Elvis Presley: Der American Dream im Reality-Check

    29. Juni 2018, 16:56
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    Mit "The King – Mit Elvis durch Amerika" erscheint heuer bereits die zweite Elvis-Doku. Sie misst den Zustand Amerikas an der Biografie des Rock 'n' Rollers

    Von den meisten Menschen wird das Glück im Soll- und nicht im Istzustand verortet. Daraus entsteht unserer Natur nach ein Verlangen. Eines der großen Synonyme dafür ist der amerikanische Traum. Der gilt als Symbol für eine Veränderung zum Guten – ist also ein Mythos, wie die Realität zeigt. Doch obwohl sich der Traum für immer wenigere erfüllt, für einige hat er sich verwirklicht. Und da wir nach dem Prinzip Hoffnung leben, halten ihre Geschichten den Mythos am Leben. Die Geschichte des Elvis Presley ist eine seiner tragenden Säulen: der Aufstieg eines armen weißen Buben zum größten Star seiner Zeit.

    Mit dem Film The King – Mit Elvis durch Amerika von Eugene Jarecki erscheint heuer schon die zweite Dokumentation über Presley. Vor drei Monaten strahlte der Bezahlsender HBO die Doku The Searcher aus. Das ist ein von seiner Witwe Priscilla mitproduzierter Dreistünder, der Elvis als bis zuletzt hungrigen Künstler präsentiert – wobei da nicht seine Schokoladesandwiches zur Mitternachtsjause gemeint sind, sondern sein Appetit auf Musik.

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    Der wurde vom dazu erschienenen Soundtrack abgebildet, der das enorme Talent dieses unfreiwilligen Königs auch abseits leidlich bekannter Songs in Erinnerung ruft. Gleichzeitig räumt The Searcher jenen Schatten Platz ein, die Elvis zu der tragischen Figur werden ließen, als die er 1977 im Alter von nur 42 Jahren starb: Tablettensucht, Einsamkeit, die Fülle des Erfolgs versus die Leere des ausbleibenden Glücks, ein Albtraum.

    Biografische Stationen

    Für The King benützt Jarecki das Phänomen Presley, um einen Reality-Check zu wagen. "Es ist für mich besser geworden", sagt der junge Elvis in einem Interview, als er in den 1950ern zu seinem Erfolg befragt wurde. Jarecki überprüft, wie weit das heute für das restliche Amerika gilt, ob der Mythos und die Wirklichkeit eine Schnittmenge aufweisen.

    Mit Elvis' 1965er-Rolls-Royce fährt er dafür die wichtigsten Stationen der Presley-Biografie ab. Orte aus dessen Kindheit in Tupelo, Memphis, wo er zum Star wurde, Nashville, wo sein Rock 'n' Roll den Roll verlor, New York, Hollywood und Las Vegas. In der Wüstenstadt feierte er nach einer vergeudeten Dekade in Hollywood Ende der 1960er eine Art Wiederauferstehung, nachdem er mit seinem vom Fernsehen übertragenen '68 Comeback Special gezeigt hat, dass er immer noch rockt, wenn er will.

    Prominez und Willkür

    Auf den Stationen begleiten Musiker und Schauspieler den Film. Sie sitzen auf der Rückbank des Royce, erzählen Geschichten und spielen Songs. John Hiatt ist dabei, M. Ward, Emmylou Harris. Dazu Schauspieler wie Ethan Hawke, ein luzider Mike Myers oder Alec Baldwin sowie Wegbegleiter und Freunde Presleys.

    Trotz all der aufgefahrenen Prominenz herrschen da im Film Willkür und Gefühligkeit. Jeder darf seine Elvis-Geschichte erzählen. Die dabei entstehenden Märchen werden von seinem Biografen Peter Guralnick und dem Kulturkritiker Greil Marcus dann wieder richtiggestellt. Dieser durchgängig weißhäutigen Fanboy-Perspektive der Musiker stellt Jarecki afroamerikanische Skepsis gegenüber.

    "He never ment shit to me"

    Aus dieser Sicht gibt es keinen amerikanischen Traum. Nur die Geschichte eines Landes, das aus Genozid, Sklaverei und Apartheid entstanden ist. Dementsprechend hat Chuck D. mit Public Enemy im Lied Fight The Power gerappt: "Elvis was a hero to most, but he never meant shit to me." Ähnliches berichtet Van Jones.

    Der politische Bestsellerautor gilt als einer der einflussreichsten Afroamerikaner der Gegenwart. Er vergibt Presley nicht, dass der seine Popularität in den 1960ern nicht für die Bürgerrechtsbewegung eingesetzt hat, die vor seiner Haustüre in Memphis stattgefunden hat. "Was hat ihn abgehalten?", fragt Jones. Aus dem Off hört man Elvis' naiven Hinweis, er sei bloß Entertainer und wolle niemandem etwas vorschreiben.

    Archaische Geschichte

    Eine andere Antwort liefert Ethan Hawke. Presley traf seine Entscheidungen anhand der ihm gebotenen Summen. Geld statt Moral – obwohl er die besaß. Geld bekam er zuhauf, das Glück zog jedoch nicht mit. Der ewige Bösewicht dieser Geschichte ist Elvis' Manager. Zu lange manipulierte Tom Parker seinen Elvis. Als der sich endlich traute, ihm zu widersprechen, war es zu spät. Er hatte den Zenit überschritten, von ganz oben ging es nur noch bergab.

    Diese archaische Aufstieg-und-Fall-Geschichte überträgt Jarecki etwas dreist auf die USA. "Wenn Elvis ein Sinnbild für Amerika ist, stehen wir kurz vor der Überdosis", sagt jemand. Das ist nicht das einzige Mal, dass dem Buben aus Tupelo in The King zu viel auf die Schultern geladen wird – das gibt Jarecki sogar indirekt zu. Dennoch verwurstet er Reizthemen wie die Occupy-Bewegung, Black Lives Matter, 9/11 ... – und überhebt sich dabei. Nicht alles, was in den USA (und der Welt) falsch läuft, findet in Presleys Lebensgeschichte ein legitimes Abbild.

    Liebe statt Macht

    Doch trotz Miss- und Überinterpretation erinnert Jarecki an ein existenzielles Problem: Liebe, Leben und Glück sollten das amerikanische Versprechen sein, nicht Geld und Macht. Wie sehr Amerika und die Welt aus der Balance geraten sind, zeigt eine Wirklichkeit, die viele als amerikanischen Albtraum erleben. Ein Fahrer im Film sagt: "Ich bin mit der größten Lüge überhaupt aufgewachsen. Mit der, man könne es sich in Amerika mit harter Arbeit verbessern." ( Karl Fluch, 29.6.2018)

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      "The King": Elvis Presley 1968 in Bestform. Auf die kurze Wiedergeburt folgte ein langer Abstieg.

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