Wie guter Unterricht aussehen kann

    1. Juli 2018, 13:00
    275 Postings

    Schwierige Jugendliche, wenig Ressourcen: In einer STANDARD-Serie berichteten Lehrkräfte von ihren Sorgen – aber auch was schön an dem Beruf ist. Stellvertretend dafür hier die Arbeit von drei Pädagogen

    Mehr als 9000 Postings, eine Vielzahl an Leserbriefen: Die Reaktionen auf die Schulserie "Aus dem Klassenzimmer" waren zahlreich. In den vergangenen drei Monaten hat der STANDARD Einblick in den Schulalltag von Pädagoginnen und Pädagogen gegeben. Zu Wort kamen Lehrkräfte und Direktoren aus verschiedenen Schulformen, quer durch Österreich.

    Immer wieder wurde die Problematik fehlender sozialer Durchmischung genannt, ein Mangel an sozialen Kompetenzen und Umgangsformen der Schülerinnen und Schüler sowie die Notwendigkeit von mehr Unterstützungspersonal.

    Es gab auch positive Rückmeldungen aus Österreichs Klassen. Lehrkräfte, die ihren Job lieben und gerade in der Zusammenarbeit mit herausfordernden Schülern aufblühen.

    Auch sie kamen zu Wort. Drei Beispiele dafür, wie Schule gelingen kann, bilden den Abschluss der Serie:


    Mathematikunterricht mit QR-Code und Video

    Felix Stadler ist neu im Beruf, vergangenes Jahr hat er begonnen, an der Neuen Mittelschule Schwechat Geografie und Mathematik zu unterrichten. "Ich liebe es seit der ersten Stunde", sagt er. Cool sei das Arbeiten mit Kindern und das "direkte Feedback". Weniger gefällt das Dozieren an der Tafel – was auch die Kinder fadisiere.

    Um die extreme Differenz in Lerntiefe und Geschwindigkeit in den Griff zu bekommen, setzt Stadler auf eine Hilfe. Er produziert kleine Videofilme. In den ersten Klassen kommt bei ihm noch ein Plüschaffe zum Einsatz, der sozusagen das Gegenüber darstellen soll, das Fragen stellen kann – etwa bezüglich Dezimalzahlen. Mittlerweile haben drei Kolleginnen das Konzept übernommen, drehen ebenso Erklärvideos, eine Lehrerin arbeitet auch mit einem Tier, einer Eule.

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    Junglehrer Felix Stadler bei der Arbeit.

    Und so funktioniert es: Die Kinder bekommen einen Lernplan, auf dem Beispiele stehen. Um sie besser lösen zu können, gibt es dazu die Erklärvideos, die mittels QR-Code verlinkt sind. Das Lernziel lautet beispielsweise: "Ich kann Dezimalzahlen vergleichen und auf dem Zahlenstrahl darstellen." Je nach Aufgabenstellung haben die Kinder ein bis zwei Wochen Zeit, ihre Arbeit zu erledigen. Wichtig ist für Stadler dabei auch: Egal wo – ob am Boden, auf dem Platz, dem Gang und unterm Tisch, das spielt keine Rolle. Die Art der sozialen Interaktion habe sich sehr gewandelt, sagt Stadler.

    Wie lange an einem Video gearbeitet werde? "Wir haben keinen Perfektionsanspruch", gesteht der 23-jährige Lehrer. Der Druck kommt von anderer Seite: "Herr Stadler", heißt es da von den Kindern, "wann kommt eigentlich das nächste Video?"


    Lehrer buchen, Eigenverantwortung übernehmen

    Im niederösterreichischen Ybbs hat man sich für eine andere Art von Schule entschieden: "Bei uns sind 20 Prozent des Unterrichts eine Holschuld der Schüler", sagt Direktor Rainer Graf und erklärt, was er damit meint: An seinem Schulstandort, der eine Handelsakademie, eine Handelsschule und eine IT-HTL umfasst, wurden die 50-Minuten-Einheiten auf 40 Minuten gekürzt. Die 240 Stunden, die man damit gewonnen hat, bekommen die Schülerinnen und Schüler in Form von sogenannten "Indy" -Einheiten (eine Kombination aus "Independence" und Ybbs) wieder zurück. Dafür müssen die Kinder eine Lehrkraft ihrer Wahl über ein Onlinesystem "buchen" – sei es zur intensiven Vorbereitung auf die Matheschularbeit, sei es für "Gehirnjogging" mit dem Turnlehrer.

    Sicher, zu Beginn haben einige die neue Freiheit dazu benutzt, um nur noch Yogastunden zu belegen, aber: "Nach den ersten zwei Monaten waren diese Vermeidungshandlungen wieder vorbei, die Kinder haben gemerkt, es ist schade drum, die Zeit so verstreichen zu lassen", sagt der Direktor. Jetzt würden die Schüler die freien Stunden dafür nutzen, ihre Interessen zu vertiefen oder um jene Stoffgebiete, die ihnen Schwierigkeiten bereiten, noch einmal intensiv durchzugehen. Übrigens: Man kann auch vom Lehrer zwangsverpflichtet werden!

    Herr Graf ist vom neuen Schulmodell begeistert. Es habe sich eine Kultur des Fragens entwickelt, Lehrer müssten nicht mehr alles wissen: "Das macht Schule menschlich und nimmt das Paradigma der Angst." Das Beste: "Damit haben wir den Schülern alle Ausreden weggenommen." Wer eigenverantwortlich lernen will, muss auch für den eigenen Lernerfolg Verantwortung übernehmen. Die Ergebnisse bei der letzten Zentralmatura würden zeigen, dass "es funktioniert".


    Latein lernen – mit den Beatles und Bob Dylan

    Wer glaubt, Latein sei ein verstaubtes, unnützes und vor allem angsteinflößendes Fach, der sollte einmal in das Gymnasium Fichtnergasse in Wien-Hietzing gehen. Dort zeigt Lehrer Roland Kadan, dass es auch anders geht. "Für viele ist Latein angstbesetzt", sagt auch er, aber das sei "abhängig von der Person, der man ausgesetzt sei". Der Ruf als "Paukfach" habe früher sicherlich "autoritäre Sturschädeln" angezogen. Das sei heute anders, geholfen habe auch ein geänderter Lehrplan. Gelernt wird jetzt nach Themen – wie Mythos, Politik oder Rhetorik. Der Unterricht sei abwechslungsreicher, findet Kadan.

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    Roland Kadan und seine Gitarre: Der Latein-Lehrer singt mit seinen Schülerinnen und Schülern.

    Der Lehrer hat dennoch ein Extra in seinen Lernstunden eingebaut. Wenn er in die Klassen geht, kommt eine Gitarre mit. Er singt mit den Kindern. Was ihm insofern entgegenkommt, weil er dies als evangelischer Religionslehrer oft macht. Die Liedtexte sind natürlich auf Latein. Und dennoch trällern die Kinder begeistert statt gelangweilt mit – auch wenn die Lehrerstimme sie kräftig übertönt. Wieso die Kinder so mitziehen? Es liegt auch an den Liedern.

    Da wird zum Beispiel "Hoc venti, qui flant, responsum tibi dant, responsum hoc venti tibi dant" gesungen. Erkannt? Es ist Bob Dylans Klassiker Blowin' in the Wind. Aus As Tears Go By von den Rolling Stones wird ein "Hic sedeo cum lacrima". Ob Beatles oder Nana Mouskouri; Kadan steht ein kunterbuntes Potpourri zur Verfügung.

    Auf die Idee sei er gekommen, als er in einer anderen Schule immer wieder vor einer völlig demotivierten Klasse stand: "Um mit den Kindern arbeiten zu können, musste ich sie immer vorher erst aufbauen." Kadan kannte ein altes Liederbuch und probierte es aus – erfolgreich. Die Übersetzungen haben ihm aber dann doch nicht gefallen. Seither ist der Lehrer auch Buchautor: Cantare necesse est. Lieder in lateinscher Sprache heißt sein Werk, aus dem gesungen wird.

    Für den 57-Jährigen ist es fast unvorstellbar, einmal nicht mehr morgens zum Unterricht gehen zu können. Eines sei gewiss: "Ich gehe kein Jahr früher, als ich muss." (Peter Mayr, Karin Riss, 29.06.2018)

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