"Report" ging "durchaus respektvoll" mit Kickls "Dauerpressing" um

    Interview3. Juli 2018, 07:09
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    Susanne Schnabl und Wolfgang Wagner über Politiker, die korrekte Fragen infrage stellen, und ihre Pläne für das ORF-Magazin

    Das "Report"-Interview mit Innenminister Herbert Kickl (FPÖ) beschäftigte auch die obersten ORF-Aufseher: Im Programmausschuss des Stiftungsrats vermisste der bürgerliche Künstlermanager Herbert Fechter Respekt und Höflichkeit im Umgang mit dem obersten Exekutivorgan. Moderatorin Susanne Schnabl-Wunderlich habe Kickl zu oft und zu harsch unterbrochen.

    Musste sie, sagen Schnabl und Wolfgang Wagner im STANDARD-Interview. Wagner (50) ist neuer Chef des ORF-Politikmagazins, nach 16 Jahren bei der "ZiB 2", nach zehn als Sendungsverantwortlicher. Schnabl-Wunderlich (38) moderiert den "Report" seit 2012, sie bleibt Vizechefin. Im Frühjahr veröffentlichte sie im Verlag Brandstätter das Buch "Wir müssen reden. Warum wir eine neue Streitkultur brauchen".

    STANDARD: Zu Innenminister Herbert Kickl waren Sie vorige Woche "unhöflich" und ließen "Respekt" vermissen – fand jedenfalls der bürgerliche ORF-Stiftungsrat Herbert Fechter, weil Sie Kickl mehrfach unterbrochen haben.

    Schnabl: Wenn ich faktenbasiert frage, aber die Korrektheit der Frage infrage gestellt wird, dann bleibt mir als Interviewerin nichts anderes übrig, als das richtigzustellen.

    Wagner: In der "ZiB 1" zuvor hat der slowenische Regierungschef die Grenzschutzübung als Provokation bezeichnet. Kickl hat daraufhin erklärt, warum er besser weiß, dass die slowenische Regierung das anders sieht.

    Schnabl: Und wenn Antworten in einer Acht-Minuten-Interviewstrecke bis zu 2.30 Minuten dauern, dann könnten wir nur drei Fragen stellen. Ein Interview ist kein Gespräch – da muss man in einer sehr begrenzten Zeit sehr komplexe Themen abhandeln, und das wissen Politiker freilich. Und zur Unhöflichkeit: Ich habe sogar zweimal eingeleitet mit: Darf ich eine Frage stellen?

    Wagner: Wir laden einen Politiker ein, aber wir haben eine Vereinbarung mit Dritten, dem Publikum. Wir vereinbaren mit dem Politiker, über welche Themen geredet wird. Wenn sich zeigt, dass sich das aufgrund sehr langer Antworten nicht ausgeht, dann haben wir im Interesse des Publikums dafür zu sorgen, dass die relevanten Fragen noch Platz haben. Ich habe das Interview als durchaus respektvoll empfunden.

    Schnabl: Ich hab übrigens auch viele gegenteilige Reaktionen bekommen, dass der Minister unhöflich im "Report" aufgetreten sei.

    Wagner: Ich habe das – in der Fußballsprache – als Dauerpressing empfunden. Das war seine Strategie ...

    Schnabl: ... und das ist ja auch in Ordnung. Aber man muss mit Fakten dagegenhalten. Vor fünf Wochen war Kickl ebenfalls zum Thema Migration und Asyl zu Gast im "Report", und das Gespräch wurde als vorbildlich informativ gelobt. Die Qualität von Interviews liegt nicht allein am Interviewer, sondern auch am Interviewten.

    STANDARD: Wolfgang Wagner ist neuer Sendungschef des "Report" – was haben Sie denn gemeinsam vor?

    Wagner: Wir wollen die Sendung sein, die Materien am tiefsten begreifbar und verständlich macht. Der Überbegriff ist für mich Verständnis. Nur in Formaten wie diesem kann man in Milieus, in Blasen hineinschauen. Wir gehen stellvertretend dorthin, wo viele leider nicht mehr hinkommen, und geben dem Publikum die Möglichkeit, Dinge nachzuvollziehen, vielleicht sogar nachzuempfinden.

    Schnabl: Es geht darum, den Menschen auch die andere Perspektive zu vermitteln. In den sozialen Medien herrscht eine Frontstellung gegenüber Andersdenkenden, aber wer geht schon in ein anderes Milieu, um etwa am Wirtshaustisch mit politischen Gegnern zu diskutieren? Das Magazin kann das größtmögliche Bild eines Themas liefern. Das wollen wir tun. Das gibt es nur hier, im Privatfernsehen bietet das niemand.

    STANDARD: Verständnis kann ja neben dem inhaltlichen Verstehen auch Empathie bedeuten.

    Wagner: Ich will niemanden überzeugen. Bei jeder Differenz soll man aber verstehen, warum der andere anderer Meinung ist. Das fällt immer schwerer. Die Menschen tauschen sich nur noch mit Gleichgesinnten aus. Wenn man etwas so nahe gebracht bekommt, fällt es vielleicht einfacher zu verstehen: In dieser Lebenssituation hat der diese politische Entscheidung getroffen. Auch wenn man es selbst nicht so machen würde.

    Schnabl: In einer Nachrichtensendung kann man nur die Spitzen der Argumentation abbilden. Wir wollen darüber hinausgehen und die maximale Fülle an Argumenten abbilden, damit ich als Zuschauer die Diskursbasis habe, um mir meine Meinung zu bilden. Dem Vorwurf der Einseitigkeit kann man nur begegnen, indem man noch mehr in die Tiefe geht.

    STANDARD: Wie hat man sich das konkreter vorzustellen?

    Wagner: Wir planen jeweils vertiefende Themenschwerpunkte. Das können 30 von den 50 Sendeminuten werden. Heute sehen wir uns – zwei Tage vor dem Beschluss – den Zwölfstundentag näher an, im Studio und vor Ort in Beiträgen. In der letzten Sendung sind wir beim Thema Deutschklassen zu den Praktikern und den Betroffenen gegangen, haben zugehört und uns die zwei Modelle vor Ort angeschaut. Daraus können die Leute Schlüsse ziehen.

    STANDARD: Sie haben sich beide um die Funktion des "Report"-Chefs beworben – wie arbeitet sich's nun zusammen als Chef und Stellvertreterin?

    Schnabl: Wirken wir wie Konkurrenten? Unsere Konzepte ergänzen einander großartig, und es gibt darin auch viel Übereinstimmung. Der "Report" muss sich weiterentwickeln, und mit der Erfahrung der "ZiB 2" bekommen wir da einen neuen Schub.

    STANDARD: Das gemeinsame Ziel für den "Report" in, sagen wir, drei Jahren?

    Wagner: Wenn die Leute "Report" hören, müssen sie sofort das Bild haben: Die sind für mich da. Wenn ich mir die Zeit dafür nehme, verstehe ich die Dinge besser. Und im Idealfall haben wir von Zeit zu Zeit eine große Exklusivgeschichte, auch in Zusammenarbeit mit den Investigativreporterinnen und Reportern aus dem ganzen Haus – und gern auch außer Haus.

    STANDARD: Der ORF plant für 2019 Bundesländer-Kurznachrichten vor der "ZiB 2". Das würde, wenn sie werktäglich kommen, den "Report" verkürzen.

    Wagner: Das freut mich nicht, bereitet mir aber keine schlaflosen Nächte. Ein paar Minuten weniger machen den "Report" nicht schlechter.

    STANDARD: ORF 1 soll ein werktägliches, einstündiges Infomagazin bekommen, für das der Sendeplatz 21 Uhr kursiert. Bereitet Ihnen die Aussicht auf diese Konkurrenz schlaflose Nächte?

    Wagner: Nein. Das wäre in den allermeisten Fällen kompatibel. Unsere Zugänge sind nicht unbedingt tagesaktuell. Auch dem ORF-2-Zuschauer wird nichts entgehen, wenn auf ORF 1 ein Gast etwas ganz Wesentliches sagt, weil wir das auswerten.

    STANDARD: Sie haben die "ZiB 2" nach gut zehn Jahren Sendungsleitung verlassen – in einer politisch eher heiklen Phase. Haben Sie kein schlechtes Gewissen, in dieser Situation diese Schlüsselposition aufzumachen?

    Wagner: Nein, hab ich natürlich nicht. Ich habe mir das schon durchüberlegt, als der "Report"-Job ausgeschrieben wurde. Für mich ist das nach 16 Jahren "ZiB 2" ein Entwicklungsschritt – und auch für den "Report", denke ich. Ich weiß, dass der Stellenwert der "ZiB 2" für den Generaldirektor so hoch ist, dass er eine Superlösung für die "ZiB 2" finden wird. Inzwischen macht das Sendungsplaner Matthias Schmelzer interimistisch. Und er macht das sehr gut.

    STANDARD: Wunschnachfolger?

    Wagner: Die soll man nicht nennen. Ich hab schon genug gesagt.

    STANDARD: Wir haben seit Dezember eine neue Regierung, die sich, vorsichtig formuliert, sehr für Medien und den ORF interessiert. In der Minister und Vizekanzler die GIS-Gebühren abschaffen wollen, dem ORF und seinen Journalisten Lügen vorwerfen. Unter der im ORF rasch neue Chefredakteure installiert werden. Und ORF-Stiftungsräte Korrespondenten rauswerfen wollen. Was hat sich für die Arbeit der ORF-Journalisten verändert?

    Wagner: Für mich macht das auf der professionellen Ebene keinen Unterschied. Ich muss und kann das ausblenden, ob eine Partei ORF-politisch dieses oder jenes macht. Für mich geht es darum, die interessantesten Studiogäste einzuladen. Auf der Ebene hatte ich nie ein Problem bei der "ZiB 2", und ich habe jetzt kein Problem in den ersten Wochen beim "Report".

    Schnabl: Wir machen professionell unseren Job. Und auf der anderen Seite gibt es andere Interessen – aber ebenso professionell. Bei uns im "Report" – weil in der Sache interessant – waren alle neuen FPÖ-Minister im Studio. Und: Wie viele SPÖ-Minister bis hin zu Kanzlern und ebenso Landeshauptleute verschiedener Parteien hatten wir nicht schon im "Report", die sich on air über die angebliche Einseitigkeit von Vorwürfen beschwert haben! Auch denen war die Frage unangenehm.

    Wagner: Wir müssen Fragen stellen, ob sie nun unangenehm sind oder nicht. Sie müssen auf Fakten basieren ...

    Schnabl: ... und immer sachlich.

    Wagner: Das sind unsere Zugänge, und das wird unter jeder Regierung so sein.

    STANDARD: Aber vor einer oder mehreren ORF-Novellen ruft der ORF-Generaldirektor oder sein Büroleiter nicht ab und zu an und fragt, ob dieses Interview oder jene Frage wirklich nötig war?

    Wagner: Er hat mich weder in der "ZiB 2" noch hier angerufen. Er könnte mich aber jederzeit anrufen, wie auch jeder von außer Haus. Ich werde nur meine Entscheidungen weiter so treffen, wie es journalistisch notwendig ist. (Harald Fidler, 3.7.2018)

    • "Wollen niemanden überzeugen" – aber Verständnis für andere Meinungen wecken: "Report"-Chefs Wolfgang Wagner und Susanne Schnabl über ihre Pläne.
      foto: orf/günther pichlkostner

      "Wollen niemanden überzeugen" – aber Verständnis für andere Meinungen wecken: "Report"-Chefs Wolfgang Wagner und Susanne Schnabl über ihre Pläne.

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