Schulschluss – aber kein Ende der Probleme

Kommentar der anderen28. Juni 2018, 16:46
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In der Debatte um die Defizite in den Schulen ist endlich eine pragmatischere Sichtweise eingekehrt: Missstände werden öfter ausgesprochen. Warum es trotzdem ein heißer Herbst werden könnte

In den nächsten Tagen werden zehntausende Kinder und Jugendliche in die "wohlverdienten Ferien" entlassen. Konflikte für den Herbst sind bereits vorprogrammiert. Einige Wiener Schulen wollen die von Minister Faßmann geplanten Deutschförderklassen boykottieren.

Das abgelaufene Schuljahr hat teilweise das beendet, was als Realitätsverweigerung bezeichnet werden könnte. Gewalt an Schulen wird offener angesprochen. Die Lehrerin Susanne Wiesinger sprach im Frühjahr das aus, was nur hinter vorgehaltener Hand formuliert worden war: In manchen Klassen ist ein geregelter Unterricht nicht mehr möglich.

Der zweite "Tabubruch" bezog sich auf massive Probleme bei der Integration von Jugendlichen, die salafistischen oder islamistischen Strömungen ausgesetzt sind. Viel öfter als früher ist nun zu hören, dass die Ballungszentren de facto ein Zwei- oder besser Mehrklassenschulsystem haben mit "Restschulen", wo 70 Prozent der Kinder oder mehr Deutsch nicht als Muttersprache haben.

Justament die schriftliche Matura in Mathematik zeigte, dass auch junge Menschen mit deutscher Muttersprache sprachliche Defizite aufweisen, die sinnerfassendes Lesen massiv erschweren. Und: Lehrkräfte dürfen aus dem Schulalltag plaudern und etwa anmerken, dass das größte Problem Verweigerer in der Schule seien, "die alle Angebote ausschlagen".

Diese Realitäten sehen ernüchternd aus. Aber sie werden – vielleicht auch mit einigen Verzerrungen und Dramatisierungen – immerhin zur Kenntnis genommen. Es wird erkennbar, welche Herkulesaufgaben auf den Unterrichtsminister zukommen. Beispielsweise: Wäre es nicht sinnvoll, das offensichtliche Ungleichgewicht zwischen Anforderungen bei der schriftlichen Matura in Deutsch und jener in Mathematik zu überdenken? Ist es nicht leichtsinnig, gerade die Mindestanforderungen in Deutsch so niedrig zu halten, dass eine Kollegin nach der Kompensationsprüfung in diesem Fach anmerkt: "Mit etwas Gelabere kommt jeder durch." Ist nicht etwas schiefgelaufen, wenn sich Mathematik häufig zu einem "Horrorfach" entwickelt hat, während die perfekte Beherrschung der eigenen Muttersprache sträflich vernachlässigt wird?

Es ist nicht zu erwarten, dass die bisherigen ideologischen Grabenkämpfe in nächster Zeit weniger werden. Die geplanten Deutschförderklassen sind ein einschlägiges Beispiel dafür, wie die Diskussionen teilweise nach dem bekannten Links-rechts-Muster ablaufen. Diese Diskursebene wird jedoch durch einen vermehrten Pragmatismus – im Sinne der Anpassung an Gegebenheiten – überlagert. Rosemarie Schwaiger etwa konzediert in einem "Profil"-Leitartikel, dass die Idee, Kinder von anderen Kindern lernen zu lassen, plausibel klingt.

"Eh ganz gut funktioniert"

Was aber mit Klassen tun, wo nur eine Minderheit Deutsch spricht und diese Interaktion mit deutschsprachigen Kindern daher gar nicht stattfinden kann? Niemand kann behaupten, das System habe "eh ganz gut funktioniert", wenn am Ende der Schulpflicht ein viel zu hoher Prozentsatz an Jugendlichen Texte nicht sinnerfassend lesen kann. Warum nicht etwas Neues versuchen?

Das ist für viele wohl zu pragmatisch, und natürlich können wir fragen, wo der Idealismus bleibt. Wäre es nicht schöner, sich ans Ideal "Kinder lernen mit der Hilfe von anderen Kindern" zu halten? Aber die bildungsnahen Eltern haben schon längst mit den Füßen abgestimmt und ihre Kinder in jene Schulen geschickt, in denen nicht die bunte sprachliche und kulturelle Vielfalt angesagt ist.

Noch etwas hat sich wohl verschoben. Hatten sich früher Debatten vor allem zwischen Bildungsministerium, Landesschulräten, "Bildungsexperten" unterschiedlicher Qualität und der Fachwissenschaft abgespielt, bekommen nun viel mehr als früher die Schulstandorte und die Lehrkräfte eine Stimme. Für das Ministerium besteht unter dem Zauberwort "Schulautonomie" die Möglichkeit, Konflikten aus dem Weg zu gehen, indem wiederholt beteuert wird, vor Ort wüssten die Lehrkräfte am besten, was "pädagogisch sinnvoll" sei. Die Schulstandorte lassen sich wohl weniger gefallen als früher. "Bildungsexperten" und Fachwissenschaft haben das Nachsehen, sie sind für Lehrkräfte meist jene, "die von der Praxis keine Ahnung haben".

Minister Faßmann steht vor vielen Herausforderungen, und es könnte ein heißer Herbst werden. Aber vielleicht werden diese Trends – weniger Realitätsverweigerung, mehr Pragmatismus, mehr Fokus auf die Lehrkräfte – ihm zu Hilfe kommen. (Georg Cavallar, 28.6.2018)

Georg Cavallar ist Dozent für Neuere Geschichte an der Universität Wien, Buchautor und Gymnasiallehrer. Sein Buch "Gescheiterte Aufklärung? Ein philosophischer Essay" erscheint Ende September bei Kohlhammer.

  • Zehntausende Kinder tauchen ab heute, Freitag, in den Sommer ab: Bildungsminister Minister Faßmann muss indes weiter über Schullösungen grübeln.
    foto: apa/herbert neubauer

    Zehntausende Kinder tauchen ab heute, Freitag, in den Sommer ab: Bildungsminister Minister Faßmann muss indes weiter über Schullösungen grübeln.

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