten wie zum Beispiel E-Zigaretten oder neuen Heat-not-burn-Produkten im Hinblick auf eine Verminderung der tabakbedingten Schäden sowohl auf individueller als auch gesellschaftlicher Ebene zu?

    In einigen Studien wurde ein prognostisch ungünstiger Effekt von Snuskonsum bei Patienten mit einer diagnostizierten Herz-Kreislauf-Erkrankung erwähnt. Die Forscher selbst wiesen darauf hin, dass diese Beobachtungen möglicherweise eher auf methodische Schwächen als auf einen tatsächlichen nachteiligen Effekt von Snus zurückzuführen sind. Solche ungünstigen Effekte von Snus bleiben somit spekulativ. Dem Mediziner sei erlaubt anzumerken, dass bei fortgeschrittener Herzerkrankung viele Aktivitäten kontrovers diskutiert werden. (Ernest Groman, 3.7.2018)

    Ernest Groman ist Arzt und Universitätsdozent an der Medizinischen Universität Wien sowie wissenschaftlicher Leiter des Nikotin-Instituts Wien.

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    • Nicht alle Tabakprodukte weisen das gleiche Gefährdungspotenzial auf.
      foto: istockphoto.com, björn forenius

      Nicht alle Tabakprodukte weisen das gleiche Gefährdungspotenzial auf.

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