Airbnb: Segen für Urlauber, Fluch für Einheimische

    30. Juni 2018, 14:00
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    Reisende mit kleinem Budget buchen auf Airbnb. Immer mehr Städte gehen dagegen vor. Ein Überblick – mit Erfahrungsberichten von STANDARD-Redakteuren

    Schlafen zwischen den Baumwipfeln, in einem Schloss oder in einem Bootshaus: Wer will, findet auf der Vermietungsplattform Airbnb spektakuläre Unterkünfte. Ganz besonders punktet die Plattform allerdings bei Reisenden, die von sterilen Hotelzimmern genug haben. Denn wer auf Airbnb bucht, kann "wohnen wie Einheimische", so das Versprechen.

    Die Einheimischen selbst sind damit aber immer öfter nicht einverstanden. In vielen Städten bilden sich bereits Initiativen, die sich gegen die kurzzeitige Vermietung ganzer Wohnungen an Touristen richten. Die Sache nehme überhand, beschweren sich viele Einheimische.

    Denn Urlaub und Alltag sind in vielen privaten Wohnhäusern nicht kompatibel. Oft wird über laute Partys, ständig offen stehende Eingangstüren und eine von knatternden Rollkoffern geprägte Geräuschkulisse geklagt.

    Breite Front gegen Airbnb

    Dabei haben die Nachbarn zumindest in Österreich ein Wort mitzureden: Wer seine Wohnung auf Kurzzeitvermietungsplattformen anbieten will, braucht dafür das Einverständnis aller Miteigentümer, sofern das Vermieten nicht im Wohnungseigentumsvertrag ausdrücklich erlaubt ist.

    In Wien will die Stadt künftig härter gegen Airbnb vorgehen: In einer Bauordnungsnovelle, die 2019 in Kraft tritt, sollen auf als Wohnzonen ausgewiesenen Flächen keine gewerblichen Vermietungen mehr erlaubt sein. "Das wäre ein gewaltiger Schritt", urteilt der auf Immobilienrecht spezialisierte Anwalt Thomas In der Maur. Details gibt es noch keine.

    Die explosionsartige Vermehrung der Angebote auf Plattformen wie Airbnb bereitet Behörden auch anderswo Kopfzerbrechen. Denn Wohnungen, die auf Airbnb angeboten werden, stehen dem lokalen Mietmarkt oft nicht mehr zur Verfügung. Sehr viele dieser Wohnungen werden nicht nur zur Urlaubszeit, sondern ganzjährig angeboten.

    Städte im Detail

    In zahlreichen Metropolen hat man das deshalb stark eingeschränkt. In London dürfen ganze Wohnungen seit 2017 nur noch insgesamt 90 Tage lang kurzfristig vermietet werden. Für einen längeren Zeitraum braucht es eine Widmungsänderung.

    In Amsterdam wurde diese Frist mit 60 Tagen festgesetzt, ab 2019 sind es sogar nur noch 30 Tage. In Tokio gibt es eine Begrenzung auf 180 Tage im Jahr, Vermieter brauchen eine staatliche Lizenz, ebenso in Hongkong, falls man dort Wohnungen für weniger als 28 Tage vermieten will.

    In New York City hat man die Sharing Economy auf ihren Kern – das Tauschen – reduziert: Dort ist es verboten, Wohnungen für weniger als 30 Tage zu vermieten, außer man macht es kostenlos.

    In Paris dürfen Hauptwohnsitze, in denen man sich definitionsgemäß mindestens acht Monate im Jahr aufhält, für den Rest der Zeit (also bis zu vier Monate) kurzzeitig vermietet werden. Für die touristische Vermietung von Nebenwohnsitzen braucht es eine Umwidmung. Anfang 2017 hat die Stadt den Aufschlag auf die Wohnungssteuer für Zweitwohnsitze von 20 auf 60 Prozent erhöht.

    Fragen der Nachbarn

    In Berlin gibt es das "Zweckentfremdungsverbot", das zuletzt im Mai novelliert wurde. Nun darf zwar jeder Berliner seine Wohnung als Ferienwohnung vermieten, muss dies aber registrieren lassen. Laut Medienberichten gab es dafür seit Inkrafttreten der Regelung erst 70 Anmeldungen. Allerdings läuft noch eine Schonfrist.

    Einige Airbnb-Vermieter haben sich in Wien bereits auf Gegenwind eingestellt. Manche Airbnb-Urlauber erhalten bei ihrer Ankunft Informationen dazu, wie sie auf Fragen der Nachbarn reagieren sollen – und wie sie ihnen glaubhaft vermitteln, dass sie gar keine Airbnb-Mieter sind. (Martin Putschögl, Franziska Zoidl, 30.6.2018)

    Was STANDARD-Mitarbeiter mit Airbnb erlebt haben

    Veronika Elisabeth Huber, Barcelona: Mai 2017: Das Loft nahe dem Festivalgelände des Primavera Sound schien der absolute Glücksgriff zu sein. Der Preis niedrig, der Nachhauseweg in die entgegengesetzte Richtung der anderen 199.996 Besucher. Womit wir nicht rechnen konnten: Das Loft lag im Souterrain, Wunderbaumduftnote "Keller", und es wurde von einem Ungeheuer bewohnt, das uns mit jämmerlichen Geräuschen, Ächzen und Stöhnen vertreiben wollte. Geschlafen haben wir trotz vieler San Miguels miserabel. Das Monster hat sich erst am Tag unserer Abreise als Wasserpumpe entpuppt.

    Lara Hagen, New York: Oktober 2017: Was bei einem Airbnb-Aufenthalt nicht fehlen darf, ist Smalltalk mit dem Wohnungsbesitzer. In unserem Fall hieß er Sean und hatte die coolste Wohnung in ganz Williamsburg (inklusive lebensgroßer Drake- und Obama-Pappfiguren). Aber nicht nur das. Es stellt sich heraus – Sean ist ebenfalls Journalist. Und zwar bei einem Podcast, den ich regelmäßig höre. Fangirl-Moment! Gesehen haben wir ihn kaum, New Yorker sind eben busy. Aber hören kann ich ihn von Montag bis Freitag in Today Explained von Vox.

    Rainer Schüller, Apulien: Juli 2017: Es musste ein Steinhaus (Trullo) in Apulien sein, weil wir uns online in die putzigen Kobel verliebt hatten. Die leistbaren waren schon gebucht, bis auf das eine kleine, feine auf Airbnb. Es wirkte zuckersüß, hatte aber noch keine einzige Bewertung. Ein Troll-Trullo? Wir gingen auf volles Risiko, buchten und fuhren einfach hin. Es war grandios. Das Blind Date war auch für die Neo-Vermieterin eine spannende Erfahrung. Das Glück war groß, die Sonne heiß, der Primitivo ging runter wie Olivenöl.

    Bernadette Redl, Wien (als Vermieterin): August 2014: Wir hatten fristgerecht gekündigt, der Vermieter sah das aber anders und wollte Geld für einen weiteren Monat. Die WG-Zimmer waren quasi leer, also stellten wir sie auf Airbnb. Drei nette Australierinnen zogen ein. Als wir am letzten Tag vorbeikamen, schlug uns tropische Hitze entgegen. Hatten sie etwa die ganze Nacht geduscht? So fühlte es sich jedenfalls an. Gut: Der Sommer war trüb und kalt – die Urlaubstemperaturen haben die drei sich wohl selbst gemacht.

    Sascha Aumüller, Ubud, Bali: Jänner 2018: Eine Poolvilla mit drei Schlafzimmern, ruhig inmitten balinesischer Reisfelder gelegen, um 76,52 Euro pro Nacht – und wo ist der Haken? Die Krux lag nicht in dem überaus wohnlichen Objekt, sondern in dem Subjekt, das es mit uns teilte: Eine berühmte Wiener Bloggerin schlug uns jedes befruchtende Gespräch aus, weil sie den lieben langen Tag Selfies mit exotischen Früchten machte. Ihre investigative Instagram-Story dazu: "Hallo Welt, das bin ich – mit Obstteller." Hätten wir nicht gebraucht, ein Früchtchen im Paradies.

    Georg Pichler, Dublin: März 2016: Einfach und billig sollte es sein auf dem "Boys-Trip" nach Dublin. Sechs Leute, drei quietschende Stockbetten, ein Zimmer von zehn Quadratmetern. Kein Problem. Wäre da nicht das Bad gewesen: Teppichboden, und die Dusche gab nur ein spärliches, kaltes Rinnsal preis. Alternative: die einzige funktionierende Dusche im Zwischenstock, vor der es sich stets staute. Dann doch lieber etwas mehr zahlen.

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    • Knatternde Rollkoffer und laute Partys von Touristen sorgen in manchem Wohnhaus für dicke Luft.

      Knatternde Rollkoffer und laute Partys von Touristen sorgen in manchem Wohnhaus für dicke Luft.

    • In vielen Städten regt sich unter Einheimischen Widerstand gegen die Vermietungsplattformen.
      foto: reuters/shannon stapleton

      In vielen Städten regt sich unter Einheimischen Widerstand gegen die Vermietungsplattformen.

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