Erbeutete Schätze: Was tun mit kolonialen Kulturgütern?

    29. Juni 2018, 13:00
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    Darüber gehen die Meinungen auseinander. Eine der prominentesten Stimmen ist jene Bénédicte Savoys. Sie rät von einer voreiligen Rückgabe ab

    Der Seefahrer und Entdecker James Cook starb 1779 auf Hawaii einen gewaltsamen Tod. Seine Schiffe kehrten ohne ihn nach Europa zurück, im Frachtgut befanden sich zahlreiche Gegenstände, die man heute als Kulturgüter bezeichnen würde. Die dynastischen Verhältnisse in Europa am Ausgang des 18. Jahrhunderts brachten es mit sich, dass die erbeuteten Schätze nicht nur nach England gelangten, sondern (über das Haus Hannover) auch nach Göttingen und nach Wien.

    Ähnliche Geschichten könnte man endlos erzählen: Europa eroberte in der Neuzeit die Welt und holte die Welt nach Hause. Auf dem Höhepunkt der Französischen Revolution träumten manche Fortschrittsgläubige sogar davon, alle Schätze der Menschheit nach Paris zu bringen, weil sie nur dort in Sicherheit waren und der Menschheit den Weg zu höchster Wissenschaft und Kunst weisen konnten.

    Mit dieser zentralistischen Utopie hat es nicht ganz geklappt, aber bis heute verteilen sich wesentliche Artefakte der Menschheitsgeschichte auf die westlichen Hauptstädte. Soll man die nun alle zurückbringen, also restituieren lassen?

    Vermittelnde Antwort

    Die französische Historikerin Bénédicte Savoy gibt auf diese Frage in ihrem aktuellen Buch Die Provenienz der Kultur. Von der Trauer des Verlusts zum universalen Menschheitserbe (Matthes & Seitz 2018) eine vermittelnde Antwort, mit der sie im Grunde den Geist der Französischen Revolution auf den heutigen Stand bringt.

    Sie rät von übereilten Schritten ab und ruft zuerst einmal zu einer "Innenschau" auf: "Diese kulturgeschichtliche Innenschau ist in Europa das erste Zeichen der Freundschaft und des Respekts, welches wir jenen geben können, die uns bereichert haben. (…) Aus Insiderwissen muss öffentliches Wissen werden." Das bedeutet, dass Kunstwerke und kulturelle Objekte eine doppelte Geschichte bekommen: Neben ihrer Herkunft und ihrem Kontext spielt nun gleichermaßen ihr Transfer eine Rolle.

    Savoys Vorwürfe

    Der Text von Bénédicte Savoy beruht auf einem Vortrag, mit dem sie im März 2017 einen Lehrstuhl am Collège de France antrat. Der Lehrstuhl ist der "Kulturgeschichte des künstlerischen Erbes in Europa zwischen dem 18. und 20. Jahrhunderts" gewidmet.

    In Deutschland wird Savoys Position mit besonders großem Interesse gelesen, weil sie vor einem Jahr schwere Vorwürfe gegen die Stiftung Preußischer Kulturbesitz erhoben hat und der wichtigsten hauptstädtischen Kulturinstitution einen blinden Fleck in Sachen Provenienzforschung unterstellte.

    Zugleich trat sie damals aus der Expertenkommission des Humboldt-Forums zurück, also aus dem Gremium, das das künftige Prunkstück der Berliner Museumslandschaft vorbereiten sollte: Im neu aufgebauten Stadtschloss werden ab 2019 unter anderem die außereuropäischen Sammlungen zu sehen sein, die bisher im Ethnologischen Museum in Dahlem gezeigt wurden. Wie auch immer sich das Humboldt-Forum schließlich konkret präsentieren wird – die museumspolitischen Anforderungen könnten höher nicht sein.

    Unsterbliche Kunstwerke

    Allerdings hat auch Savoy dem Projekt niemals grundsätzlich die Berechtigung abgesprochen. Dazu ist sie selbst viel zu sehr eine französische Intellektuelle, die es elegant schafft, den afrikanischen Philosophen Achille Mbembe mit einem einzigen Zitat auf ihre Seite zu ziehen: Er spricht von der "Vorstellung einer Erde, die wir als eine allen gemeinsame Grundlage teilen".

    Auf Grundlage dieser Vorstellung kommt Savoy zu einer Unterscheidung, die das ganze Pathos der Kunst aufbietet: "Die Trennlinien verläuft nicht zwischen den Europäern und den anderen. Sie verläuft zwischen den Sterblichen und den Unsterblichen." Die Unsterblichen, das sind die Kunstwerke, das ist eine afrikanische Königin aus dem 17. Jahrhundert oder die fast 4000 Jahre alte Maske eines Pharaos. In dieser Perspektive werden selbst Weltmuseen zu Stückwerk. (Bert Rebhandl, 29.6.2018)

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      foto: staatliche museen zu berlin, ethnologisches museum, martin franken

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