Was tun gegen die US-Rechten? "Die Linke müsste mit Gefühlen arbeiten"

    Interview30. Juni 2018, 08:00
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    Das System Trump ist nicht vom Himmel gefallen, sondern Ergebnis eines politischen Langzeitprojekts der US-Rechten. Lawrence Grossberg, führender Repräsentant der "Cultural Studies", über den amerikanischen Status quo

    Trump triumphiert, während die US-Linke nur wenig zu lachen hat. In seinem jüngsten Buch (Under the Cover of Chaos. Trump and the Battle of the American Right) hat sich der sonst auf Populärkultur spezialisierte Wissenschafter Lawrence Grossberg mit der historischen Entwicklung des Trumpismus beschäftigt. Diese Woche sprach der bekennende Oppositionelle auf Einladung des Instituts für Kulturwissenschaften an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien, und zwar im passenden Outfit: einem schwarzen T-Shirt mit dem in zehn Sprachen (einschließlich Gebärdensprache) übersetzten Satz "Sorry about our President".

    STANDARD: Sie haben Ihren Vortrag in Wien mit einer Zeile aus einem Song von Leonard Cohen begonnen: "I have seen the future, it is murder." Die Zukunft ist Mord: Optimistisch klingt das nicht.

    Grossberg: Ich bin nicht optimistisch. Nach meiner Überzeugung wird es in den USA noch sehr viel schlechter werden müssen, bevor es besser wird.

    STANDARD: Immerhin haben Sie im Titel Ihres Vortrags, den Sie einem Dylan-Song entnommen haben, Hoffnung anklingen lassen: "There must be some way out of here."

    Grossberg: Das Erste, was wir tun müssen, um einen Weg aus diesem Loch zu finden, ist, die Dinge aus dem Kontext der amerikanischen Geschichte heraus zu verstehen. Es sind eine üble Zeit und ein schrecklicher Präsident, aber Amerika hat schon viele üble Zeiten und schreckliche Präsidenten erlebt. Manchmal denke ich mir allerdings, dass unter Trump tatsächlich ein epochaler zivilisatorischer Wandel stattfindet. Man könnte ihn auch als eine Verkörperung jener Banalität des Bösen verstehen, von der Hannah Arendt spricht.

    STANDARD: Der Zug zum Autoritären ist aber kein reines US-Phänomen, sondern ein weltweites.

    Grossberg: Ich halte solche globalen Beschreibungen wie "Vormarsch des Autoritarismus" für nicht sehr zielführend. Ich glaube, selbst wenn ich von nun an zehn Jahre in Europa leben und dann über Europa schreiben würde, würde ich so viel Unzutreffendes schreiben wie manche Europäer über Amerika. Trump ist nicht verallgemeinerungsfähig.

    STANDARD: Was ist in Amerika passiert?

    Grossberg: Wir erleben gerade einen Kampf, den die amerikanische Rechte von langer Hand eingefädelt hat – ich spreche von einem Zeitraum von fünfzig oder sechzig Jahren -, und die Linke ist dabei, diesen Kampf auf ganzer Linie zu verlieren. Natürlich hat es eine Rechte, die ihre Erfolge gefeiert hat, in den USA immer gegeben, das können Sie von den Neo- und Paläokonservativen über Ronald Reagan bis Barry Goldwater und weiter zurückverfolgen. Das Besondere an der momentanen Konstellation ist, dass sich die sehr unterschiedlichen Ausprägungen der Rechten im Wissen darum, dass sie ohne die 35 oder 40 Prozent Trump-Fans auf verlorenem Posten wären, entschlossen haben, ihn gleichermaßen zu dulden. Dass sich Fans von Milton Friedman, für den die Ehe ein Markt ist und Sex ein Markt ist und Homosexualität ein Markt ist, darin stillschweigend mit der christlichen Rechten zusammenfinden, für die die Ehe heilig und Sex des Teufels ist und Homosexualität nicht einmal erwähnt werden darf, das ist speziell.

    STANDARD: Die Rechte hat offenbar ein politisches Umfeld herstellen können, in dem das möglich ist. Wie ist ihr das gelungen?

    Grossberg: Die reaktionäre Rechte ist strategisch ungleich besser als die Linke. Sie hat Ideen der Linken aufgegriffen und für ihre eigenen Zwecke adaptiert. Die Aversion gegen die Medien oder die Idee der "Konstruiertheit" von gesellschaftlichen Gegebenheiten, die der gegenwärtigen Krise des Wissens zugrunde liegen, waren ursprünglich linke Domänen, die von der Rechten umgepolt wurden. Dass die rechten Eliten gegen Wissenschaft wären, ist übrigens ein Scherz. Wenn sie krank sind, gehen sie selbstverständlich auch zum Arzt, aber gleichzeitig machen sie den Leuten weis, dass Fakten nichts zählen.

    STANDARD: Wie geht die Rechte im Detail bei diesem Umpolen vor?

    Grossberg: Sie verändern zum Beispiel die Landkarte dessen, was für die Leute etwas bedeuten soll ("Mattering Map", Anm.). Und sie verwerfen auch Dinge, wenn sie für sie nicht mehr nützlich oder potenziell konfliktträchtig sind. Von der Familie, die früher eine Konstante der politischen Rhetorik war, ist heute zum Beispiel nicht mehr die Rede, und das nicht nur deshalb, um die Trump-Family aus der Schusslinie zu nehmen.

    STANDARD: Wie situiert sich Trump in dieser rechten Politlandschaft?

    Grossberg: Trump schmeißt einmal dem einen Wählersegment einen Knochen hin, dann wieder dem anderen. Er redet davon, dass er den "Sumpf" trockenlegen möchte, den "tiefen Staat". Darunter versteht er Politik, wie sie gewohnheitsmäßig praktiziert wurde. Er suggeriert den Leuten, ziviles Verhalten sei eine Sache des Establishments und der Eliten und sagt ihm den Krieg an. Man weiß, dass Diplomaten sich diplomatisch verhalten und dies oder das nicht sagen, also entsendet er Diplomaten, die sich undiplomatisch verhalten und so fort. Damit erzeugt er völliges Chaos.

    Gleichzeitig stillt Trump aber auch ein Bedürfnis nach Ordnung, die er rund um den Begriff der Nation baut. Nationalität ist das Wichtigste. Die einzige Differenz, auf die es ankommt, ist die, ob man Amerikaner ist oder nicht. Wer Wert auf andere Differenzen legt und etwa Gender- oder Rassenunterschiede für relevant hält, verhält sich von vornherein unamerikanisch. Das alles ist brandgefährlich. Es gibt Umfragen, wonach die großen Konzerne derzeit bei den Amerikanern das größte Vertrauen genießen. Ich halte den Albtraum, dass irgendwann die Großkonzerne in den USA die Macht übernehmen, nicht für ausgeschlossen.

    STANDARD: Und weshalb die Ohnmacht der Linken?

    Grossberg: Da gibt es ganz verschiedene Gründe. Zum einen sollte die Linke aufhören, den Leuten zu sagen, wie sie sich fühlen sollen, und das zur selben Zeit, da es die Rechte immer besser versteht, weitverbreitete Gefühlsstrukturen für ihre Zwecke auszunutzen. Es gibt eine narzisstische Selbstbezogenheit als Massenerscheinung, das Ausmaß der Angst, mit der die Amerikaner leben, explodiert geradezu. Dieser Angst versuchen sie mit einer Flucht in die Hyperaktivität zu begegnen, was sie in einen Teufelskreis treibt, weil die Hyperaktivität ihrerseits Angst provoziert.

    Die Rechte versteht sich ausgezeichnet darauf, Wut und Empörung aus unterschiedlichen Wählerschichten und Gründen miteinander zu verbinden. Und Trumps Wähler sind nicht nur die berühmten zornigen weißen Arbeiter, das sind auch Vorstadtleute und nicht zuletzt Frauen. Die Linke müsste solche Gefühlsstrukturen, etwa Gefühle der Zugehörigkeit, rigoros analysieren und damit arbeiten.

    STANDARD: Sie haben vor kurzem auf Twitter dazu aufgerufen, eine Art Achse der Gutwilligen zu bilden, die politisch gemeinsam gegen die katastrophalen Entwicklungen in den USA ankämpfen soll.

    Grossberg: Das ist ein weiterer Fehler der Linken, dass sie unfähig ist, ihre inneren Differenzen auszuhandeln und zu Kompromissen zu finden. Um als Linker zu gelten, musst du alle Punkte auf der großen Checkliste – pro Palästinenser, Pro-Choice und so fort – mit Ja ankreuzen. Das trägt zu einer enormen Fraktionierung bei und zerstört jeden Pragmatismus, der politisch notwendig wäre. (Christoph Winder, 30.6.2018)

    Lawrence Grossberg wurde 1947 in Brooklyn, New York, geboren. Neben seinen Tätigkeiten als Lehrender an der Chapel Hill University (North Carolina) und emsiger Buchschreiber, dessen Werke in zehn Sprachen übersetzt wurden, gibt er seit 1990 die wissenschaftliche Zeitschrift "Cultural Studies" heraus.

    • Er liebt Sprüche auf T-Shirts. Bei seinem Vortrag in Wien trug der US-Kulturwissenschafter Lawrence Grossberg eines mit der Aufschrift "Sorry about our President".
      foto: robert newald

      Er liebt Sprüche auf T-Shirts. Bei seinem Vortrag in Wien trug der US-Kulturwissenschafter Lawrence Grossberg eines mit der Aufschrift "Sorry about our President".

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