Wie alten Menschen unnötige Therapien erspart werden können

    1. Juli 2018, 10:00
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    "Mehr ist nicht immer besser" – das gilt auch in der Medizin, besonders bei der Behandlung alter Menschen

    Alte Menschen leiden häufig unter Schlafstörungen. Nehmen sie Schlafmittel, erhöht das ihre Gefahr, zu stürzen oder einen Schlaganfall zu erleiden. Oft sind sie am nächsten Tag auch sehr müde oder verwirrt. Besonders riskant wird es dann, wenn sie mehrere verschiedene Arzneimittel nehmen. "Darum sollten wir Ärzte vor allem bei alten Menschen sehr genau prüfen, ob die Medikamente auch wirklich notwendig sind", sagt der Mediziner Thomas Frühwald von der Österreichischen Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie.

    "Mehr ist nicht immer besser" – so lautet die Devise der Initiative "Gemeinsam gut entscheiden", die im Vorjahr in Österreich gestartet wurde und auf dem Vorbild der US-amerikanischen "Choosing Wisely"-Kampagne basiert. Medizinische Fachgesellschaften wählen dabei aus einem Pool von Empfehlungen fünf Untersuchungen oder Therapien aus, die wenig bis gar keinen nachweisbaren Nutzen haben oder sogar schaden können.

    "Damit sollen Ärzte, aber auch Patienten und Angehörigen mehr Sicherheit bei der Wahl der richtigen Behandlung erhalten", sagt Karl Horvath vom Institut für Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung an der Med-Uni Graz. Gemeinsam mit Anna Glechner vom Department für Evidenzbasierte Medizin an der Donauuniversität Krems leitet er das Projekt "Gemeinsam gut entscheiden".

    Harnkatheter ist die Spitze der "verzichtbaren Leistungen"

    In den USA umfasst "Choosing Wisely" bereits mehr als 400 Empfehlungen aus unterschiedlichen Fächern der Medizin. In Österreich wurde vor kurzem die erste "Top-5-Liste" von der Fachgesellschaft für Geriatrie und Gerontologie erstellt und veröffentlicht. An der Spitze der "verzichtbaren Leistungen" steht hier der Harnkatheter, der dann indiziert ist, wenn eine selbstständige Entleerung der Blase nicht möglich ist.

    Die Kritik der Geriater: Vor allem in der Langzeitpflege werden diese zu häufig gesetzt, etwa um bei Inkontinenz die Pflege zu erleichtern oder die Harnmenge zu messen. "Katheter erhöhen die Gefahr von Infektionen und können auch ein Delir, also eine akute Verwirrung, auslösen", sagt Frühwald. Zusätzlich wird die Bewegungsfreiheit der Patienten eingeschränkt, was sie rascher bettlägerig macht.

    Magensonden und Antipsychotika zu häufig im Einsatz

    Die zweite Maßnahme auf der Liste der Geriater sind Magensonden zur künstlichen Ernährung von Patienten mit fortgeschrittener Demenz. "Anstatt die Bewohner künstlich zu ernähren, sollte man sie lieber beim Essen unterstützen", sagt Frühwald. Aus der Praxis weiß er aber, dass es dafür in Pflegeeinrichtungen oft zu wenig Zeit und Personal gibt.

    Das ist auch einer der Gründe, warum Patienten mit Demenz bei Verhaltensstörungen aus Sicht der Fachgesellschaft viel zu rasch und häufig Antipsychotika verschrieben bekommen. Auch dabei können die Nebenwirkungen gravierend sein: Verwirrtheit, Stürze, Schlaganfälle bis hin zu Todesfällen sind häufig die Folge. "An diese Medikamente sollte erst gedacht werden, wenn alle anderen Maßnahmen versagt haben und die Patienten eine unmittelbare Gefahr für sich selbst oder andere darstellen", untermauert Frühwald die Argumentation der Fachgesellschaft.

    Antibiotika und Krebsfrüherkennungstests

    Weitere Themen auf der Top-5-Liste sind die Verschreibung von Antibiotika bei Bakterien im Harn, wenn es keine weiteren Hinweise auf eine tatsächliche Harnwegsinfektion gibt, sowie die Durchführung von Krebsfrüherkennungstests bei Menschen in sehr hohem Alter. In beiden Fällen wird häufig zu viel des Guten getan.

    "Es ist wichtig, dass Patienten und ihre Angehörigen das wissen und Verschreibungen kritisch hinterfragen", sagt Frühwald. In den USA haben Konsumentenschutzorganisationen die Listen von "Choosing Wisely" verbreitet. In Österreich steckt das Projekt noch in den Kinderschuhen. Derzeit arbeitet die Fachgesellschaft für Allgemeinmedizin an der zweiten Top-5-Liste. Ob und wie es weitergeht, steht noch in den Sternen. Derzeit wird intensiv nach Finanzierungspartnern gesucht. (Andrea Fried, 1.7.2018)

    • Harnkatheter werden vor allem in der Langzeitpflege zu häufig gesetzt, etwa um bei Inkontinenz die Pflege zu erleichtern oder die Harnmenge zu messen. Dadurch steigt das Risiko für Infektionen, kritisieren Experten.
      foto: getty images/istockphoto

      Harnkatheter werden vor allem in der Langzeitpflege zu häufig gesetzt, etwa um bei Inkontinenz die Pflege zu erleichtern oder die Harnmenge zu messen. Dadurch steigt das Risiko für Infektionen, kritisieren Experten.

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